Leben

In Vino Verena Coolout - wenn die Seele erkaltet

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Viele Pflegekräfte sind ausgebrannt. Coolout in der Pflege ist kein harmloser Schnupfen, sondern ein ernstes Problem.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Die Bedingungen in der Pflege sind frustrierend. Warnungen werden ignoriert, mit dem Ergebnis: Viele Pflegerkräfte sind am Limit. Unsere Kolumnistin über das Phänomen Coolout, bei dem das Mitgefühl auf der Strecke bleibt.

Sommer 2018. Ein Donnerstag im Juli. Der Wecker zeigt auf Viertel vor sechs. Ich blinzele und fühle mich benommen. Die Vorhänge sind zugezogen, es ist fast dunkel. Die ganze Nacht über habe ich kaum geschlafen. Ich bin müde, so unendlich müde. Es ist der zweite Tag nach meiner Operation, eine Laparoskopie. Nicht meine erste, bestimmt auch nicht die letzte. Kratzen im Hals, Schluckbeschwerden, Schmerzen und Ziepen im Bauch. Die Thrombose-Strümpfe schneiden mir ins Fleisch. Ich habe eine Krankheit, die man verallgemeinernd das Chamäleon unter den Frauenkrankheiten nennt. Die Schmerzen, die mit dieser Krankheit einhergehen, gehören zu mir und meinem Leben dazu. Aber hier soll es heute nicht um Endometriose gehen, diese Bitch.

Wieder Krankenhaus also. Wieder rumliegen und sich schonen müssen, wo doch das Leben draußen in vollem Gange ist. Lange Flure, Tee, freundliche Ärzte, freundliches Pflegepersonal, Reinigungskräfte mit krummen Rücken und roten Händen. Ich will heim. Im Inneren jammere ich ein bisschen und ärgere mich, wieso ich Sensibelchen die paar Tage Krankenhausaufenthalt nicht einfach auf der linken Arschbacke abreißen kann.

Eine liebe Schwester kommt ins Zimmer und zieht die Vorhänge einen Spalt auf. Sie fragt mich, ob ich allein aufstehen und zur Toilette gehen kann. Es soll mir nicht gelingen. Sie hilft mir, versorgt die frischen Stiche in meinem Bauch und streichelt meine Wange. Dann verlässt sie das Zimmer und ich döse beim Anblick zweier Tauben auf einem Ast langsam wieder ein. Doch plötzlich wird die Tür aufgerissen und eine andere Schwester tritt ein. Keine, die ich schon kenne. Vielleicht Schichtwechsel, denke ich.

Coolout - wenn die Seele erkaltet

Diese Schwester ist sehr unfreundlich und harsch. Sie wirft etwas in den Mülleimer. Dabei fällt ihr die Cola-Dose auf, die mein Besuch am Vorabend dagelassen hat. Belehrend fährt sie mich an: "Die Cola-Dose hier wird ja wohl gefälligst nicht von Ihnen sein!" Sie sagt das wirklich in einem sehr respektlosen Ton, aber ich bin zu schwach, um etwas zu sagen, geschweige denn mich aufzuregen und denke einfach nur, dass sie vermutlich sehr viel um die Ohren und jede Menge Stress hat. Ich verstehe das - wirklich! Ich kann es nachfühlen: Überlastung, Pflegenotstand, Überstunden, Verzweiflung.

Neben der Schwester steht ein Wagen, sie hält eine Akte in der Hand. Es muss meine sein, denke ich noch, aber da fallen mir die Augen auch schon wieder zu - als ich auf einmal diesen stumpfen Schmerz in meiner rechten Seite spüre. Erschrocken jaule ich auf. Ich jammere sonst nie laut und mache den Schmerz für gewöhnlich mit mir selbst aus. Ohne Vorwarnung hat die Schwester mir die Drainage gezogen. Nie zuvor wurde sie mir so rabiat entfernt. Sie hat sie, man kann das nicht beschönigen, einfach herausgerissen. Lieblos und ruppig deckt sie die Wunde schließlich ab, die lange nicht richtig heilen wird.

Ich heule jetzt ein bisschen, aber mehr aus Wut. Ich möchte die Schwester fragen, warum sie so zu mir ist. Aber ich bringe keinen Satz über die Lippen. Dann geht sie wieder. Ohne ein Wort.

"Pflegekraft bis zur Rente - ein hartes Stück Arbeit"

Lange denke ich in den nächsten Wochen über das Geschehene nach. Hätte ich mich beschweren sollen? Hätte ich der Schwester sagen sollen, dass ich es nicht okay fand, wie gleichgültig und herzlos sie mir vorkam? Oder sollte ich es lieber schnell vergessen? Schließlich kann es ja auch sein, dass sie nur einen schlechten Tag hatte, wie wir alle mal. Pfleger*innen leisten für mich Großes. Sie sind für mich eine der Säulen unserer Gesellschaft, gute Seelen mit viel zu wenig Wertschätzung.

Dennoch lässt mich diese Geschichte einfach nicht los. Ich beginne zu recherchieren. Dabei stoße ich auf Coolout in der Pflege. Das Phänomen beschreibt den Prozess des Abstumpfens beziehungsweise Abkühlens der Seele. Die Pflegenden sind moralisch so desensibilisiert, dass sie dem Patienten gegenüber kalt werden, um überhaupt noch den Anforderungen an den Klinikalltag gerecht zu werden, quasi um weiter zu funktionieren.

Genau genommen handelt es sich bei Coolout, bei dem das Mitgefühl für den Patienten auf der Strecke bleibt, um eine Schutzvorkehrung. Die eigene Seele schützen, um in diesem System aus Gewinn-Maximierung, Bürokratie-Wahnsinn und Überlastung nicht vor die Hunde zu gehen, denn wie mir ein lieber Pfleger, der mir für diese Kolumne mit Rat und Tat zur Seite stand, sagte: "Pflegekraft bis zur Rente - das ist ein hartes Stück Arbeit."

Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen

Ich bin der ruppigen, gefühlskalten Krankenschwester nicht im Geringsten böse. Es war nicht ihre Schuld, dass sie so zu mir war. Und ich bin froh, dass ich mich durch dieses Erlebnis überhaupt erst mit diesem Thema beschäftigt habe. Denn wie oft sehen wir die Dinge als selbstverständlich an! Der Job des Pflegers ist es, zu pflegen. Das erwarten wir von ihm und urteilen vorschnell, wenn uns etwas missfällt, von wegen: Wie kann man so einen Gefühlskrüppel bloß auf die armen Patienten loslassen? Der soll sich lieber einen anderen Job suchen! So zu denken, ist vereinfacht, wie es auch naiv ist. Ein wenig ist es auch ungerecht, denn kein Mensch entscheidet sic,h in die Pflege zu gehen, wenn ihm der Dienst am Patienten missfällt. Zu pflegen, das ist nicht nur ein Beruf, das ist auch eine Berufung.

Weitaus bekannter als Coolout ist der Begriff des Burnouts - des Ausgebranntseins. Das Mitgefühl für einen Patienten, das sollten wir dringend verinnerlichen, bleibt nicht von heute auf morgen auf der Strecke. Es ist ein schleichender Prozess. Ich habe mit Pflegern gesprochen, die voller Freude und Elan in den Beruf gestartet sind und bald auf den Boden der Tatsachen fielen. Denn Krankenhäuser sind nun mal Wirtschaftsunternehmen, die eine positive Bilanz erbringen müssen. Der Druck von oben, der ökonomische Zwang, wirtschaftlichen Belangen gerecht zu werden, der chronische Zeit- und Personalmangel, die körperlich schwere Arbeit sowie die teilweise hektischen und chaotischen Stationsabläufe: All das kann sich auf die Seele der Pflegekraft niederschlagen. Auf anfängliche Gefühle wie gegen Stress, Unrecht und Bürokratiewahnsinn aufzubegehren, folgen schließlich Resignation und das emotionale Auskühlen.

Coolout ist kein Schnupfen, den man sich einfängt

So leisten die Pflegekräfte ihren Dienst nur noch stoisch nach Vorschrift und wirken gegenüber Patienten kalt, unnahbar, ruppig. Für Pflegende, die an (emotionaler) Erschöpfung leiden, wurden deswegen sogenannte Burn-In-Konzepte erschaffen - Kompetenzkurse, in denen es vor allem um Achtsamkeit, die Aufarbeitung von Traumata - ja, auch Pfleger und Pflegerinnen erfahren im Klinikalltag Furchtbares - aber auch um Prävention geht.

Ohne Zweifel kommt das Phänomen des Auskühlens nicht nur in der Pflege, sondern in vielen anderen Berufszweigen vor, in denen Überlastung, Unterbezahlung und Stress eine Rolle spielen. Und es sind oft die Engagiertesten, die ausbrennen. Coolout ist kein Schnupfen, der schnell wieder weggeht, wenn man nur brav einen Schal trägt und sich ein paar Orangen reinpfeift, Coolout ist ein Aufschrei der Seele, wenn etwas ganz und gar nicht stimmt. Und was nicht stimmt, darüber müssen wir nicht lange grübeln. Es ist vor allem auch die Art und Weise, wie unser auf Profit ausgerichtetes System funktioniert.

Damit es den Patienten (wieder) gutgehen kann, muss es vor allen Dingen den Menschen gutgehen, die sie pflegen. Es ist nur ein einziges Wort, aber alles Gute geht mit ihm einher: Wertschätzung. Sollte mich die olle Endometriose wieder ins Krankenhaus verfrachten und ich der Schwester wieder begegnen, erzähle ich ihr von dieser Kolumne. Und vielleicht auch, dass ich manchmal an sie gedacht habe und es mir nicht egal ist, wie es ihr geht. Wenn ich dann wieder gesund bin, trinken wir was zusammen. Natürlich keine ungesunde Cola.

Quelle: ntv.de