Praxistest

Der Motor reißt es raus Renault Kadjar - das Paket ist nicht ganz rund

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Der Renault Kadjar ist ein schicker Zeitgenosse, hat aber auch einige Tücken.

(Foto: Holger Preiss)

Mit dem Kadjar hat Renault einen Bestseller im Programm. Jetzt hat das SUV im Zuge des Facelifts auch ein neues Triebwerk bekommen. Das ist richtig gut, aber am Ende des Praxistests auf n-tv.de bleibt doch die Frage nach dem Verhältnis von Preis und Leistung.

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Die Endrohrverblendungen des Renault Kadjar sind nur Show.

(Foto: Holger Preiss)

Es ist einige Zeit her, dass n-tv.de einen Renault im Praxistest hatte. Umso wichtiger schien es, den Kadjar, der in diesem Jahr ein Facelift erhalten hat, nach Berlin zu bitten. Das mittelgroße SUV der Franzosen ist schließlich seit seinem Erscheinen auf dem Markt im Jahr 2015 ein Bestseller. Renault hat nach eigenen Angaben bis heute weltweit mehr als 450.000 Kadjar verkauft. Und ganz ehrlich: Auch die Fernsehwerbung, die die Franzosen für ihren Kraxler machen, kann einen in den Bann ziehen.

Mit viel Platz der Zeit hinterher

Und wenn man dann so live vor dem Franzosen steht, kommt man nicht umhin, ihn ganz schick zu finden. Zumal der Tester in der Sonderedition Bose angetreten ist. Ja richtig, Renault hat hier eine Soundanlage des US-amerikanischen Edel-Audio-Unternehmens verbaut. Dessen Klang kann man natürlich besonders gut genießen, wenn man auf den - ebenfalls im Bose-Look gehaltenen - schwarzen Polstern Platz nimmt. Die haben eine um sechs Zentimeter ausziehbare Oberschenkelauflage, könnten aber den auf straffe Polster geschulten rückwärtigen Diensten deutscher Autofahrer einen Tick zu weich sein.

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Im Innenraum hat der Renault Kadjar die Zeit verschlafen.

(Foto: Holger Preiss)

Aber das ist Geschmacksache und so kuscheln wir uns in das weiche Gestühl und betrachten das Umfeld, das Renault geschaffen hat: Da fällt auf, dass zur Bedienung der Soundanlage - sprich Lautstärke, Sender- oder Titelwahl - immer noch der Satellit hinter dem Lenkrad genutzt wird. Das ist eine Errungenschaft aus den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts, was inzwischen mehr als angestaubt wirkt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass andere Hersteller ihre Bedieneinheiten seit Jahrzehnten in das Volant integrieren. Ebenso nebulös bleibt es, dass die Knöpfe für den Speedlimiter und den Tempomaten in der Mittelkonsole sind. Auch das verbauen andere Hersteller in der Lenkradbedienung. Nun soll darüber nicht gegreint werden, betrachten wir es an dieser Stelle mal als französische Eigenheit. Ob die gefällt, mag jeder für sich entscheiden.

Doch wer so im Kadjar sitzt, wird noch etwas anderes feststellen: Es ist reichlich Platz vorhanden. Nicht nur für die Passagiere, sondern auch für Kleinkram, den man hier und da verstauen kann. Das Fach in der Mittelkonsole fasst sechs Liter und hat - auch das renaulttypisch - noch ein Fach für Kleinigkeiten darüber. Die Mittelarmlehne lässt sich in Längsrichtung verschieben und sorgt so für eine bequeme Armauflage für Fahrer aller Größen. Die Sitzverstellung erfolgt im Testwagen manuell und angesichts der sinkenden Temperaturen fällt auf, dass die Heizung für das Gestühl eines Kreuzes in der Optionsliste bedarf, das für den Testwagen nicht gemacht wurde.

Toller neuer Vierzylinder

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Renault ist wohl einer der letzten Hersteller, die den Motor völlig blank unter der Haube liegen lassen.

(Foto: Holger Preiss)

Nun gut, den echten Fahrer wärmt ohnehin das Pilotieren seines Gefährts und so soll es auch mit dem Renault Kadjar sein. Allerdings fällt schon nach den ersten Kurven auf, dass der Franzose nicht durch eine besonders direkte Lenkung glänzt. Hier ist alles eine Nummer weicher. Auch die sechsstufige Handschaltung, die recht knorpelig durch die Gassen rutscht, um das maximale Drehmoment von 260 Newtonmetern an die Vorderräder zu bringen. Das wiederum stellt der nagelneue 1,3-Liter-Vierzylinder ebenso zur Verfügung wie 159 PS. Und tatsächlich versteht, wer mit diesem Motor unterwegs ist, warum Mercedes das Triebwerk sowohl für seine A- und B-Klasse als auch für den GLB adoptiert hat. Für exakt 2000 Euro mehr gibt es übrigens ein siebenstufiges Automatikgetriebe, das sich mit Blick auf den Fahrkomfort im Kadjar durchaus bezahlt machen könnte.

Ansonsten ist die Applikation des Motors im Franzosen besser gelungen als bei den in Stuttgart nachbearbeiteten Triebwerken. Der Treibsatz im Kadjar wirkt weniger bemüht, stellt seine Kraft mit entsprechender Pedalbewegung zur Verfügung, hat aber auch gar kein Problem damit, sich niedrigtourig fahren zu lassen. Tempo 50 im sechsten Gang? Kein Problem. Und selbst wenn man so dahingleitet, ist es möglich, recht spontan Leistung abzurufen. Selbst aus dem tiefsten Keller geht der kleine Vierzylinder ordentlich voran. Diese unaufgeregte Fahrweise spiegelt sich dann auch im Verbrauch wider. Mit 7,5 Litern im Test, bei vermehrten Stadtfahrten, kann der Kadjar sich sehen lassen. Wer es doch mal eilig hat, ist dann auch in der Lage, das SUV in 9,9 Sekunden auf Tempo 100 zu beschleunigen und am Ende 210 km/h schnell zu werden.

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Die Sitze im Kadjahr sind dem einen oder anderen vielleicht etwas zu weich, aber insgesamt recht bequem.

(Foto: Holger Preiss)

Genau hier zeigt sich der Kadjar als ruhiger Gleiter. Geht es aber über unwirtlichen Straßenbelag, dann wankt der Franzose wie eine Sänfte. Was nicht weiter schlimm wäre, würde dieses Schaukeln nicht von heftigen Stößen bei entsprechenden Querfugen konterkariert. Wer das in seiner ganzen Radikalität testen möchte, der suche sich eine Strecke mit grobem Kopfsteinpflaster und entsprechenden Schlaglöchern. Dann doch lieber lange Autobahnpassagen. Die lassen sich mit dem Kadjar sehr charmant überlaufen, wenn man mal die nicht ganz konsequente Geräuschdämmung außer Acht lässt.

Kaum Assistenten an Bord

Aber das ist ja gar nicht schlimm, denn hier fährt schließlich das Sondermodell Bose mit einer entsprechenden Soundanlage. Allerdings stellt man recht schnell fest, dass die in viel Hartplastik eingebetteten Lautsprecher kein unnachahmliches Klangerlebnis liefern. Leider beschränkt sich auch die Einstellung des Sounds auf Höhen und Tiefen. Die Bedienung erfolgt über den lediglich 7 Zoll großen Touchscreen in der Mittelkonsole, wobei sowohl die Menüführung als auch die Grafik des TFT etwas aus der Zeit gefallen sind. Was wirklich gut funktioniert, ist das hier mitgelieferte Navi, das während des Tests mit großer Sicherheit Staus im Stadtverkehr umschiffte. Wer will, kann sein Smartphone natürlich auch über Apple CarPlay oder Google Auto spiegeln. Auch eine induktive Ladestation gab es nicht. Dafür hatte das Ablagefach eine sich aufwölbende 12-V-Steckdose, die allerdings von einem normal großen Handy - wenn man es dort parkte - überdeckt wurde.

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Mit bis zu 1478 Litern Stauraum lässt sich im Renault Kadjar einiges einpacken.

(Foto: Holger Preiss)

Nicht ganz up to date ist Renault im Falle des Testwagens auch mit den Assistenssystemen. Außer einem Totwinkel-, einem Spurhaltewarner, einem adaptiven Parkassistenten mit Rückfahrkamera und 360-Grad-Sensoren und einem Bremsassistenten gibt es nichts. Allerdings kann Letztgenannter vernachlässigt werden, weil er im Zentraldisplay über 98 Prozent der Testfahrten bekannt gab, nicht aktiv zu sein. Ach so: Das "Protection-Paket" kostet in Summe 990 Euro extra und rechnet sich auf den Grundpreis von 32.290 Euro auf. Insgesamt überrascht es aber, dass Renault in diesem Segment und zu diesem Preis ein Auto ohne adaptive Assistenten anbietet. Wer hier bei den Mitbewerbern schaut, wird für das Geld deutlich mehr elektronische Unterstützung bekommen.

Was das Platzangebot betrifft, muss sich der Kadjar wie gesagt nicht verstecken. Mit Reserverad sind es im Kofferraum 472 Liter Stauraum, wird die Mulde mitgenutzt, stehen 527 Liter zur Verfügung und wenn die Rücklehne der Fondsitzbank wahlweise über den Bedienhebel aus dem Kofferraum umgelegt wird, entsteht eine plane Fläche, auf der Ladegut auf 1478 Litern verstaut werden kann. Zudem lässt sich der Kofferraum mithilfe des variablen Ladebodens in bis zu vier Segmente teilen. Und wer den Beifahrersitz flach macht, kann sogar ein Surfbrett mit einer Länge von bis zu 2,56 Metern hinter der Heckklappe verstauen. Schade, dass sich die im Testwagen nicht elektrisch öffnen ließ. Dafür - und das ist ein wirklich hilfreiches Feature - verschließt der Kadjar sich selbständig, sobald der Schlüssel-Träger sich mit der Funkfernbedienung drei Meter vom Wagen entfernt hat.

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Der Renault Kadjahr macht vor allem mit dem neuen 1,3-Liter-Vierzylinder eine gute Figur.

(Foto: Holger Preiss)

Fazit: Der Renault Kadjar ist ein durchaus gelungenes Mittelklasse-SUV. Allerdings gehen die Franzosen im Preis recht hoch ran, was angesichts der Mitbewerber in diesem Segment mutig ist. Denn die bieten zum Teil nicht nur eine bessere Ausstattung, sondern auch bessere Materialien im Innenraum und ein konsequenter abgestimmtes Fahrwerk. Womit der Kadjar glänzen kann, ist sein 1,3-Liter-Vierzylinder mit 159 PS. Bei dem haben die Franzosen alles richtig gemacht. Und auch das Platzangebot zeichnet den Kadjar aus. Wobei auch das am Ende kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist.

DATENBLATTRenault Kadjar Bose Edition TCe 160 GPF
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,41 m/ 1,84 m/ 1,62 m
Radstand2,65 m
Leergewicht (DIN)1408 kg
Sitzplätze5
Emissionsklasse (WLTP)EU 6d-Temp
Motor/HubraumR4-Turbobenziner mit 1333 ccm Hubraum
GetriebeSechsgang Handschalter
Leistung159 PS (117 kW) bei 5000 U/min
max. Drehmoment260 bei 1750 U/min
KraftstoffartBenzin
Tankinhalt55 Liter
Kofferraum472/ 1478 Liter
Höchstgeschwindigkeit210 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h9,9 s
Normverbrauch (kombiniert) NEFZ-BT 5,9 l
Testverbrauch7,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch nach WLTP)
151 - 145 g/km
Grundpreis32.290 Euro
Preis des Testwagens33.930 Euro

Quelle: n-tv.de

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