Leben

Kampf gegen Vorurteile Architektinnen brauchen Sichtbarkeit

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Die Bambus-Herberge in Baoxi von Anna Heringer ist Teil der Internationalen Longquan-Biennale.

(Foto: Dominique Gauzin-Müller)

Die Stars der Architekturbranche sind männlich. Dass mehr Frauen das Fach studieren, schlägt sich in der Arbeitswelt nicht nieder. Die Gründe dafür reichen von Diskriminierung über Verdienst bis hin zu Preisverleihungen.

Er ist so etwas wie der Ritterschlag in der Architekturszene: der Pritzker-Preis. In diesem Jahr wurde die Französin Anne Lacaton gemeinsam mit ihrem Partner Jean-Philippe Vassal ausgezeichnet. Lacaton ist damit erst die sechste Frau, die den Preis in seiner inzwischen 43-jährigen Geschichte zugesprochen bekommt. Als erste Architektin wurde 2004 die in Bagdad geborene Britin Zaha Hadid geehrt.

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Hadid ist einer der wenigen Namen von Architektinnen, die einer etwas breiteren Öffentlichkeit geläufig sind. Odile Decq oder Lene Tranberg und ihre Projekte kennen vermutlich nur echte Architektur-Fans. "Immer noch wird dem Mann als Stararchitekt gehuldigt", so Ursula Schwitalla gegenüber ntv.de. Mit dem von ihr herausgegebenen Bildband "Frauen in der Architektur" möchte die Kunsthistorikerin dazu beitragen, den Fokus weiblicher auszurichten.

Dass Frauen es in der Architekturbranche schwer haben, bestätigt ein Blick auf die Statistik. In den USA und vielen europäischen Ländern studieren etwa gleich viele Frauen und Männer Architektur. In Deutschland sind es mit fast 60 Prozent sogar mehr Studentinnen. In der Arbeitswelt schlägt sich das aber nicht nieder. Etwa 37 Prozent der hierzulande bei den Architektenkammern eingetragenen Personen im Bereich Architektur und Stadtplanung sind Frauen. Und nur etwa 10 Prozent der größeren Architekturbüros werden von Inhaberinnen geführt.

"Frauen spielen oft nur die zweite Rolle"

Die Gründe dafür sind vielfältig. "Frauen spielen bei Entscheidungsprozessen im Büro oft nur die zweite Rolle, genauso wie nach außen, zum Beispiel bei Gesprächen mit Bauherren", erklärt Schwitalla. Auch bekämen Mütter wenig Unterstützung, da zum Beispiel das Konzept Teilzeit in der Branche unterbewertet sei. Außerdem verdienten Architektinnen bis zu 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Und dann haben Frauen auch noch mit zahlreichen Vorurteilen zu kämpfen. "Je kostspieliger die Projekte, desto weniger Frauen werden beauftragt, weil ihren Entwürfen und der Realisierung ihrer Projekte misstraut wird", sagt Schwitalla und ergänzt: "Das Netzwerk der alten weißen Männer funktioniert noch immer." Wie frauenfeindlich die Strukturen sind, zeigt auch eine Rede von Hadid anlässlich einer Preisverleihung: Noch 2013 sah sich die Architektin gezwungen, die Vorstellung, "dass Frauen nicht dreidimensional denken können", als "lächerlich" zurückzuweisen.

Die Erfahrung, dass Diskriminierung eine große Rolle spielt, musste auch Odile Decq machen. Die Französin leitete zusammen mit Benoît Cornette das Architekturbüro "ODBC". Nach dem Tod ihres Partners 1998 habe sie den Rat bekommen, das Büro zu schließen und als Frau lieber für andere Architekten zu arbeiten, schreibt Decq in ihrem Beitrag für "Frauen in der Architektur". Sie ließ sich nicht beirren und führte das Büro alleine weiter. Allerdings musste sie den Namen in "Studio Odile Decq" ändern: Ihr wurde vorgeworfen, dass sie nur wegen der Zusammenarbeit mit ihrem verstorbenen Partner erfolgreich sei.

Vorbilder, die Mut machen

Schaut man sich die aktuellen Projekte von Architektinnen an, fällt auf, dass bei ihnen oft nachhaltige und soziale Gedanken sowie Teamwork im Vordergrund stehen. So etwa bei Anna Heringer und ihrem Gästehauskomplex im chinesischen Baoxi. Die aus Bayern stammende Heringer plant mit natürlichen Baustoffen, die vor Ort vorhanden sind. Das sind in diesem Fall Stampflehm und Bambus. Außerdem setzt sie auf lokale Arbeitskräfte, die mit der Verarbeitung der Materialien vertraut sind.

Die eingangs genannte Lacaton bewahrt mit ihrem Architekturbüro Wohngebäude vor dem teuren Abriss und macht sie durch Umwandlung und Anbauten wieder attraktiv. Und Lene Tranberg hat das Studentenwohnheim "Tietgen Dormitory" in ihrer Heimatstadt Kopenhagen als Kreis angelegt, um sowohl den Einzelnen als auch die Gemeinschaft zu respektieren: Die Zimmer der Studierenden befinden sich an der Außenfassade, zusammen genutzte Räume sind in Richtung des zentralen Innenhofs ausgerichtet.

Diese beeindruckenden Projekte sind nur drei von insgesamt 36 Gebäuden von Frauen rund um die Welt, die in dem Bildband vorgestellt werden. Mit ihnen möchte Schwitalla Frauen auch Vorbilder an die Hand geben: "Die jüngere Generation braucht Role Models, die Mut machen". Und noch etwas muss laut Schwitalla passieren, um Architektinnen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen: "Wir brauchen einen neuen Architekturpreis für Frauen" - damit eine Auszeichnung wie die diesjährige von Lacaton nicht die überraschende Ausnahme bleibt, sondern längst überfällige Normalität wird.

Quelle: ntv.de

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