Praxistest

Schwede mit Charakter Volvo S60 T4 - gegen 3er und C-Klasse

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Limousinen sind nicht mehr up to date? Betrachtet man den Volvo S60 T4 so, mag man es nicht glauben.

(Foto: Holger Preiss)

Kommen Limousinen wieder in Mode? Eher nicht. Doch beim Blick auf den Volvo S60 kann man schon schwach werden. Zudem stellt sich der Schwede wie gehabt gegen Größen wie 3er BMW und Mercedes C-Klasse. Aber reicht ein T4, um die Deutschen zu kontern?

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Den Schweden gilt der Volvo S60 als Sportlimousine und das ist er auch als T4.

(Foto: Holger Preiss)

Volvo selbst bezeichnet seinen S60 als Sportlimousine. Und tatsächlich haben die Schweden, deren schmucker Sedan seit Mitte 2018 ausschließlich in den USA gebaut wird, auch ein Design-Händchen. Denn eigentlich ist der Wagen ja eher eine Coupé-Limousine als ein schnödes Stufenheck. Damit kann man den S60 also getrost neben eine Mercedes C-Klasse oder einen 3er BMW stellen. Denn genau die beiden dürften auf dem Weltmarkt die entscheidenden Gegner des scharf gezeichneten Nordländers sein. Klar verkaufen sich Limousinen in den USA und China besser als in Deutschland, aber auch hierzulande hat man das Gefühl, wieder mehr Stufenhecks zu sehen.

Wie dem auch sei: Volvo bietet seine Limousine ausschließlich mit Benzinmotoren und als Plug-in-Hybrid an. Zum n-tv.de Test wurde der S60 als T4 gebeten. Wie alle Triebwerke schöpft auch der T4 seine 190 PS aus 2,0 Litern Hubraum. Wobei das maximale Drehmoment von 300 Newtonmetern ab 1700 Kurbelwellenumdrehungen durch eine serienmäßige Achtgang-Automatik an die Vorderräder geleitet wird. Nein, mit 190 Pferden unter der Haube ist der S60 T4 kein Sportwagen. Dennoch hat er abseits des R-Designs eine durchaus dynamische Attitüde. Der Vierzylinder zieht nämlich stark an und beschleunigt sich unter kernigem Brummen, das durchaus an eine V8 erinnert, in knapp sieben Sekunden auf Landstraßentempo. Dabei muss das Gaspedal nicht mal wild in Richtung Bodenblech getreten werden, sondern es reicht eine sanfte, aber konsequente Fußbewegung in nämliche Richtung.

Gleiter und Dynamiker

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Unter der Haube sieht man vom Vierzylinder nicht viel. Fein haben die Schweden das Triebwerk verpackt.

(Foto: Holger Preiss)

Etwas anders verhält es sich bei einem spontanen Leistungsabruf aus dem Lauf, also bei Überholvorgängen auf Landstraße und Autobahn. Nicht, dass den T4 hier die Kraft verlassen würde, nein, die ist zweifelsohne vorhanden. Lediglich die Automatik spannt bei den Schaltvorgängen etwas den Gummi. Das ist im Sturmlauf nicht wirklich hinderlich, aber spürbar. Natürlich kann man die Schaltvorgänge mit Einlegen der Fahrstufe Dynamik etwas knackiger machen. Wer den Zug ganz unterbinden möchte, nutzt einfach die Schaltwippen am Lenkrad. Aber Achtung, Grundvoraussetzung dafür ist, dass man sie separat geordert und mit 170 Euro zusätzlich bezahlt hat. Das ist aber eine Investition, die sich für sportliche Fahrer in jedem Fall lohnt. Am Ende wird der T4 natürlich auch ohne Schaltwippe 220 km/h schnell.

Ja, damit ist der Schwede im Vergleich zum BMW 320i mit 184 PS gute 15 km/h langsamer und auch dem Mercedes C 200 mit ebenfalls 184 PS muss sich der Volvo um 17 km/h geschlagen geben. Allerdings dürfen diese Werte gerne unter Ulk verbucht werden, denn relevant sind sie im Endeffekt nicht. Interessanter ist da der Verbrauch. Der T4 ließ sich im Test geschmeidig mit 8,5 Litern fahren. Und dabei durfte die Tachonadel des volldigitalen Zentraldisplays schon mal an die Grenze getrieben werden. Klar, wer das regelmäßig und über lange Strecken macht, der fährt zielsicher in den zweistelligen Bereich. Das gilt auch, wenn man das sportliche Vermögen des S60 im bergigen und kurvigen Geläuf austestet.

Der gibt sich keine Blöße

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Fast schon coupéhaft ist die Silhouette des S60.

(Foto: Holger Preiss)

Wichtiger ist der Umstand, dass sich der Wagen auch hier keine Blöße gibt. Er folgt präzise den Befehlen, die der Fahrer über die Lenkung erteilt und hält sicher die Spur. Wer zuvor die adaptive Luftfederung in seinen S60 für 900 Euro eingepreist hat, darf für derartige Sportfahrten die Regler gerne auf Dynamik stellen. Hier strafft sich das Fahrwerk deutlich, der Federweg wird kürzer und die Stöße bei Querfugen sportlicher. Sportlicher wird aber auch die Kurvenstabilität. Selbst wenn die Serienbereifung bereits ihr Lied in der Kehre singt, gibt es keinen Versatz und der Volvo zieht weiter seine Bahn. So gefahren, ist die hauseigene Bezeichnung des S60 als "Sportlimousine" dann auch keineswegs übertrieben.

Aber es gibt noch einen anderen Zusatz, den man in Göteborg gerne in die Fahrzeugpapiere schreibt: Premium. Und auch hier muss sich der V60 kein bisschen vor der deutschen Konkurrenz verstecken. Die Verarbeitung des Testwagens war tadellos, die verwendeten Materialien bis in die letzte Ecke wertig und ein Klappern, Knarzen oder Knacksen gab es hier nicht. Was tatsächlich im Praxisbetrieb etwas störte, war die etwas wuchtige Radareinheit hinter der sehr flachen Windschutzscheibe. Wer hier vor der Ampel steht, muss sich den Blick auf das Lichtleitsystem der Kreuzung durch einen Sehschlitz erkämpfen.

Nicht ganz durchdacht

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Wertig und schick ist der Innenraum des Volvo S60. Leider nicht in allen Details voll durchdacht.

(Foto: Holger Preiss)

Ebenfalls nicht ganz durchdacht erscheint das Ablagensystem. So gibt es keinen Platz, an dem das Smartphone induktiv geladen werden kann und der schmale Schlitz unterhalb des hochkant gestellten, 9 Zoll großen Displays in der Mittelkonsole zum Abstellen des Handys ist tatsächlich etwas schmal geraten. Die Bedienung der Systeme hinter dem TFT ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht unmöglich und wenn man die Systematik einmal durchschaut hat, läuft es auch ganz locker aus den Fingern. Und damit hört die Kritik auch schon auf.

Die Sitze sind seit jeher eine Macht von Volvo und so machen sie auch im S60 keine Ausnahme. Straff gepolstert, mit elektrisch verlängerbarer Oberschenkelauflage und gut ausgeformten Seitenwangen taugen die nicht nur für das Kurven-Surfen, sondern auch für die Langstrecke. Das gilt übrigens auch für die zweite Reihe. Zwar ist die Sitzfläche hier recht steil angestellt, vermittelt aber dem Fond-Passagier nicht das Gefühl, im Zahnarztstuhl zu sitzen. Dafür verhindert diese Position, dass größer gewachsene Menschen sich den Kopf am Dachhimmel oder die Knie an der Lehne des Vordermanns schubbern müssen. Im Fond hat sich Volvo ebenfalls bemüht, den Polstern langstreckentaugliche Konturen zu geben, so dass sich auch in der zweiten Reihe über die Zeit niemand beschweren muss.

Willkommene Helferlein

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Sitze können die Schweden, vorn wie hinten im Volvo S60.

(Foto: Holger Preiss)

Über die Zeit sind dem Fahrer des S60 vor allem die elektronischen Helferlein eine willkommene Arbeitserleichterung. Mit 1750 Euro schlägt das "Intelli-Safe-Pro-Paket" zu Buche. Dafür ist hier aber auch alles drin: Totwinkel-Assistent, der Cross Traffic Alert warnt beim Zurücksetzen und bremst bei Bedarf, Rear Collision Warning informiert, wenn sich ein Fahrzeug zu schnell von hinten nähert und strafft die Gurte, um einer möglichen Kollision vorzubeugen. Natürlich ist in dem Paket auch das adaptive Abstandsradar enthalten, das selbständig Geschwindigkeit und Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält, abbremst und im Stau wieder anfährt. Funktionierte im Testwagen alles aufs Beste und ließ auch Distanzen über 700 Kilometer - mit einem Tank-Stopp - locker am Stück bewältigen.

Natürlich ist damit noch lange nicht das Ende der Optionsliste erreicht. Wer sich die Fahrdaten über das sehr gute Head-up-Display in der Frontscheibe anzeigen lassen möchte, das Klima über vier Zonen regeln und den Himmel durch ein Panoramadach sehen will, muss weitere 2450 Euro investieren. Damit hätte er jedenfalls das Xenium-Paket erworben, in dem diese Optionen enthalten sind. Was es übrigens nicht für Geld gibt, ist mehr Stauraum im Gepäckabteil. Das ist mit 442 Litern nicht üppig bemessen und krankt auch daran, dass es über der Hinterachse ansteigt, also keine plane Fläche bietet. Wird das Ladegut also hinter der Rückbank verstaut, rutscht es lustig den Berg hinunter.

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Ladefreunde werden nicht so viel Freude am 440 Liter fassenden Kofferraum des Volvo S60 haben. Für den Reiseverkehr reicht es aber locker.

(Foto: Holger Preiss)

Fazit: Der Volvo S60 T4 ist ein Auto, das nicht nur schick aussieht, sondern im Vergleich mit 3er BMW und C-Klasse am Ende sogar preiswerter ist. Zwar steigt der Schwede mit 43.200 Euro höher ein, bietet dafür aber bereits in der Grundausstattung mehr und ist im Endeffekt bei kompletter Zubuchung mit 52.180 Euro preiswerter als die ähnlich konfigurierte deutsche Konkurrenz. Qualitativ und fahrtechnisch muss sich der S60 ohnehin nicht verstecken. Insofern sollte, wer mit 3er oder C-Klasse liebäugelt, durchaus mal eine Probefahrt im Schweden wagen.

DATENBLATTVolvo S60 T4
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,76 m/ 1,85 m/ 1,43 m
Radstand2,87 m
Leergewicht (DIN)1677 kg
Sitzplätze5
Emissionsklasse (WLTP)EU 6d-Temp
Motor/HubraumR4-Turbobenziner mit 1969 ccm Hubraum
GetriebeAchtgang Automatik
Leistung190 PS (184 kW) bei 5000 U/min
max. Drehmoment300 bei 1700 - 4000 U/min
KraftstoffartBenzin
Tankinhalt60 Liter
Kofferraum442 Liter
Höchstgeschwindigkeit220 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h7,1 s
Normverbrauch (kombiniert) WLTP8,0 l
Testverbrauch8,8 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch nach WLTP)
181 - 161 g/km
Grundpreis43.200 Euro
Preis des Testwagens52.180 Euro

Quelle: n-tv.de

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