Leben

"Ich will keine Schokolade!" Alles Gute zum Muttertag, oder so ...

103157317.jpg

Über Blumen, Pralinen und Schmuck freuen sich Frauen auch an allen anderen Tagen des Jahres!

(Foto: picture alliance / Daniel Naupol)

Blumen, Pralinen, Selbstgebasteltes, eine Handtasche oder ein Kurztrip - das alles gibt es zum Muttertag. Danke, süß. Was frau aber wirklich braucht, ist Gleichberechtigung, Unterstützung, Anerkennung, Netzwerke und eine familienfreundliche Politik, die Mütter nicht als Sklavinnen betrachtet.

Krankenschwestern und Pflegerinnen brauchen kein Geklatsche auf dem Balkon - sie brauchen mehr Geld. Busfahrerinnen, Kindergärtnerinnen und Kassiererinnen ebenso. Und wenn Frauen bereits einen Job haben, der ihnen mehr Geld als durchschnittlich einbringt, dann brauchen sie trotzdem, na? Richtig - mehr Geld, denn der "ebenbürtige" männliche Kollege verdient meist mehr als sie. Und vor allem braucht die Frau mehr Entlastung.

Die Corona-Krise hat nun an den Tag gebracht, was viele Frauen sich heimlich schon gedacht und - wie so oft - nicht gewagt haben, auszusprechen: Wir sind noch lange nicht so weit, wie wir geglaubt haben. Verlagsmanagerin Julia Jäkel schrieb dazu zum Beispiel in der "Zeit" letzte Woche: "Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg." In den Augen der 48-jährigen Mutter von Zwillingen reichen ein paar Wochen Virus, und schon bröckeln die mühsam aufgebauten und langsam justierten gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensstrukturen. Ist das wirklich so?

imago0100230132h.jpg

Soziologin Jutta Allmendinger befürchtet, Frauen würden von der Corona-Krise weit zurückgeworfen.

(Foto: imago images/Jürgen Heinrich)

Frauen gehen mit Riesenschritten zurück ins Patriarchat, das sagte auch die Soziologin Jutta Allmendinger neulich bei "Anne Will". Stephanie Bschorr, Rechtsanwältin, Steuerberaterin und Geschäftsführerin der HTG Wirtschaftsprüfung GmbH, sieht das ähnlich: "Machen wir uns nichts vor - es sind die Mütter, die die aktuellen Homeschooling-Angelegenheiten zu großen Teilen wuppen. Und wenn du dich dann vielleicht noch um ein altes Elternteil kümmern musst, dann prost Mahlzeit."

Die ehemalige Präsidentin des VdU (Verband deutscher Unternehmerinnen) weiß, wovon sie spricht: "Es bedeutet, dass Frauen oft erst nach dem Abendessen anfangen können zu arbeiten. Ich sage ja nicht, dass Männer gar nichts machen, aber ein Großteil bleibt wirklich an den Frauen hängen." Und fährt fort: "Mir persönlich ist es am wichtigsten, dass wir solidarisch sind und gemeinsam in die Normalität zurückkehren. Homeoffice mit kleinen Kindern hat jedenfalls meine höchste Bewunderung."

Neue - männliche - Führungszirkel?

Corona mache sichtbar, "wer in Deutschland wirklich, wirklich entscheidet", findet auch Julia Jäkel, und fügt noch hinzu, dass sie sich lange überlegt habe, ob sie mit ihrer Meinung überhaupt an die Öffentlichkeit gehen wolle. Ihre Anmerkung, dass es seit Tagen in ihr arbeite ("Ich möchte etwas dazu schreiben, aber ich traue mich nicht"), ist vielleicht typisch weiblich.

Auch das kennt Stephanie Bschorr, die Frage an die 53-Jährige "Hat Ihr Umfeld ab und zu Probleme mit der Macht, die zu Ihrem Job gehört?" beantwortet sie mit einem lauten Lachen und einem glasklaren "Ja": "Das habe ich schon oft erlebt. Man hat mir auch schon gesagt, dass man Angst haben könnte vor mir. Und warum? Weil ich dies und das kann und das und das auch noch erledige. Deswegen erzähle ich niemals als Erstes, was ich wirklich alles mache! Denn das gilt nicht als weiblich. Und das bin ich trotz allem sehr gerne."

imago0078296825h.jpg

Stephanie Bschorr zusammen mit Ivanka Trump, Christine Lagarde, Bundeskanzlerin Merkel, Manuela Schwesig und Königin Maxima.

(Foto: imago/Sven Simon)

Zurück zu Julia Jäkel: Schon immer engagiert sich die Medienfrau für andere Frauen, aber als sie las, dass SAP-Co-Chefin Jennifer Morgan (die erste Frau an der Spitze eines Dax-Unternehmens) gehen musste und der Kollege Christian Klein nun allein die Geschicke des Ladens in der Hand behält, da rumorte und brodelte es in ihr und daraus wurde - zum Glück - ein Text. Denn andere Frauen brauchen Aussagen von Frauen wie Julia Jäkel. Sie selbst bemerkt in diesen Wochen weniger Frauen in ihren eigenen Telefon-Konferenzen und befürchtet, dass sich neue Führungszirkel etablieren. Während die Frauen zu Hause Homeschooling, Kita-Betreuung und den Rest vom "Gedöns" übernehmen, werden die Männer also wieder - Diversitätsdebatten, Frauenquoten hin oder her - ganz selbstverständlich das Ruder an sich reißen. Oder?

Systemrelevant heißt nicht, dass auch so bezahlt wird

Auch Stephanie Bschorr befürchtet das: "Ich fürchte, dass diese Rolleneinteilung seit Jahrhunderten so in uns ist, und es braucht Zeit, um Änderungen durchzusetzen." Außerdem glaubt die 53-Jährige, dass die soziale Schere ganz klar auseinandergeht im Moment, mehr als sonst: "Das ist eine Tatsache, der wir uns schnell stellen müssen".

imago0081162462h.jpg

Blumen findet Stephanie Bschorr nicht nur am Muttertag super.

(Foto: imago/Sven Simon)

Das Thema Digitalisierung, auch so ein heißes Eisen: "Ja, die Digitalisierung drängt Frauen leider immer noch ins Abseits", sagt Bschorr ntv.de. "Ich bin ganz der Meinung von Tech-Gründerin Verena Pausder, die neulich gesagt hat, dass Programmieren ein Fach wie eine Sprache an den Schulen werden muss. Dann haben wir eine Chance auf echte Reformen. Mädchen und Jungs sollten das lernen, so früh wie möglich, denn das ist nichts anderes als eine Fremdsprache."

Lassen wir hier eventuell eine historische Chance verstreichen, wenn wir uns an vielen Stellen wie gelähmt verhalten und nicht über unseren Tellerrand hinaus denken? "Ja. Weil wir momentan nur darüber nachdenken, wie wir gesund bleiben", so Bschorr. "Es ist durchaus menschlich, in den Dingen zu verharren, die man kennt, und es ist verständlich, dass man versucht, mit Neuem umzugehen, in dem man seine alten Muster darauf anwendet, aber das bringt einen nicht weiter."

Anstatt sich also nur über einen neuen Online-Yogakurs und Anleitungen zum Maskennähen zu identifizieren, könnte frau auch anderswo die Ärmel hochkrempeln und sagen: "Ich denke. Ich delegiere. Ich mach' das mal!" Frei nach Angela Merkels "Wir schaffen das": Sollten Frauen sich demnach noch viel weiter zusammenschließen und ihre Kräfte bündeln? "Ja, unbedingt", findet Bschorr. "Wir müssen die Zeit nutzen! Wir sollten uns überlegen, wie wir eine moderne Arbeitswelt erschaffen, auf einem Fundament, auf dem wir die nächsten zehn Jahre aufbauen können."

Es ist ja nicht so, dass diese Ungerechtigkeiten sonst nicht existent wären - Corona macht sie nur sichtbarer: Mal abgesehen davon, dass fast nur männliche Experten in TV und Radio erklären, wie die Krise zu meistern ist, besetzen Frauen trotz ihres rund 75-prozentigen Anteils an systemrelevanten Beschäftigten nur 30 Prozent der Führungspositionen in Deutschland und liegen damit klar unter dem EU-Durchschnitt. Zur Erinnerung: Systemrelevant heißt nicht, dass auch systemrelevant bezahlt wird.

Bin ich weiblich genug?

Unabhängig von Corona: Stephanie Bschorr wirbt für junge Frauen und Technik - wie läuft's? "Das mache ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Aufsichtsrätin an der HTW, der Hochschule für Technik und Wirtschaft, wir bauen gerade ein Gründerzentrum auf. Ich versuche, Frauen dafür zu begeistern, sich selbstständig zu machen, weil es einfach eine unglaubliche Flexibilität birgt, die man vor allem dann braucht, wenn man kleine Kinder hat."

Und weiter: "Ich habe neulich gerade mit der bereits erwähnten Verena Pausder darüber gesprochen, die ja Mit-Initiatorin von 'Startup Teens' ist: Da sollen Schülerinnen fürs Unternehmerinnentum begeistert werden", so Bschorr. Bei den jungen Mädchen in der Pubertät überwiege aber, sagt sie, der Wunsch, den Jungs gefallen zu wollen. Die Frage "Was ist weiblich und wie definiere ich das für mich?" steht im Raum. "In den Köpfen von Teenagerinnen ist auf jeden Fall nicht drin, dass sie mal ein Mathe- oder Physik-Genie sein könnten. Die Leichtigkeit und die Neugier auf diese Themen, die müssen am besten schon vor der Pubertät in den Köpfen der Mädchen implementiert werden."

Es ist immer noch in den Köpfen, wie eine Frau, die mal die Mutter von Kindern eines Mannes wird, zu sein hat: gutaussehend, treu, fürsorglich. Stark, autoritär und zielorientiert steht in dieser Job-Beschreibung nicht drin. "Und von einer Unternehmerin, die mit einem von ihrem eigenen Geld bezahlten Porsche von Meeting zu Meeting düst, steht da schon gar nichts", sagt Bschorr.

Business as usual? Bitte nicht!

Die berühmteste Trendforscherin der Welt, Li Edelkoort, sagte in der Anfangsphase der Corona-Krise, dass die menschliche Psyche es einfach nicht wahrhaben will, was gerade passiert. Der Mensch wünsche sich, "dass die Dinge sich von alleine lösen, während man abwartet, Zeit verplempert und weiter business as usual macht". Sie weiß aber auch, dass es keine schnelle Heilung gibt: "Sobald das Virus unter Kontrolle ist, werden wir das aufsammeln, was übrig ist und alles wieder von null aufbauen."

Hoffen wir mal, dass das nicht wieder nur die "Trümmerfrauen" sind, die neue Strukturen im Leben erschaffen - die dann von Männern besetzt werden.

Übrigens: Über Blumen, Pralinen und Schmuck freuen sich Frauen auch an allen anderen Tagen des Jahres!

Quelle: ntv.de