Leben

Männer? Die Kolumne. Auf den Hund gekommen

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Trinkt zwar kein Bier, döst aber genauso gerne am Elbstrand wie sein Herrchen: Ivo.

(Foto: Julian Vetten)

Hunde sind die besten Freunde des Menschen, heißt es gerne. Unser Autor würde das so unterstreichen und wundert sich auch deshalb darüber, wie manche Menschen - und hier vor allem Männer - mit ihren besten Freunden umgehen.

Als ich noch ein Kind war, war es für mich das Größte, wenn wir unsere Sachen packten und zu Oma und Opa in den Süden fuhren. Das lag weniger an den Großeltern selbst, die ich als kühl und unnahbar in Erinnerung behalten habe, als vielmehr an Willy. Willy war ein gewaltiger Berner Sennenhund mit einem großen Herzen für Kinder und die meisten anderen Lebewesen. Ausgenommen waren Igel, die waren ihm zu stachelig. Wenn Willy sich freute, und er freute sich über vieles in seinem Leben, dann ertrank die Umwelt in einem wahren Sabberbad, das fand ich toll. Am schönsten aber war es, mit Willy durch die Wiesen und Wälder ums Grundstück meiner Großeltern zu streifen - was sonst nur ein langweiliger Spaziergang gewesen wäre, verwandelte sich mit Hund automatisch in ein kleines Abenteuer.

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Ob in den oberfränkischen Hügeln oder ...

(Foto: Julian Vetten)

Auch wenn ich Willy immer nur ein paar Mal im Jahr für ein paar Tage sah, hatte ich das Gefühl, dass wir uns blind und ohne Worte verstanden. Und anders als Menschen, die immerzu über irgendwas reden wollten, war es für Willy völlig in Ordnung, auch einfach mal die Klappe zu halten und ein Stück Fichte zu verarbeiten, während ich mich in den Traumwelten der vielen Bücher des Hauses verlieren konnte. Ich finde es heute noch unglaublich beruhigend, einem Hund beim hingebungsvollen Kauen zuzusehen, und es war auch an einem dieser verregneten Nachmittage im viel zu großen Ohrensessel meines Großvaters, als ich entschied, mir schnellstmöglich einen eigenen Hund zuzulegen, sobald ich nur groß genug dafür wäre.

Erziehungsmethoden aus dem letzten Jahrtausend

Dass es dann doch ein bisschen länger gedauert hat, liegt an meiner Überzeugung, dass Großstädte und große Hunde keine besonders gute Kombination sind - und ich das vergangene Jahrzehnt in Berlin und Hamburg gelebt habe. Aber heute, knapp 25 Jahre nach meinem Ohrensesselerlebnis, liegt Ivo neben mir und kaut genüsslich an einem Stück Rinderhaut herum. Obwohl oder vielleicht gerade, weil das ganz fürchterlich quietscht und auch nicht besonders gut riecht, bereitet es Ivo große Freude - und mich überkommt tatsächlich das gleiche Gefühl von Geborgenheit, in das ich mich vor einem Vierteljahrhundert verliebt habe.

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... beim Holzmachen: Ivo macht überall eine gute Figur - findet zumindest sein Herrchen.

(Foto: Julian Vetten)

Seitdem Ivo vor zwei Monaten als acht Wochen alter Leonberger-Welpe zu uns gekommen ist, haben meine Freundin und ich das Programm für frisch gebackene Eltern im Schnelldurchlauf absolviert: Wir reden viel über Form, Farbe und Häufigkeit von Ivos Ausscheidungen, wissen die verschiedenen Arten von Bellen, Jaulen und Winseln richtig zu lesen, setzen Grenzen, wo es nötig ist und freuen uns über jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt, den unser Welpe macht, wie die Könige.

Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten, ist die erstaunliche Eigenart nicht weniger Menschen, merkwürdige bis grenzwertige Erziehungstipps zu verteilen: Mir wurde schon geraten, den Hund in einen Elektrozaun zu werfen, um ihm zu zeigen, dass Elektrozäune gefährlich sind. Ich sollte mich auf Ivos Kopf setzen, um meine Dominanz zu unterstreichen, ihm immer erst nach uns die Mahlzeiten servieren oder ihn gar körperlich züchtigen, "nur so lernt er, wer der Chef ist". Mal ganz abgesehen davon, dass solche Erziehungsmethoden ins letzte Jahrtausend gehören und Lob erwiesenermaßen deutlich besser funktioniert als Bestrafung, finde ich es enorm aufschlussreich zu sehen, wer so denkt.

Autorität schlägt Dominanz

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Es sind meiner Erfahrung nach genau die gleichen Männer, die sich mit einem Bier auf der Couch bei einem Fußballspiel über die Verfehlungen des Trainers auslassen, ohne jemals selbst Trainer sein zu wollen oder zu können. Es sind Abteilungsleiter, die an Stechuhren und Kontrolle glauben und denen die Freiheit der neuen Homeoffice-Realität Angst macht. Es sind Handwerksmeister, die daran glauben, dass ihre Lehrlinge durch eine knüppelharte Schule gehen müssen, damit mal was Ordentliches aus ihnen wird.

Allen diesen Menschen aus meinem realen Umfeld ist eines gemein: Sie glauben an Dominanz als entscheidendes Instrument zur Erlangung von Autorität. Und keiner von ihnen hat sie, diese natürliche und entspannte Form von Autorität, die ganz ohne Gewalt auskommt und der Mensch und Hund gleichermaßen gerne folgen. Das weiß auch Ivo mit seinen vier Monaten schon und schaltet souverän auf Durchzug, wenn ihn jemand anbrüllt - was tatsächlich öfter vorkommt als man denken würde, in Bezug auf Hunde sind viele Menschen erstaunlich übergriffig. Am Anfang habe ich mich darüber noch regelmäßig entrüstet, mittlerweile habe ich mir aber etwas von Ivos Coolness abgeschaut: Ich lasse mich dann ganz entspannt belehren, dass so große Hunde parieren müssten, nicke artig - und spaziere schließlich mit Ivo von dannen, der auch ohne laute Worte dicht an meiner Seite bleibt, irgendwo wartet schließlich schon das nächste Abenteuer auf uns.

Quelle: ntv.de