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Ein Fest zum Erwachsenwerden Die Pubertisten, sie leben hoch

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Eine Urkunde, ein Buch und eine Blume, bei vielen Jugendweihen gehört das dazu.

(Foto: picture alliance / Britta Peders)

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Viele Familien feiern ihre Teenager mit einem Fest, ob nun Konfirmation oder Jugendweihe. Ist das nur noch ein leeres Ritual aus längst vergangenen Zeiten oder doch noch eine wichtige Marke auf dem Weg zum Erwachsenwerden?

Wer im Frühsommer einen runden Geburtstag oder eine Hochzeit plant, sollte seinen Terminwunsch rechtzeitig bei Freunden und Verwandten anmelden. Denn jetzt hagelt es auch Einladungen für Konfirmationen, Jugendweihen oder andere "Erwachsenwerdungsfeste". Statt auszusterben, erfreuen sich diese Rituale ungebrochen großer Beliebtheit.

Der Brauch eines Festes in den Teenagerjahren stammt noch aus der Zeit, als der Nachwuchs allerspätestens mit 14 Jahren die Schule verließ und tatsächlich ins Erwachsenenleben startete. Wegen der deutlich geringeren Lebenserwartung war es dafür auch höchste Zeit. Gleichzeitig werden die jungen Leute auch religionsmündig. Deshalb haben die meisten Religionen in diese Zeit ein Ritual gelegt, das die Pubertisten in den Mittelpunkt stellt und ihnen die Verantwortlichkeiten des Erwachsenseins zumutet.

Im Judentum erleben Mädchen schon mit 12 Jahren Bat Mizwa, Jungen feiern ihr Ritual ein Jahr später. Nach Angaben der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands entscheiden sich 80 Prozent aller Jugendlichen mit jüdischen Wurzeln auch heute noch für das Fest in der Gemeinde, das jeweils am Schabbat, also dem wöchentlichen Ruhetag, nach dem Geburtstag gefeiert wird. In der evangelischen Kirche ließen sich 2016 insgesamt 184.000 junge Leute konfirmieren. Die katholische Kirche verzeichnete im gleichen Jahr fast 150.000 Firmungen. Die absoluten Zahlen sinken seit Jahren.

Trotzdem feiern viele Familien noch immer ein Fest für den langsam flügge werdenden Nachwuchs. Julia Prescher forscht an der Frankfurter Goethe-Universität zu Lebensübergängen und hat eineinhalb Jahre lang Jugendliche und ihre Familien bei der Jugendweihe begleitet. In einer insgesamt immer säkulareren Gesellschaft wird dieses Ritual immer häufiger gewählt. "Der Übergang in die nächste Lebensphase soll abgesichert werden", sagt Prescher. In dieser Phase der Unsicherheit gehe es darum, "auf die nachwachsende Generation zuzugreifen, damit diese später in die Gesellschaft einmündet. Das ist eine gesellschaftliche Anforderung, die ins Private gezogen wird."

"Unterricht" zur Vorbereitung

Nach der Wiedervereinigung wurde die Jugendweihe vor allem als Überbleibsel der DDR angesehen, doch beim Humanistischen Verein Berlin-Brandenburg kann man nachlesen, dass der Begriff bereits 1852 erstmals verwendet wurde. Abtrünnige Mitglieder freireligiöser Gemeinden suchten nach einer Alternative für die Konfirmation und erfanden diese Form der nichtreligiösen Schulentlassungsfeier. Vor allem in der SPD nahestehenden Arbeiterschaft fand dieses Fest schnell Anhänger. Die damit verbundenen Jugendweihe-Stunden orientierten sich formal am Konfirmandenunterricht, inhaltlich handelt es sich bis heute aber eher um ethischen Lebenskundeunterricht. Inzwischen werden Jugendweihen meist von regional angesiedelten gemeinnützigen Vereinen organisiert, mit wachsender Tendenz auch in Westdeutschland.

Bis heute ist allen Ritualen gleich, dass es für die Heranwachsenden eine Vorbereitungszeit gibt. "Im Alter, in dem Jugendliche eigene Gedanken entwickeln, ist es die Gelegenheit für die Autoritäten, sich der Kinder neu zu versichern", sagt Entwicklungsexperte Herbert Renz-Polster n-tv.de. "Insofern geht es um Bestärkung der Zugehörigkeit." Das allerdings könne man positiv sehen oder eben negativ. Viele Vorbereitungsformen orientieren sich vor allem an dem, was Erwachsene für Jugendliche für gut und richtig erachteten. "Es geht darum, dass die Kinder den Grundkanon der jeweiligen Religion lernen sollen", gibt Renz-Polster zu bedenken. "Da kommt dann ein Experte und vermittelt eine Impfung für das Erwachsenenleben." Genau das funktioniere aber nicht. "Kinder nehmen nichts mit, wenn sie nicht mit offenem Herzen und leuchtenden Augen im Unterricht sind."

Das haben auch die meisten Verantwortlichen mittlerweile verstanden. Mit Auswendiglernen oder Nachbeten ideologischer oder religiöser Glaubenssätze haben diese Veranstaltungen nur noch sehr wenig zu tun. Beim Humanistischen Verband heißt es: "Das breit gefächerte Vorbereitungsprogramm soll Jugendliche in einer Zeit des persönlichen Umbruchs bewusst auf ihr Erwachsenwerden aufmerksam machen und helfen, sich bei der Suche nach Identität, in der Skepsis gegenüber Erwachsenen und Eltern, bei Ängsten und Konflikten zu orientieren."

Wer bin ich?

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Konfirmandenunterricht hat heute viele Gesichter.

(Foto: imago/epd)

Diesen Ansatz verfolgen auch die Religionsgemeinschaften immer öfter. In vielen evangelischen Gemeinden dauert der Konfirmandenunterricht nur noch ein Jahr, um mit den gestiegenen Anforderungen der Schule und den Freizeitplänen der Jugendlichen kompatibel zu sein. Es geht darum, dass sie mit der Kirche ein gutes Gefühl verbinden. Nur dann sind sie vielleicht später bereit, als Kirchenmitglieder aktiv zu werden. Im Mittelpunkt stehen das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe, der Austausch und das gemeinsame Nachdenken.

Themen gibt es genug. Vieles ist schwierig: Pickel, Pubertät, Schule, erste Liebe. Aber vieles ist auch spannend: Wer bin ich? Wer will ich werden? Was kann ich gut? Welchen Platz finde ich damit in der Gesellschaft? Das Thema Werte schwingt dabei oft mit. "Kinder suchen nach moralischen Leitplanken, aber es funktioniert nur, wenn sie mit sich selbst klar kommen, wenn sie sozial kompetent und selbstbewusst werden", sagt Renz-Polster über diesen Aspekt. Für ihn ist das ritualisierte Fest nicht die einzige Möglichkeit, sich den Jugendlichen besonders zuzuwenden. Er plädiert dafür, in dieser Zeit, "in der sie erwiesenermaßen schulisch wenig Lernfortschritte machen", ein Fenster für eine Herausforderung zu öffnen. Das könne eine Alpenüberquerung sein oder die Organisation eines Festivals, eine Unternehmensgründung oder ein Sozialprojekt. Wichtig sei die Botschaft: "Das ist unser Erwachsenenritual, dass ihr was auf die Beine stellt. Wir geben euch Raum, findet euch zusammen."

Genau das bieten immer öfter Organisationen oder auch Lehrer an, hat Prescher bei ihrer Forschung herausgefunden. Es gebe diese Sehnsucht, "eine Markierung zu setzen. Vielleicht auch mit Menschen, die später nicht mehr unbedingt da sind. Großeltern spielen da eine große Rolle und die Möglichkeit, sich als Gemeinschaft zu empfinden". In dem Initiationsritual geht es nach ihrer Erfahrung zudem stark um die Körperlichkeit der Heranwachsenden. Das äußere sich nicht zuletzt im spannenden Prozess der Kleiderauswahl. "Das geht bis zur Disziplinierung über Konfektionsgrößen, bei der man sich fragen muss: In welche Abteilung muss ich jetzt eigentlich? Passt der Herrenanzug schon?" Die jungen Menschen müssen sich ganz praktisch mit vorgegebenen Geschlechterbildern und Stereotypen auseinandersetzen.  Zu sehen ist das nicht zuletzt daran, wenn ein Mädchen sich für einen Hosenanzug statt des typischen Kleids entscheidet und diese Wahl auch durchzusetzt. 

Unausgesprochene Erwartungen

Prescher hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass mit der Jugendweihe auch das Feiern gelernt wird. Viele Jugendliche stehen erstmals als Gastgeber vor der eigenen Familie. Sie selbst sind der Mittelpunkt der Party, der Grund. Trotzdem sei die Veranstaltung ein Spagat, mit dem "die Eltern den Nachwuchs über die Schwelle zum Erwachsenwerden locken". Dahinter stehen noch unausgesprochene Erwartungen, wie die nach dem Schulabschluss oder dem Eintritt in die Arbeitswelt. "Die Eltern wissen, was kommt, weil sie auch ihre Biografien rückwärts abspielen. Sie erleben ihr eigenes Erwachsensein im Spiegel des Rituals für die Kinder" sagt Prescher.

Diesen Zwiespalt sieht auch Renz-Polster. Wenn es nur darum gehe, Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen oder die Belohnung für die ausgehaltene Vorbereitungszeit zu erhalten, sei die schönste Feier nicht viel wert, meint er. Dann könnten sich die Heranwachsenden fragen: Würden sie mich auch feiern, wenn ich jetzt nicht Konfirmation hätte?

Trotzdem halten die meisten Familien an der Idee einer großen Party mit der Familie und den Freunden genau in dieser Zeit fest. "In unserem sehr eng regelten Alltag brauchen wir Lücken, um unsere psychosoziale Gesundheit zu erhalten", nennt Prescher als weiteren Grund. "Das Feiern entlastet in gewisser Weise von Sorgen und Nöten des Alltags und dient der Bewältigung von im Alltag nicht zugänglichen Übergängen." So bleiben diese Rituale die perfekte Gelegenheit, die Teenager mit ihren langen Gliedern, den sich verschiebenden Gesichtern und der brechenden Stimme in ihrer Unvollkommenheit zu feiern und mit Liebe zu überschütten.

Da stehen sie dann: In Anzügen, die sie noch nicht recht ausfüllen oder auf High Heels, in denen sie kaum laufen können. Niemand von ihnen ist am nächsten Tag erwachsen, aber bestätigt schon. Das Wort Konfirmation leitet sich vom lateinischen confirmare ab – bestätigen. Für Renz-Polster ist das eine Transformation des ursprünglichen Ansatzes der Glaubensbestätigung. So werde das "Erwachsenwerdungsfest" zum Anlass, um miteinander in Beziehung zu treten. "Und das Ritual glückt dann, wenn alle diese Gelegenheit nutzen."

Quelle: n-tv.de

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