Leben

Nachhaltigkeit ist kompliziert Dem Zeigefinger folgt schnell der Mittelfinger

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Regional und bio wird bei Obst und Gemüse immer mehr zum Qualitätskriterium.

(Foto: imago images/imagebroker)

"Gerade beim Essen ist es besonders leicht, nachhaltiger zu werden", sagt Buchautorin Sewalski. Mit den Kriterien bio, saisonal und regional wird man inzwischen im Supermarkt fündig. Sie selbst isst meist vegetarisch, für Würstchen bei Oma macht sie eine Ausnahme. Denn Stress hilft keinem.

Was ist nachhaltiger? Die spanische Bio-Tomate oder die regionale Nicht-Bio-Tomate? Diese Frage hat sich Mimi Sewalski gestellt, als sie ihr Buch "Nachhaltig leben, jetzt" geschrieben hat. Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Es kommt darauf an, ob Tomaten Saison haben, wie weit die Transportwege in den Supermarkt sind, wie die Erntearbeiter bezahlt werden und unter welchen konkreten Bedingungen die Tomate gewachsen ist. Wer eine nachhaltig angebaute Tomate essen will, wird schnell merken: Es ist kompliziert. Das Gleiche gilt für Gurken, Schuhe, Möbel oder Kaffee.

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Denn "Nachhaltigkeit ist kompliziert und das nervt", erzählt Sewalski ntv.de. "Man muss immer mitdenken." Sie selbst hat sich schon in der Grundschule für den Umweltschutz engagiert, als Kind der 80er-Jahre ging es damals vor allem um Waldsterben, sauren Regen und FCKW. Inzwischen ist sie Geschäftsführerin von Avocadostore. Die Internetplattform ist ein Marktplatz für faire Mode, nachhaltige Produkte und umweltfreundliche Alternativen zu vielen üblichen Produkten.

Sewalski setzt dort beruflich um, was ihr auch privat wichtig ist. Die 40-Jährige hat ihren Konsum "Stück für Stück umgestellt", der Prozess habe Jahre gedauert. "Wenn man anfängt, wo es einem leichterfällt, hat man die Motivation für den nächsten Schritt", fasst sie ihre Erfahrung zusammen. Leicht gefallen ist es ihr bei Kleidung, weil sie jede Menge Eco- und Fair-Fashion-Marken kannte und wusste, wo sie findet, was ihr gefällt. Schwieriger war es bei Kosmetik, aber auch da gebe es inzwischen ein sehr viel größeres Angebot als noch vor ein paar Jahren.

Schritt für Schritt

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Den Prozess, den sie selbst durchlaufen hat, beobachtet sie auch bei vielen Käufern nachhaltiger Produkte. Früher waren es vor allem junge Eltern, die schadstofffreie Lebensmittel, Kleidung und Möbel für ihr Baby suchten und ein paar Pioniere, die schon Ökomode kauften, als das noch kratzige Hemden und wallende Kleider waren. Inzwischen konsumieren auch Hipster nachhaltig, die nach coolen Marken suchen und dann merken, dass das ökologische und faire Mode ist. Oder Veganer, die Produkte suchen, die ihren ethischen Anforderungen entsprechen. "Vor zehn Jahren musste ich immerzu erklären, was Veganer essen, inzwischen weiß das fast jeder", erzählt die studierte Soziologin. Auch Holzzahnbürsten oder energiesparende LED-Lampen sind längst keine Nischenprodukte mehr.

Offenbar gehe es Schritt für Schritt voran, auch deshalb versucht Sewalski, sich und anderen nicht zu viel Stress zu machen. "Der erhobene Zeigefinger bringt nicht viel. Darauf folgt dann schnell der Mittelfinger", lautet ihre pragmatische Einschätzung. In ihrem Buch konzentriert sie sich darauf, zu zeigen, was schlecht am bisher Konsumierten ist, egal, ob es um Mode, Wohnen, Reisen oder Erbsen geht. "Ich habe fünf Jahre mein Gemüse selbst angebaut. Dann weiß man, wie es ist, wenn man zwei Monate seine Erbsen gehegt und gepflegt hat und dann kommt ein Schädling und es ist nicht eine einzige Erbse übrig." Im Supermarkt koste eine Dose Erbsen 85 Cent, "da fehlt einfach die Wertschätzung".

Seit die Generation Greta bei den "Fridays for Future" auf der Straße ist, beobachtet sie neue Impulse von Menschen unter 25. "Statt der früher oft gehörten Aussage, bio sei zu teuer, sagen die mittlerweile, dass viele herkömmliche Produkte viel zu günstig seien", erzählt Sewalski. Es bezahle nur jemand anders den Preis, die Arbeitnehmer im Herstellerland oder die Umwelt beispielsweise. Es ist die Tomatenrechnung, nur noch ein bisschen komplizierter.

Drei Kriterien mit Potenzial

Für die klimaschädlichsten Lebensmittel hat Sewalski in ihrem Buch nachgerechnet. Unter den "schlimmsten Fünf" ist Fleisch gleich doppelt vertreten, wobei Rindfleisch noch schlechter abschneidet als Schweine- oder Geflügelfleisch. Aber auch vegetarische Lebensmittel sind nicht automatisch besser. Das klimaschädlichste Lebensmittel ist zum Beispiel Butter, weil dafür viel Milch gebraucht wird und dafür wiederum methanausstoßende Kühe gehalten und gefüttert werden müssen. Nicht viel besser sieht es mit Sahne und Käse aus. Aber wie ist die Bilanz von Tiefkühlpommes? Schlecht, denn die starke Verarbeitung und die damit verbundenen Transporte und Kühlungen machen aus der einfachen Kartoffel ein ziemlich klimaschädliches Vergnügen.

Doch gerade bei Essen ist es nach Sewalskis Ansicht, besonders leicht, nachhaltiger zu sein oder zu werden. Wenn man nach den Kriterien "bio, saisonal und regional" einkauft, wird man inzwischen selbst in normalen Supermärkten fündig. "Damit tut man sich selbst etwas Gutes und der Umwelt auch." Schon in diesen drei Punkten stecke viel Potenzial. "Einfach, weil man auf lange Transportwege verzichtet und auch noch die regionalen Landwirte unterstützt." Sie bezieht in ihre Überlegungen aber auch Aspekte wie die Pflege der Böden mit ein. "Wenn ein Boden erst einmal durch Überdüngung und Monokulturen zerstört ist, kann es Jahrzehnte dauern, bis man darauf wieder Lebensmittel anbauen kann." Wenn man dann noch seinen Fleischkonsum reduziert und Verpackungen vermeidet, sei schon viel gewonnen.

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Für sie steht fest: Mit dem jetzigen Ernährungsverhalten zerstören die Menschen die Natur. Dabei seien die vielen hochverarbeiteten Lebensmittel wie beispielsweise Fertigprodukte sogar schädlich für den menschlichen Körper. Das ist der Moment, in dem Sewalski dankbar ist, dass sie schon immer gern gekocht hat. "Wer kocht, hat es leichter."

Ihre weitgehend vegetarische Ernährung hat sie in den vergangenen Jahren auch mit veganen Rezepten erweitert. "Aber meine Oma wohnt in Mittelfranken, wenn ich da kein Würstchen mitesse, werde ich enterbt." Also isst Sewalski die eine Wurst vom Metzger ihres Heimatortes und hält sich an ihr Mantra, sich mit der Nachhaltigkeit auch nicht zu viel Stress zu machen. Es bleibt eben eine komplizierte Rechnung, aber "es nutzt ja nichts, wenn ich mir das nachhaltige Designerstück hinstelle, aber weiter Alufolie kaufe".

Quelle: ntv.de