Leben
Sie ist weg. Wenn die beste Freundin nicht mehr mit einem sprechen möchte, tut es besonders weh.
Sie ist weg. Wenn die beste Freundin nicht mehr mit einem sprechen möchte, tut es besonders weh.(Foto: imago/Photocase)
Sonntag, 13. Mai 2018

Wenn Herzensmenschen "ghosten": Die beste Freundin - plötzlich ein Geist

Von Kira Pieper

Gute Freunde und Partner gehören zu den wichtigsten Personen im Leben. Wenn die Beziehung auseinander geht, tut das weh. Wenn ein Mensch aber ohne Abschied verschwindet, schmerzt es noch mehr. Experten nennen das "Ghosting".

Julia war die perfekte beste Freundin für Anna. Sie hatten sich in der Uni kennengelernt, gründeten schließlich eine WG. Sie teilten alles miteinander: Sie gingen zusammen feiern, trösteten sich bei Liebeskummer und flogen zusammen in den Urlaub. Als Anna schließlich mit ihrem Freund zusammen zog, freute sich Julia für sie. Die beiden Freundinnen sahen sich seitdem zwar seltener, waren aber immer noch ein Herz und eine Seele.

Dann ging Julia beruflich für einige Monate ins Ausland. Auch das war zunächst kein Problem: Die Freundinnen hielten sich über Mail, Whatsapp und Skype auf dem Laufenden. Doch mit einem Mal wurde es immer stiller um Julia. Erst antwortete sie nur noch spärlich auf Annas Nachrichten. Auf die Whatsapp-Nachricht: "Lange nichts gehört, alles klar bei dir?", antwortete sie erst nach Stunden: "Alles gut". Das war's. Es sollten die letzten Worte sein, die Anna jemals von Julia hören wird.

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Seitdem nahm Julia keine Anrufe mehr entgegen, auch Rückrufe gab es nicht. Anna ließ nichts unversucht: Sie schrieb: "Wo bist du? Langsam mache ich mir Sorgen!". Die Nachricht kam an, die Nachricht wurde gelesen - aber beantwortet wurde sie nie. Noch ein Versuch: "Habe ich etwas falsch gemacht? Sag' mir doch bitte, was los ist!" Ein Haken, zwei Haken, beide Häkchen wurden blau. Eine Antwort? - Fehlanzeige.

Nach ein paar Wochen ist Anna klar: Julia hat sie abserviert. Die Amerikaner tauften das abrupte Ende einer Beziehung ohne Abschied "Ghosting". 2015 wurde der Begriff in das englische Wörterbuch Collins aufgenommen. Auch bei Wikipedia ist der Begriff seit drei Jahren aufgeführt. Im Klartext bedeutet es: Eine Person bricht den Kontakt plötzlich und unvorhergesehen ab, ohne Erklärung. Sie ist nicht mehr erreichbar, lässt sich verleugnen, reagiert weder auf Nachrichten noch auf Anrufe. Die Person, die einem einmal so am Herzen lag, ist einfach verschwunden - ist also quasi ein Geist.

"Ich gehe mal kurz Zigaretten holen"

Ganz so neu scheint das Phänomen auf den ersten Blick nicht. Denn auch frühere Generationen kannten schon das "Ich gehe mal kurz Zigaretten holen"- Prinzip. Auch damals kam der Partner, der Freund, der Studienkollege nie wieder zurück. "Dieses Phänomen gibt es schon, so lange es soziale Beziehungen gibt", bestätigt der Sprecher des Verbandes Deutscher Soziologen, Bastian Roet. Doch im Zeitalter der sozialen Medien habe "Ghosting" eine neue Qualität bekommen.

Roet erklärt es so: "Die Geschwindigkeit, in der wir Menschen kennenlernen, hat zugenommen." Und insbesondere im virtuellen Raum ohne ein Von-Angesicht-zu-Angesicht entstünden schneller zwischenmenschliche Missverständnisse. "Nur weil der eine denkt, durch ein paar Chats hat sich schon eine Beziehung aufgebaut, muss es für den anderen nicht auch so sein", erläutert Roet. Und wenn der eine nicht mehr antwortet, fühlt sich der andere geghostet.

Doch auch unter leibhaftigen Freunden kommt "Ghosting" vor. Allerdings, erklärt Roet, gebe es beim Ghosten "kein klassisches Täter-Opfer-Schema". Natürlich lasse sich das Verhalten des Ghosts damit nicht entschuldigen. "Wenn man sich geräuschlos einer Beziehung entzieht, spricht das für ein hohes Maß von sozialer Inkompetenz und auch von einem mangelnden Selbstbewusstsein", sagt der Experte. Ghosts hoffen, dass ihre Botschaft beim anderen ankommt, ohne dass sie verletzende Dinge sagen müssen. Wer ghostet, geht den Weg des geringsten Widerstandes - macht Schluss, ohne Schluss zu machen.

Nichtsdestotrotz kann der Ghost natürlich auch gute Gründe für sein Verhalten haben. "Vielleicht ist dem 'Ghosting' ein Fehlverhalten des Opfers vorausgegangen", erklärt Roet. "Aber das wird das Opfer nie erfahren, denn es gab keine Aussprache." Gleich in mehrfacher Hinsicht ist das fatal: Denn der Geghostete wisse nicht, was er falsch gemacht habe, stelle sich Fragen, die unbeantwortet bleiben. Und das sei wiederum zermürbend.

Auch ein Lerneffekt kann auf diese Weise kaum einsetzen. "Der Geghostete hat keine Chance, es in einer anderen Beziehung anders und damit vielleicht besser zu machen." Es sei demnach in jedem Fall von Vorteil, der Bekanntschaft klar zu sagen, was einen stört und sich nicht einfach der Diskussion zu entziehen. "Das ist am Ende weniger schmerzhaft für das Gegenüber", so Roet. "Denn es bleiben keine Fragen offen."

Quelle: n-tv.de