Leben

Viel mehr als Schimpansenretter "Bildung ist die Zukunft von Chimfunshi"

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In Chimfunshi herrscht Sicherheit für Schimpansen - wie lange noch?

(Foto: imago/photothek)

"Chimfunshi" - das klingt nach Afrika, Abenteuer und viel Arbeit. 1988 entdeckte der Hamburger Unternehmer Stephan Louis das Schimpansen-Waisenhaus der Familie Siddle im Norden Sambias und gründete den Chimfunshi Verein zum Schutz bedrohter Umwelt e.V. Durch finanzielle Unterstützung aus Deutschland konnte die Auffangstation schnell wachsen: Freigehege und Fütterungsgebäude wurden angelegt, Fahrzeuge, Geräte und Maschinen gekauft, Brunnen gebaut. Als Stephan Louis 2011 starb, hatte er mit seiner Vision und seinem Engagement viele Schimpansen gerettet und mehreren Hundert Menschen in Sambia eine Existenz gesichert. Sein Bruder Sebastian Louis setzt seit 2012 als neuer Vorsitzender die Arbeit im Sinne seines Bruders fort. Mit ihm spricht ntv.de über neue Projekte und Kooperationen. Und darüber, dass es gerade jetzt besonders wichtig ist, die Arbeit dieses speziellen Waisenhauses zu unterstützen.

ntv.de: Sie haben für Chimfunshi schon viel erreicht, was ist Ihr nächstes Ziel?

Sebastian Louis: Oberstes Ziel ist es, ein sich weitestgehend selbstständig finanzierendes Projekt zu entwickeln. Dazu bedarf es eines möglichst gut ausgebildeten lokalen Managements, das transparent und zielgerichtet die Visionen und Missionen des international besetzen Boards umsetzt. Wer wie wir auf Spenden angewiesen ist, der muss in der Lage sein, den Spendern jederzeit Rechenschaft ablegen zu können.

Wie kommt es eigentlich zu einem solchen Projekt, wie wird das gestartet?

Durch Menschen, die von Idealismus und Naturverbundenheit getrieben sind und die ein Ziel vor Augen haben, ohne den Weg zu kennen oder zu scheuen (lacht). Das läuft meist so ab: Jemand besucht ein Land, als Tourist oder aus beruflichen Gründen, sieht einen Schimpansen auf einem Markt zum Verkauf und sagt sich, das kann doch gar nicht wahr sein, das arme Tier nehme ich jetzt mal mit zu mir. Dann kommt das zweite, das dritte Tier dazu, dann sammelt man Geld, baut einen großen Käfig, versteht, dass das nicht funktioniert und baut ein Freigehege. So sind viele dieser Projekte groß geworden. Es gibt 22 mehr oder minder vergleichbare Projekte dieser Art, die sich um Primaten kümmern und die in einer Organisation namens PASA (Pan African Sanctuary Alliance) zusammengeschlossen sind. Leider werden diese Projekte mehrheitlich nicht von Afrikanern gegründet. Wenn man sieht, wie es den Tieren teilweise geht, dann will man einfach nur noch helfen. Auch, wenn man sich klarmacht, dass der illegale, mafiös organisierte Handel mit Tieren und Tierprodukten ein riesiger Markt mit Milliarden-Umsätzen ist - größer, als der mit Drogen.

Es gibt aber auch Ausnahmen vor Ort, oder?

Ja, mein liebstes Beispiel aus Uganda ist das von Lilly Ajarova, die inzwischen eine Freundin geworden ist. Sie ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen, gut ausgebildet, hat studiert, hat viele Jahre mit Gorillas gearbeitet und hat dann die Leitung von Ngamba Island übernommen, einer Insel, auf der 47 Schimpansen leben. Heute leitet sie das Tourism-Board. Sie ist eine der wenigen Afrikanerinnen, die ein solches Projekt geleitet hat und insofern eine Ausnahmeerscheinung. Dass es andere gäbe, die das auch könnten, ist selbstverständlich - man muss allerdings Anreize schaffen, damit eine so verantwortungsvolle Aufgabe übernommen wird.

Auf wen setzen Sie da?

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Sebastian Louis setzt auf die jungen Menschen in Afrika.

(Foto: imago images/Ardea)

Auf die Kinder, auf die Jugendlichen. Bei den meisten Erwachsenen ist die Sozialisierung so prägend, dass ab einem gewissen Alter nichts mehr geändert werden kann. Das ist kein afrikanisches Alleinstellungsmerkmal, das ist bei uns auch so. Die Möglichkeit, das Projekt auf eigenständige, stabile Beine zu stellen, ist gegeben, da wir eine Schule auf Chimfunshi betreiben. Sie wurde vor Jahren von David Siddle, einem der Gründer von Chimfunshi, gebaut. In den letzten Jahren ist es uns gelungen, staatliche und von uns bezahlte Lehrer zu gewinnen, sodass wir heute bis zur 9. Klasse ausbilden können. 200 Schüler werden dort unterrichtet, davon 120, die auf Chimfunshi leben.

Das klingt nach einem Plan.

Ja, das ist die Zukunft von Chimfunshi - aber auch von ganz Afrika. Bildung ist das A und O. Das hat die internationale Entwicklungshilfe leider erst sehr spät erkannt. Aufgrund der mangelnden Ausbildungen werden noch heute hauptsächlich Rohstoffe aus Afrika exportiert anstatt Fertigprodukte. Unser Wohlstand ist auf diesem Phänomen aufgebaut und Bestandteil der Flüchtlingskrise.

Wie oft sind Sie, unter normalen Nicht-Corona-Umständen, vor Ort in Sambia?

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Sebastian Louis befürchtet eine weitere Katastrophe für den Kontinent.

(Foto: privat)

Dreimal im Jahr, insgesamt so um die zwei Monate. Meine Funktion ist die eines Ermöglichers, denn das Projekt liegt mir sehr am Herzen. Ich will eigentlich kein Manager sein, ich will es aber so vorantreiben, dass es von alleine läuft. Und natürlich habe ich Vorstellungen, wie es laufen sollte (lacht). Ich will nicht überheblich auftreten und allen erzählen, was sie zu tun haben, aber leider ist die Sozialisierung immer noch so, dass "der Weiße" Recht hat und damit in vielen Projekten die Eigeninitiative sich nicht entwickeln kann. Auch das ist ein Auswuchs der mangelnden Bildung.

Wie sieht es momentan vor Ort aus - spielt Corona eine Rolle in Chimfunshi?

Im Moment ist Chimfunshi für die Außenwelt gesperrt. Es kommen keine Besucher, sonst bis zu 5000 im Jahr, inklusive Schulklassen. Wissenschaftler finden bei uns optimale Bedingungen vor, um zu forschen. Viele Publikationen über das Verhalten der Schimpansen sind bei uns entstanden, und auch Volontäre bleiben fern, die sonst aktiv in die Aufgaben eingebunden sind und eine wesentliche Einnahmequelle darstellen. Keiner darf rein und nur sehr wenige dürfen raus.

Wie wirkt sich das auf Ihre Finanzlage aus?

Die Situation ist sehr schwierig zurzeit, das können wir kaum noch auffangen. Uns sind alle Einnahmen weggebrochen. Und so sind wir auf Spenden angewiesen. Wir haben sehr treue und regelmäßige Spender, aber das reicht leider bei weitem nicht aus. Von Chimfunshi leben 300 Menschen und 135 Schimpansen. Die Kosten für Lohn, Material und Futter laufen weiter. Das gesamte Futter für die Schimpansen wird täglich desinfiziert. Die Kosten sind zurzeit höher und die Einnahmen bei null. Wer spendet jetzt für Schimpansen und Kinder in Afrika, wo sich alles um Lockdown und die eigene, zugegeben schwierige Situation dreht?

Welche Folgen könnte das haben?

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Chimfunshi ist auf Spenden angewiesen.

(Foto: imago images/Ardea)

Wir werden in Afrika ein Desaster erleben. Aber das wird keinen Niederschlag in Europa finden. Es werden einfach zu den jährlichen 800.000 Malaria-Toten noch ein paar Hunderttausende dazukommen, die aber nicht an Corona, sondern durch Corona sterben werden. Da die Transportwege unterbrochen sind, werden die Menschen verhungern.

Trotz dieser desaströsen Aussichten - was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit?

Es gibt leider viel zu wenige Informationen über Afrika. Es wird zu wenig berichtet. Die Wahrnehmung von Afrika in Europa ist eine andere. Der ganze Kontinent wird als ein Land wahrgenommen, dabei gibt es dort regional so große Unterschiede. Mich fasziniert so vieles, aber ganz besonders finde ich, dass es in einigen afrikanischen Sprachen kein Wort für "morgen" oder für "gestern" gibt, es gibt nur das Heute. Und so wird auch gelebt.

Ist es schwer, als Außenstehender damit klarzukommen?

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Es gibt noch 200.000 der Tiere - das ist nicht viel.

(Foto: imago images/Ardea)

Es ist ungewohnt, aber jetzt mal ehrlich - was weiß ich denn, was in einer Stunde ist? (lacht) Nehmen wir mal als Beispiel das Thema Armut: Armut in Deutschland ist eine andere als in Afrika. Armut muss man in Deutschland auch bekämpfen, das steht fest, aber die Maßstäbe verschieben sich, wenn man Armut in Afrika gesehen hat. Sambia ist eines der ärmsten Länder der Welt, obwohl es der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt ist. Das hat niemand auf dem Schirm, denn es gibt kein Gold, kein Öl, keine Diamanten. Afrika ist hochkorrupt, das Geld kommt oft nicht dort an, wo es ankommen sollte. Im Nachbarland Uganda ist es besser, es ist eines der Länder, in dem die Ausbildung wirklich gut ist, in Entebbe spricht jeder Englisch. In Indien ist es allerdings noch schlimmer als in Afrika, das sei noch erwähnt.

Was erwartet Sie in Chimfunshi, wenn Sie dorthin reisen? Und was erwarten Sie?

Ich versuche auf jeden Fall, ohne Erwartungen hinzufahren. Das hilft ungemein (lacht). Ich teile meine Zeit, egal wie lange ich da bin, immer in drei Drittel ein: Das erste Drittel ist Frust, das zweite ist Hoffnung und während des dritten Drittels denke ich, jetzt haben wir's.

Was hält Sie bei der Arbeit?

Es bedarf manchmal schon anderer Menschen, die einen aufmuntern, die motivieren, die einem den "Vorher-Nachher-Effekt" erläutern, aber alles in allem bin ich sehr froh, wenn ich dort mit meinem alten Toyota durchs Land fahre und dann in Chimfunshi ankomme. Das Licht und der Nachthimmel sind unglaublich, das lässt einen nicht mehr los. Man erkennt die eigene Begrenztheit und Bedeutungslosigkeit. Alles wird relativ.

Mit Sebastian Louis sprach Sabine Oelmann

Wer sich für Schimpansen, Afrika und die Arbeit der Menschen in Chimfunshi interessiert, kann sich hier informieren.

Quelle: ntv.de

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