Leben

Männer? Die Kolumne. Warum behaarte Zähne etwas Schönes sind

imago0073414548h.jpg

Erstaunlich, was sich so alles in den Bilddatenbanken der großen Agenturen finden lässt.

(Foto: imago/Arkivi)

Starke Männer werden meistens genauso bezeichnet: als starke Männer. Bei starken Frauen liegt die Sache anders, sie haben eher "Haare auf den Zähnen". Woher das kommt und warum es höchste Zeit für ein bisschen mehr sprachliche Gleichberechtigung ist, ergründet unser Autor.

Ich höre nur sehr selten Podcasts: Mit dem Schreiben verträgt sich das eher so mittelprächtig, und in meiner freien Zeit habe ich selten die Muße dazu. Für die "Verbrechen"-Podcasts der "Zeit" nehme ich mir aber regelmäßig eine Stunde, was auch und vor allem an Sabine Rückert liegt. Wenn die Gerichtsreporterin von ihren alten Fällen erzählt, dann ist das an Spannung kaum zu überbieten - abgesehen davon mag ich ihren trockenen Humor und ihre Art, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich kenne Frau Rückert nicht persönlich, aber das Bild, das sich aus ihren Podcasts und dem einen oder anderen Talkshow-Auftritt geformt hat, ist das einer starken, hochintelligenten und selbstbewussten Frau, die sich bei alledem trotzdem nicht zu wichtig nimmt.

imago0101809543h.jpg

Hat sowohl Haare als auch Zähne und ist kein bisschen furchterregend: Frau.

(Foto: imago images/Westend61)

Das ist nun keine Information, mit der ich üblicherweise hausieren gehen würde, schließlich ist Sabine Rückert nicht der einzige Mensch, vor dem ich (professionellen) Respekt habe. Weil es in letzter Zeit aber ein Ding zu sein scheint, sich über Lieblingspodcasts auszutauschen und ich eben nur diesen einen habe, ist mir aufgefallen, wie stark die Gerichtsreporterin polarisiert: "Echt, die findest du gut? Aber die hat doch sicher Haare auf den Zähnen, so wie die sich gibt", warf mir ein guter Bekannter kürzlich völlig entgeistert entgegen. Und eine Kollegin erklärte mir beim Kaffeetrinken, "die Rückert macht einen guten Job, aber boah, die hat auch ganz schön Haare auf den Zähnen."

Eine versteckte Warnung

Zweimal in kurzen Abständen dieselbe Redewendung, beide Male deutlich negativ besetzt, das triggerte irgendetwas in mir. Es dauerte ein bisschen, bis der Groschen fiel, aber dann fiel er hart: Ganz instinktiv war ich innerlich auf Abstand gegangen, weil "Haare auf den Zähnen" zumindest meiner Erfahrung nach fast immer als mehr oder weniger versteckte Warnung verwendet wird, bloß auf der Hut vor einer Frau zu sein. Mir wurde das viele Male im beruflichen Kontext gesagt - zum Beispiel vor dem Interview mit einer Vorstandsvorsitzenden oder bei den Recherchen für eine Geschichte über eine türkische Oppositionspolitikerin - und immer wieder auch im Privaten. Das Muster war dabei immer das Gleiche: Ich wappnete mich innerlich für eine mindestens anstrengende Begegnung - und war im Nachhinein häufig überrascht, wie blendend ich mich mit meinen Gesprächspartnerinnen verstanden hatte.

imago0050752892h.jpg

Haare auf den Zähnen müssen nicht rasiert werden - aber selbst wenn es so wäre, sollte man statt Zahncreme doch lieber Rasierschaum nehmen.

Na klar, pauschalisieren ist immer (sic!) schwierig, aber ich habe das Gefühl, dass Frauen mit "Haaren auf den Zähnen" in aller Regel starke Frauen sind - und diese Stärke scheint manchen (Männern und Frauen gleichermaßen) Angst zu bereiten. Was ja auch wieder tief blicken lässt, ich habe nämlich noch nie von einem Mann gehört, dem ein entsprechender Zahnbelag zugeschrieben wurde - starke Männer sind in aller Regel einfach nur starke Männer. Höchste Zeit für ein bisschen mehr sprachliche Gleichberechtigung also.

"Mannweiber" und "Bitterf....."

Mehr zum Thema

Es gibt mit Sicherheit viele Möglichkeiten, an den gegebenen Zuständen etwas zu ändern. Man könnte die Redewendung zum Beispiel in die sprachliche Schmuddelkiste packen, wo von "Mannweib" bis "Bitterf...." schon die rund 180 mehr oder weniger abwertenden Schimpfwörter stecken, die die deutsche Sprache für Frauen kennt. Das wäre die einfache Lösung, gleichzeitig aber auch eine Kapitulation gegenüber allen, die diese Redewendung im Laufe der Jahrzehnte einfach umgedeutet haben. Schließlich "galt starke Behaarung für große Männlichkeit, für Kraft und große Couragiertheit", heißt es bei Wiktionary zur Herkunft des Spruchs. Und das liest sich dann doch wiederum sehr hübsch, auch wenn man über die Bedeutung von "Männlichkeit" natürlich streiten darf und vielleicht auch sollte.

Ich habe jedenfalls beschlossen, mich ab jetzt immer zu freuen, wenn mich mal wieder jemand vor einer Frau mit "Haaren auf den Zähnen" warnt: Ich weiß dann nicht nur, wie ich den Warnenden einzuschätzen habe, sondern es wartet obendrein wahrscheinlich auch noch eine angenehme Begegnung mit einer starken, intelligenten und selbstbewussten Frau auf mich. Und weil die Umdeutung so einer festgefahrenen Begrifflichkeit ja nicht von alleine passiert, fange ich auch im Privaten direkt damit an: Morgen Abend, wenn meine Freundin von einem Geschäftstermin aus Berlin zurückkommt, werde ich ihr direkt zur Begrüßung zu ihren haarigen Zähnen gratulieren. Da freut sie sich bestimmt, Humor hat sie nämlich auch.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen