Leben

Die Dinge des Lebens Auf Dolce-Vita-Entzug

imago0105012755h.jpg

Im Januar geht es gesund zu - wenn dabei ein paar Pfunde purzeln, ist dagegen nichts einzuwenden.

(Foto: imago images/Westend61)

Nein, das wird nicht das 25. Corona-Lamento. Es ist, wie es ist. Aber wenn eh nichts stattfindet, dann kann man den Januar auch dazu nutzen, sich möglichst gesund zu verhalten. Man kann fasten. Oder detoxen. Sich zumindest in Verzicht üben. So wie unsere Kolumnistin.

Ich faste. Ich habe mir das fest vorgenommen für den Januar, ist ja eh nix los. Lockdown, keine Partys, keine Events, und gut tut es auch. Ich entscheide mich für Leberfasten, das erscheint mir sinnvoll. Meine Leber ist das Organ, das es in den letzten Wochen richtig dreckig abbekommen hat. Was sage ich, das letzte Jahr. Wenn ich ehrlich bin - seit ich denken kann. Ich bin nicht abhängig, aber ich mag Alkohol. Es gibt im normalen Leben unzählige Gelegenheiten, zu denen Alkohol dazugehört. Und ich kenne sie alle.

Es ist ein Zufall, dass ich auf die Variante Leberfasten anspringe, denn beim Check-up beim Arzt sehe ich eine Broschüre, die mich irgendwie anspricht. "Hierbei wird der Körper komplett entlastet - vor allem aber die Leber", erklärt Dr. Silja Schäfer, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Innere Medizin und Autorin von "Abnehmen trotz 1000 Ausreden". Alkohol schadet ja nicht nur der Leber, er wird über die Leber abgebaut, was den Stoffwechsel stark belastet. "Wenn dann noch fettiges Essen hinzukommt, ist das eine schlechte Kombination," so die Ärztin. Zum einen hat Alkohol viele Kalorien, die noch zusätzlich zum Essen dazukommen. Zum anderen sorgt er dafür, dass die Fettverbrennung eingestellt wird, da sich die Leber zunächst primär um den Alkohol kümmert. Schäfer erklärt: "Alles, was an Essen dazukommt, wandelt die Leber deshalb relativ zügig in böses Bauchfett um."

imago0108622950h.jpg

Wann gibt's mal wieder was zu kauen?

(Foto: imago images/Westend61)

Trotzdem darf ich bei der Variante Leberfasten auch etwas essen: gedünstetes Gemüse, Salat und Suppen, nur nicht übertrieben viel eben. Außerdem nehme ich drei Mal täglich einen Shake zu mir, der mir die nötigen Nährstoffe liefert. Und ich habe die Ernährungsberaterin meines Vertrauens, Diätassistentin Irmtraut Bruch, als Ansprechpartnerin an meiner Seite, die mir sagen kann, ob es gut läuft, auch wenn ich hier und da etwas seltsam finde.

Ach so, Bewegung

Neben den verschiedenen Möglichkeiten, seinen Körper wieder umzugewöhnen auf Normal von der Fettlebe der Weihnachtszeit, ist Bewegung entscheidend, und zwar je mehr, desto besser. Wer sich bewegt, regt den Stoffwechsel an, und außerdem sorgen Spaziergänge an der frischen Luft für gute Laune. Es muss also nicht zwingend Sport sein.

Anruf bei Irmtraut Bruch: Wie kann es sein, dass mein Mann 5 Kilo in der ersten Woche abnimmt und ich nur 5 Gramm? Na gut, ich übertreibe, sagen wir 500. Ich habe mich ausgemessen. Es schwinden ein paar Zentimeter am Bauch (nach 5 Tagen schon zwei) und überall sonst, wo ich das Maßband an Tag eins angelegt habe. Bruch erklärt mir äußerst geduldig - weil ich weiter nörgele wegen nicht abgenommener Kilos - dass ich doch bitte etwas geduldiger sein soll, der Körper muss sich erst umstellen und es gäbe eben auch nicht so viel Fett bei mir, als dass da jetzt sofort Action wäre. Ich nehme das als Kompliment und meine Freundin D. sagt auch, dass das noch kommen wird, dass die Kilos purzeln. Und natürlich nehme ich ab, wenn ich eine Zeit lang weniger esse oder mehr Sport mache oder am besten noch in Kombination. Doof ist nur, wenn ich "zur Belohnung" für die "ausgestandenen Torturen" bei meinem Gewicht bleibe. "Aber da baut sich das Fett in Muskeln um", so Bruch, "und die wiegen natürlich." Sofort fühle ich mich straffer und schwöre mir selbst, nie wieder wahllos um mich rum zu snacken.

Das tödliche Quartett

ANZEIGE
Abnehmen trotz 1000 Ausreden: Schritt für Schritt mit Erfolg zum Wunschgewicht
22,99 €
Jetzt kaufen

Mir geht es ja auch gar nicht so ums Abnehmen, sondern um die Gesundheit. Ich mache das für den Cholesterinspiegel, gegen den erhöhten Blutdruck und den zu verhindernden Diabetes Mellitus (Altersdiabetes), genauso wie gegen die Fettleber (NASH, die "nicht-alkoholische Fettleber") - das sogenannte "Tödliche Quartett". Ich tue das aber auch für die Tiere dieser Welt, denn vor mir müssen sie im Januar nun keine Angst haben. Vor allem diese saftigen Rinder in Argentiniens Pampa können mal so richtig aufatmen. Ich bin ein guter Mensch.

Am meisten will ich mir schließlich beweisen, dass ich ohne Alkohol, Zucker, Nudeln, Fett (also das böse Fett-Fett, ein Löffelchen Oliven- oder Leinsamenöl im Salat ist gestattet) und sonstige lebens- und liebenswerte Nahrungsmittel (passenderweise im sogenannten Veganuary, der immer beliebter wird und von immer mehr Menschen durchgehalten wird), auskommen kann.

Richtig, der Veganuary hat mit meinem Fasten-Programm nichts zu tun, aber es spielt mir in die Karten, dass gefühlt der halbe Freundeskreis auf Dolce-Vita-Entzug ist. Kein Käse, keine Schokolade, keine Kekse - das ist nicht schön. Aber was soll's, es geht um den Klassenerhalt, nicht mehr um die Champions League, sage ich mir. In einem "gewissen Alter" braucht der Körper ja auch nicht mehr so viel. Und ich bin auch noch sparsam! Was nicht alles im Geldbeutel hängen bleibt, wenn man Käse und Fleisch verzichtet!

Fett, unsichtbares Fett

Ich war ein pummeliges Baby, ein dürrer Teenager, eine schlanke Person, nach den Geburten der Kinder allerdings blieb etwas hängen. FETT. Typischerweise am Bauch. Nicht übertrieben, aber doch sichtbar. Es stört, es soll weg! Wegschneiden oder absaugen lasse ich es nicht. Bauchmuskeltraining sorgt übrigens dafür, dass ich darunter, unter dem FETT, durchaus Bauchmuskeln bekomme, die sieht man aber nicht, weil darüber ja das FETT ist.

IMG_4120.jpg

Der Moment der Wahrheit ...

(Foto: privat)

Meine Freundin P., die sich in Sachen Ernährung so richtig auskennt, schreibt im Gruppenchat der Freundinnen, wo noch ein paar andere Frauen diverse Detox- und Fasten-Varianten eingegangen sind: "Ihr wisst schon, dass man mit Fasten und Detox nicht nachhaltig abnimmt, näh?" Jaja, ist klar, aber es soll auch um eine Ernährungsumstellung nach dem Januar gehen. Wirklich weniger Fleisch, weniger Ungesundes, keine Fertiggerichte. Vor allem denke ich da vollkommen uneigennützig und Mutter-Theresa-mäßig an meinen Mann, ach was, an meine ganze Familie. Vor allem aber denke ich just in diesem Moment darüber nach: Wann machen die Restaurants endlich wieder auf? In meiner Küche sieht es aus wie auf dem Gemüsegroßmarkt, ständig ist der Herd schmutzig, der Ofen ist dauerbelegt und im Kühlschrank liegt Mineralwasser der besseren Sorte statt Weißwein. So kann es nicht weitergehen. Doch, bis Ende Januar.

Pickel, Poren und Panade

Detox

Laut Experten ist es nicht wissenschaftlich erwiesen, dass Detox-Kuren tatsächlich wirken. Zudem droht der Jojo-Effekt: Nach einer strikten Diät entwickeln manche Betroffene einen Heißhunger auf die Nahrungsmittel, auf die sie verzichtet haben. So legen manche wieder schnell einige Kilos zu. Während der Kur soll auf übersäuernde Lebensmittel wie Wurst und Fleisch verzichtet werden. "Allerdings kann der Körper nicht übersäuern", sagt Internist Prof. Johannes Georg Wechsler. Er ist Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner.
Abgesehen davon: Ist es tatsächlich nötig, den Körper zu entgiften? Nein, so Wechsler. "Der menschliche Organismus kümmert sich um seine Entgiftung selbst, er scheidet von alleine nicht verwertbare Produkte aus". Völlig unnötig seien jedoch spezielle Detox-Produkte wie Tabletten. Ähnlich sieht es Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn. Beispiel Detox-Tees: Oft sind das übliche Kräutermischungen, deren Bestandteile weder Giftstoffe binden noch ausschwemmen. "Den entgiftenden Effekt gibt es nicht", so Gahl.
Im Darm lagern auch keine "Schlacken" ab. Alles, was in den Darm gelangt, scheidet der Körper aus. Vor Einläufen mit Öl oder Darmspülungen warnt Gahl ausdrücklich. Eine dauerhafte Detox-Kur kann zu einem Nährstoffmangel etwa an Protein und Fett führen." Gemüse und Obst in Form von Saft oder Smoothies liefern zwar Energie, sättigen aber kaum. Eine Detox-Kur kann ein Einstieg in eine Änderung des Essverhaltens sein – hin zu einer bewussteren und ausgewogeneren Kost. Sie sollte aber unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. (dpa)

Ich habe schon öfter gedetoxt, auf unterschiedliche Arten, und ich kann bestätigen: Nach der ersten Pickelphase wird auch die Haut besser (das Gift kommt aus allen Poren) und überhaupt ergibt sich eine bessere Gesamtspannung des Körpers, die Kontur wird einfach schöner. Ein wenig weniger auf der Waage wird am Ende auch angezeigt, puh. Es ist aber auch ein Gefühl von "Ich kann das" dabei. Außerdem, mal ganz ehrlich: Immer dann, wenn man sich konkret mit der Nahrungsaufnahme auseinandersetzt, ist schon viel gewonnen, weil man selbst kocht, weiß, wo das Essen herkommt und nichts unter irgendeiner Panade versteckt wird.

Rückschlag: Heute habe ich gelesen, dass das alles überhaupt nichts bringt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sagt sogar, dass keine aussagekräftigen Humanstudien vorliegen, die die Effektivität von Detox-Diäten unterstützen. Whaaat? Mein Veganuary-Newsletter hat mir doch gerade noch geschrieben, dass 20 bis 30 Millionen Deutsche Bluthochdruck haben, dass zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig ist. Dass eine vegetarische Ernährung und noch besser eine vegane nicht nur der persönlichen Gesundheit, sondern auch dem Weltklima zuträglich ist. Und dann alles umsonst?

Konsequent muss man sein

Ich will hier nichts durcheinanderbringen, denn es gibt viele Möglichkeiten, zu fasten, zu detoxen, abzunehmen oder sich einfach mal gesund zu ernähren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt wahrscheinlich in der Konsequenz und in der Erkenntnis, dass man gewisse Dinge an sich selbst auch mal akzeptieren sollte: Aus einer 1,56-Meter-Frau mit kurzem Hals wird keine Gazelle und ein Mann, der an Gérard Depardieu erinnert, wird wohl nie ein Lauch werden. Sich selbst also als das zu akzeptieren, was und wie man ist, ist wohl der erste Schritt zur Besserung des eigenen Egos.

Ein gesunder Körper sorgt grundsätzlich ja ganz gut selbst für sich, Leber, Nieren und Darm leisten im Normalfall hervorragende Arbeit. Man kann natürlich netter zu seinen Organen sein, sie vom umlagernden Fett erlösen und sich ein paar Tage Pause von Alkohol und anderen Köstlichkeiten gönnen. Der Protein-Shake hilft natürlich kein bisschen, wenn ich abends zu Chips greife. Die Ernährungsberaterin kann auch nichts machen, wenn ich zwischendurch eine Familienpackung "Cookies 'n Cream" wegputze und allein die Mitgliedschaft im Fitness-Studio macht mich nicht zur Sportskanone - ich muss auch hingehen (kein gutes Thema im Lockdown, sorry, wenn ich hier Gefühle verletze).

Körper und Geist

ANZEIGE
Die 4-Wochen-Kur gegen Fettleber: Leberfasten nach Dr. Worm
14,99 €
Jetzt kaufen

Disziplin ist angesagt. Arschbacken zusammenkneifen! Sündigen ja, aber dann auch mal wieder Verzicht. Den eigenen Körper erkennen. Freunde von mir haben "richtig" gefastet ein paar Tage, sie haben sich aus dem normalen Leben zurückgezogen und nur noch von Wasser und Brühe ernährt. Als ich sie das erste Mal sah, sahen sie erschöpft und müde aus, ihr Kreislauf war im Keller. Aber nach ein paar Tagen hatte sich der Körper daran gewöhnt, alles wurde besser. Dennoch fantasierten sie von Nahrungsmitteln, als wären sie im Fieberwahn.

"Es geht darum, zu ergründen, warum man so isst, wie man isst und wie das eigene emotionale Essverhalten besser gesteuert werden kann - ohne eine weitere Diät zu machen", weiß Dr. Kathrin Vergin, Ernährungsexpertin und Autorin von "Das Emotional-Eating-Tagebuch: Lerne, dein Essverhalten besser zu verstehen und zu steuern". "Es ist wichtig zu verstehen, dass negative Gefühle uns Energie kosten. Dieses emotionale Defizit versuchen wir dann mit physischen Kalorien wieder aufzufüllen. Oft auch mit sogenannten 'leeren' Kalorien, zum Beispiel Zucker, der schnell ins Blut geht."

ANZEIGE
Das Emotional-Eating-Tagebuch: Lerne, dein Essverhalten besser zu verstehen und zu steuern
25,00 €
Jetzt kaufen

Unser Essverhalten wird also nicht nur vom Hunger bestimmt - deshalb sollte man den Zusammenhang zwischen der eigenen Persönlichkeit, den persönlichen Bedürfnissen und dem eigenen emotionalen Essverhalten beobachten. Dadurch entsteht ein Gesamtbild, das zeigt, wie man sein emotionales Essverhalten steuern kann. Das ist nachhaltig und ohne Diät umsetzbar. "Um unsere emotionalen Essensmuster aufzulösen, müssen wir also verstehen lernen, was bei uns negative Gefühle auslöst oder was wir wirklich für ein besseres Wohlbefinden benötigen", so Vergin. Ohne diese Selbsterkenntnis wissen wir nicht, warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten.

Man muss ja nur auf Instagram gehen und wird zugeballert mit Ernährungs-, Fitness- und Lifestyle-Tipps. Aber - den Kopf nicht vergessen! Neulich las ich bei einer Instagrammerin, der ich folge und die mich immer mehr inspiriert, als ich zugeben will (aber auch aufregt): "Die nächsten Tage sind der Kontemplation gewidmet." Ich war schwer beeindruckt. Das mache ich jetzt auch: Erst den Körper in Schuss bringen, dann den Kopf.

Werde ich mich danach überhaupt noch wieder erkennen? Ich sag' Bescheid!

Quelle: ntv.de