Leben

Wutausbrüche in Corona-Zeiten "Eltern sehen schöne Momente nicht mehr"

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Manchmal gehen die Gefühle einfach mit den Kindern durch.

(Foto: imago/Frank Sorge)

Manchmal können es Eltern einem Kind einfach nicht recht machen. Der Stoffelefant liegt falsch und der Lieblingsschlafanzug ist in der Wäsche: Schon gibt es einen Tobsuchtsanfall. In Zeiten familiärer Isolation ist das besonders schwer zu ertragen. Ein Gespräch mit Annette Conzelmann, Professorin für Klinische Psychologie im Kindes- und Jugendalter an der PFH Göttingen, über die Gründe solcher Wutausbrüche und was Eltern helfen kann.

ntv.de: Sie sind selbst Mutter einer achtjährigen Tochter und eines dreijähriges Sohnes. Kennen Sie das auch, dass es wegen kleiner Sachen großen Ärger gibt?

Prof. Annette Conzelmann: Ja, durchaus. Mein Sohn wollte kürzlich ein großes Glas Wasser, dann lieber ein kleines, dann doch wieder ein großes. Er war wütend, wollte sich regulieren, kam da aber irgendwie nicht raus. In solch einer Situation hilft auch mal ein liebevoll-gelassener Aufmerksamkeitsentzug.

Ein liebevoll-gelassener Aufmerksamkeitsentzug. Was ist das?

Das bedeutet, sich kurz einer anderen Situation zuzuwenden und so dem Verhalten, das man stoppen möchte, keine weitere Aufmerksamkeit zu geben, ohne das Kind als Gesamtperson abzuwerten oder laut zu werden. In dem Moment mit dem Wasserglas hatte es sich von selbst ergeben, weil meine Tochter nach mir rief. Ich sagte meinem Sohn, dass ich kurz nach ihr gucken werde und dann wieder zu ihm kommen würde. Als ich zurückkam, überlegte er noch kurz, ob er das Thema noch mal aufgreifen sollte, aber inzwischen hatte er sich beruhigt und für ein gemeinsames Memoryspiel entschieden.

Sich von einem Kind abwenden, das nicht das gewünschte Verhalten zeigt - da ist man schnell beim Strafen oder beim Liebesentzug. Wie kann man verhindern, dass das Kind sich durch einen Aufmerksamkeitsentzug als Person entwertet fühlt?

Ich zähle mal auf, was man machen sollte:

  • Sie sollten es nicht anschreien.
  • Sie sollten keine Sätzen sagen, die ein 'immer' enthalten. "Immer musst du mir so auf die Nerven gehen!" - "Immer musst du so ein Theater machen!" - "Immer musst du alles kaputt machen!"
  • Das Kind muss verstehen, dass es hier um ein konkretes Verhalten geht und nicht darum, dass man es als Mensch nicht akzeptiert oder liebt.
  • Die Zeit des Aufmerksamkeitsentzugs muss begrenzt sein.
  • Das Kind muss wissen, dass es auf seine Bezugspersonen zukommen kann.
  • Sie sollten sich selbst eine Strategie überlegen, wie Sie in so einer Situation überlegt und gelassen sein können. Wenn man selbst nicht emotional in den Kampf geht, wird das Verhalten oft schwächer.
  • Das Kind muss die Regeln kennen, also, was wird von ihm erwartet, was ist ok und was nicht.
  • Aber ganz wichtig: Sie sollten überlegen, warum das Kind so reagiert. Braucht es vielleicht gerade eine intensive geborgene Zeit mit mir. Da wäre Aufmerksamkeitsentzug schlecht.
  • Oft hilft auch einfach Ablenkung und Fürsorge.

Viele Eltern neigen nach solchen Situationen dazu, sich zu fragen, ob grundsätzlich etwas schief läuft. Ist das falsch?

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Annette Conzelmann ist neben ihrer Arbeit in Göttingen auch Leitende Psychologin Bereich Forschung an der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Tübingen. 

(Foto: privat)

Nein, natürlich muss man darauf achten, ob dem Kind vielleicht generell etwas fehlt. Die Ursache für dieses Verhalten ist immer ein Wechselspiel aus dem Verhaltensrepertoire des Kindes und Erfahrungen aus der Umwelt und mit anderen Menschen. Typisch bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten ist, dass die Eltern total auf negatives Verhalten des Kindes fixiert sind. Sie reagieren nur darauf, verstärken es dadurch noch und nehmen die schönen Momente gar nicht mehr wahr.

Was könnte den Eltern helfen?

Es kann helfen, sich die positiven Seiten bewusst zu machen und vielleicht am Ende des Tages aufzuschreiben, was gut gelaufen ist. Positive Verstärkung ist hilfreich, dem Kind bewusst Aufmerksamkeit zu geben, wenn es wünschenswertes Verhalten zeigt. Eltern könnten sich in einem ruhigen Moment auch die Zeit nehmen, die Ursache herauszufinden. In welchen Situationen ist das Kind fordernd? Was sind die Auslöser? Gibt es da ein Muster? Passiert es immer, wenn es müde oder hungrig ist oder am Tag viel los war? Macht es das nur bei mir oder auch beim Papa? Eher morgens oder abends? Wünscht es sich mehr Aufmerksamkeit von mir? Konkurriert es mit den Geschwistern? Wie reagiere ich auf so ein Verhalten? War ich unausgeglichen? Vielleicht kann ich mir dann einen Plan machen, wie ich die Situation gezielt verändern kann.

Mit einen Plan machen meinen Sie, es aufzuschreiben?

Ja, Schreiben schafft Distanz zu der Situation. Man kann konstruktiv Lösungen erarbeiten und dann darauf auch wieder zurückgreifen. Nach einem Tag, der mit den Kindern nicht gut gelaufen ist, hadert man ja oft. Dann sieht man nur noch Probleme und denkt, wenn das so läuft wie heute, wird das auch in der Schule schwierig mit diesem Kind, aus dem Jungen oder Mädchen wird nie was werden. Besser ist es von Problem- auf Lösungsorientierung zu schalten: Wie kann ich die Situation stressfreier gestalten? Was habe ich damit zu tun, dass wir so aneinander geraten? Sollte ich das Abendprogramm vielleicht früher beginnen? Wo kann ich mir Unterstützung holen? Hat das Kind vielleicht psychische Probleme, die ein Experte anschauen sollte?

In diesen Zeiten der Corona-Pandemie sind Familien sehr auf sich zurückgeworfen. Was kann ihnen helfen, so liebevoll-gelassen zu bleiben, wie es ideal wäre?

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Wichtig ist, die Probleme mit dem Partner oder mit Freunden lösungsorientiert zu besprechen, sich am Tag eine Auszeit zu gönnen, auch wenn es nur eine halbe Stunde ist. Selbstfürsorge ist wichtig. In der Badewanne kann man Kraft tanken und indem man ausreichend lange schläft. Es ist gut, vorausschauend den Tag zu strukturieren und auch Abwechslungen einzubauen. Außerdem finde ich es sinnvoll, einmal in der Woche einen Familienrat einzuberufen, in dem man Probleme besprechen, die Hausarbeit einteilen und die Zeitgestaltung oder Familienregeln besprechen kann. Das geht schon mit Kindern etwa ab dem Vorschulalter, wenn man es einfach hält auch früher. Die Eltern sollten auch darauf achten, dass jeder in der Familie eine Rückzugsmöglichkeit hat und wenn es nur ein Zelt im Wohnzimmer ist.

Mit Professor Annette Conzelmann sprach Uta Allgaier.

Quelle: ntv.de