Leben

In Vino Verena zu Ostern Das Mädchen mit den roten Lackschuhen

.jpg

Die Autorin mit roten Lackschuhen (re.) und ihrer Großmutter in einem tulpenlosen Garten.

(Foto: Verena Maria Dittrich, privat)

Corona macht auch vor Ostern nicht Halt. Viele Familien können sich nicht besuchen. Unsere Kolumnistin mit einer österlichen Zeitreise in ihre katholische Kindheit und einer Botschaft: Lassen Sie sich Ostern nicht vermiesen!

"Schade, Ostern fällt dieses Jahr flach", sagt Mutter am Telefon. Sie gehört mit Mitte sechzig und dem Sieg über den Krebs zur Risikogruppe. Und auch in diesen Tagen dreht sich, verständlicherweise, alles um Corona. Wir alle haben die vergangenen Wochen größtenteils in unseren Wohnungen verbracht, viele fingen an, die Bude zu tapezieren und gehörig auf den Kopf zu stellen, mich eingeschlossen. Dabei kramte ich auch eines meiner vielen, alten Fotoalben heraus und beschloss, auf österliche Zeitreise zu gehen.

.jpg

Vater und Onkel unserer Kolumnistin beim traditionellen Osterreiten in der sorbischen Lausitz.

(Foto: Verena Maria Dittrich, privat)

Wie war Ostern in Ihrer Kindheit, erinnern Sie sich? Bei uns im nahen Spreewald war immer jede Menge los. Ostern im Osten. Das war Osterreiten, fröhliches Beisammensein und meist Stress mit Oma, weil Opa im Suff wieder in den Tümpel geflogen war. Meine Cousins, Cousinen und ich spielten den ganzen Tag über im Garten der Großeltern, während die Eltern, Onkel und Tanten vor ihren gut gefüllten Bowle-Gläsern auf der Behelfs-Veranda saßen und Gott einen guten Mann sein ließen. Samstag war immer der Tag, an dem alle furchtbar aufgeregt wegen Ostersonntag waren. Denn Ostersonntag war Osterreiten.

Ich stamme aus einer katholischen Familie und dieser nicht nur slawische Brauch findet in vielen katholischen Gemeinden statt. Mein Vater und mein Onkel gehörten zu den Osterreitern und ich glaube heute, Samstag zwitscherten sich immer alle die Anspannung vor diesem religiösen Ritual weg.

Ostern und das siebte Gebot

Einmal, einige Tage vor Ostern, erhielt mein Vater von irgend so einem Judas aus der Nachbarschaft eine Beschwerde mit der Frage, ob diese freche Göre mit den roten Lackschuhen seine Tochter sei. Die würde in den Gärten von Nisslers & Co. Tulpen klauen. Mein Vater stellte mich natürlich sofort zur Rede und schmetterte meine Verteidigung, zwei, allerhöchstens drei Blumen stibitzt zu haben, Matlock-mäßig ab, indem er auf den dicken fetten Strauß zeigte, der auf einer Bank in unserem Garten lag und den mir der blöde Nachbar zuvor ruppig aus den Händen gerissen hatte. "Wie lautet das siebte Gebot?" Ja, ja! Er hatte ja Recht, aber wenn bei uns doch nur Forsythien blühten!

Klauen in der Vor-Osterzeit? Ganz schlecht. Und so entschied mein Vater, es könne nicht schaden, wenn ich ihn bei nächster Gelegenheit zur heiligen Beichte begleiten würde. Da könnte ich dem Pfarrer alles sagen, was ich so angestellt hatte. Ich fand die Idee bei genauerer Betrachtung gar nicht mal so übel, denn ich wusste um die gute Laune meines Vaters nach der Beichte. Also machte er es sich zu Aufgabe, mich gut auf das Gespräch beim Pfarrer vorzubereiten, was mich, je näher der Tag der Beichte rückte, stresste.

"Und was sagst du, wenn der Pfarrer dich begrüßt?" "Dann grüße ich zurück." "Und was sagst du dann?" Ich zuckte mit den Schultern. "Und wenn der Pfarrer sagt: Gelobt sei Jesus Christus, sagst du ...?" "In Ewigkeit." "Amen, du darfst Amen nicht vergessen." "Ja, Amen."

In der Kirche angekommen, gingen wir nach einem hastigen Kreuzzeichen zu den Beichtstühlen. Die Aufregung wuchs. Je mehr ich über das Beichten meiner Sünden nachdachte, desto mehr vergaß ich sie. Plötzlich fiel mir außer dem blöden Tulpenklau keine einzige Schandtat mehr ein. Ich fühlte mich schrecklich lampenfiebrig und wünschte, mein Vater würde mal eine rauchen gehen. Zu Hause steckte er sich alle zehn Minuten eine Fluppe in den Mund, aber jetzt rückte er nicht von meiner Seite.

Endlich war es so weit. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich saß nicht im Beichtstuhl, sondern dem Pfarrer in so einem kleinen Kabuff gegenüber. Wie befürchtet, fiel mir vor Aufregung nur eine einzige Sünde ein und ich ahnte, dass es verdächtig aussah, nach zehn Sekunden schon wieder draußen zu sein. Also erzählte ich alles, von dem ich glaubte, es ließe sich als astreine Sünde verkaufen.

Ich beichtete, Geld aus dem Portemonnaie meiner Mutter entwendet zu haben, was nicht stimmte, aber ich dachte in dem Moment, dass ich, falls ich wirklich mal Geld von Muttern klauen würde, was ich natürlich nicht vorhatte, die Sache mit einer Voraus-Beichte möglicherweise bereits abgegolten sein könnte.

Sündenlos bis Ostersonntag

Während ich überlegte, ob Gott das Vor-Beichten (noch) nicht begangener Sünden gutheißen würde, versicherte mir der Pfarrer, der barmherzige Vater würde mir all meine Sünden vergeben. Im Grunde hätte ich zufrieden aus dem Beichtstuhl hüpfen können, da fiel mir schlagartig die Frohe Herrgottstunde ein, jener katholische Kindergarten, in dem ich natürlich auch das achte Gebot gelernt hatte: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Wer lügt, bricht die Gebote des Herrn.

Also erzählte ich dem Pfarrer lieber ehrlich, dass ich meine Sünden vor Aufregung vergessen hatte und mir deswegen neue ausgedacht hatte. Ich schob die Schuld auf Vaters ständiges Abgefrage und revidierte meine Beichte, einen Zwanni aus Mutters Geldbörse gestohlen zu haben, den wahren Täter aber zu kennen. Doch wenn ich diesen nun verraten würde, wäre das ja auch nur wieder eine Sünde, und ich wäre nicht besser als der Jesusverräter Judas.

Wie ein Gebirgsbach, der ins sündige Tal hinuntersaust, sprudelte es nur so aus mir heraus und ich erzählte dem Pfarrer von all meinen Streichen und Frechheiten. Danach fühlte ich mich wirklich super. Meine Sündenlosigkeit hielt genau bis Ostersonntag, jenem großen Tag, an dem die ganze Familie erst Vater beim Osterreiten zujubelte und später im Garten wie verrückt der Feuerzangenbowle frönte.

Wenn ich heute an das Mädchen mit den roten Lackschuhen denke, fallen mir viele dieser schönen Familienfeste ein. Ich kann nicht behaupten, dass ich gerade in diesen Tagen frei von Melancholie bin, aber die Schwere, einander nicht besuchen zu können, wird leichter, wenn man sich darauf besinnt, wie viele Feste man im Herzen trägt und wie viele weitere bestimmt noch folgen. Ihnen und Ihren Lieben Frohe Ostern! Und bitte in Nachbars Garten keine Blumen und aus Annelieses Portemonnaie auch keine Piepen klauen!

Quelle: ntv.de