Gesundheit

"Ausweg" Selbstverletzung Wenn Schmerz das Leben bestimmt

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Jugendliche verletzen sich meist an Armen oder Beinen, dort können sie Schnitte oder Narben gut verstecken.

(Foto: imago/Westend61)

Kratzen, beißen, schneiden: Viele Jugendliche verletzen sich selbst. Oft stecken sie in extremen Notlagen, in denen nur eine Therapie helfen kann.

"Das erste Mal bewusst selbst verletzt habe ich mich, als ich zehn Jahre alt war." Schon als Kind nutzt Virginia Molkentin das Kneifen und Kratzen als eine Art Ventil für ihre Gefühle. "Je nach Situation kratzte ich mir gelegentlich den Arm oder das Knie auf." Dabei bleibt es jedoch nicht. Das Verlangen, sich abzureagieren, wird größer, Molkentins Verletzungen gravierender - sie fängt an sich zu ritzen.

Etwa jeder dritte Jugendliche hat sich zumindest einmal selbst verletzt. Deutschland gehört damit europaweit zu den Ländern mit den höchsten Selbstverletzungsraten bei Jugendlichen. Betroffene zerstören laut psychologischer Definition dabei freiwillig ihr eigenes Körpergewebe, jedoch ohne eine suizidale Absicht. Das Handeln wird sozial nicht akzeptiert und stellt kein eigenständiges Krankheitsbild dar. Es ist ein Symptom, das meist im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung auftritt.

Schmerz reguliert negative Emotionen

Doch woher kommt das Verlangen sich selbst Schmerzen zuzufügen? Jeder Jugendliche hat seine eigene Geschichte und daher unterschiedliche Beweggründe. "Die Betroffenen befinden sich häufig in einem negativen emotionalen Zustand.  Das kann Anspannung, Wut oder Leere sein, die man nicht mehr aushält", erklärt Dr. Paul Plener, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität in Wien. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit selbstverletzenden Verhaltensweisen von Jugendlichen. Durch die Selbstverletzung soll eine Regulation der Emotionen entstehen. Der negative Zustand scheint für einen Moment beendet zu sein.

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Häufig haben Betroffene das Werkzeug für die Selbstverletzung ebenso dabei, wie das Material, um ihre Wunden zu versorgen.

(Foto: imago/Westend61)

Oftmals handelt es sich um Gefühle, die im Alltag entstehen und für die Betroffenen unerträglich sind. Bei Molkentin waren das Streitsituationen mit ihren Eltern. "Sobald ein Streit in meiner Umgebung war, kniff ich mich unbewusst immer und immer wieder", erzählt die junge Frau. "Ich kratze mich, um mich abzureagieren." Andere Jugendliche berichten von einem Spannungsabbau oder einem entlastenden Gefühl, das durch den Schmerz entsteht. Wenn die innere Leere überhandnimmt, dient die Verletzung auch dazu, sich und seinen Körper wieder spüren zu können.

Die Betroffenen beginnen mit dem Verhalten früh. "Momentan sagen die Daten aus Deutschland, dass das durchschnittliche Alter, in dem sich Jugendliche selbst verletzen, bei zwölf bis zwölfeinhalb Jahren liegt", erklärt Plener. Das Symptom tritt meist episodisch auf. "Mit 14 kam ich vom Ritzen ab", erinnert sich auch Molkentin. Dann aber trennen sich ihre Eltern. Sie fällt in alte Verhaltensmuster zurück und beginnt erneut sich zu verletzen. Bis heute wird Molkentin das Gefühl nicht los, Schuld an der Trennung zu sein.

Verständnis statt Vorwürfe

Plener erklärt, dass es sich nicht um ein pubertäres Verhalten handelt, das einfach vorbei geht. Das selbstverletzende Verhalten sei Ausdruck einer seelischen Notlage und müsse daher ernst genommen werden. "Ich hatte nie den Gedanken mir ernsthaft etwas anzutun", betont auch die heute 22-jährige Molkentin. Die Jugendlichen sind aber stark emotional überlastet. Dennoch wenden sich die Wenigsten von selbst an Eltern oder Freunde. Sie schämen sich, haben Angst andere zu belasten und sind häufig selbst mit der Situation überfordert. Der Prozess verläuft daher meist heimlich. "Irgendwann waren es so viele Schnitte, dass ich es nicht mehr verstecken konnte", berichtet Molkentin.

Wenn Angehörige von den Selbstverletzungen erfahren, geraten sie in ein wahres Gefühlschaos zwischen Hilflosigkeit, Verzweiflung, Angst oder Wut. Sie fragen sich: Was kann ich tun? Was soll ich vermeiden? Wie kann ich helfen? Betroffene brauchen kein Unverständnis, sondern echtes Interesse. "Der erste Schritt, den ich empfehle, ist auf eine neutrale und möglichst nicht emotional aufgeladene Art mit der Person zu sprechen. Respektvolle Neugier ist da ein guter Weg", ist Plener sicher. Häufig fühlen sich Betroffene ertappt oder haben Angst. Vorwürfe bringen an dieser Stelle nichts, auch Druck nicht. Es sei wichtig zu zeigen, dass man sich sorgt und für die Person da ist.

Psychotherapie ist notwendig

Gemeinsam sollte man über professionelle Hilfsmöglichkeiten sprechen und dem Jugendlichen vermitteln, dass man sie auf dem Weg dorthin begleitet. "Psychotherapie ist immer Mittel der Wahl", erklärt Plener. Die Jugendlichen bekommen durch die Gespräche einen besseren Zugang zu sich selbst und zu ihren Symptomen. Molkentin ist 15, als sie ihre erste Therapie beginnt. "Dabei wurde mir erst so richtig bewusst, dass mein Verhalten selbstverletzend ist", erklärt Molkentin.

*Datenschutz

In der Regel müssen Betroffene mehrere Monate auf ihren ersten Termin beim Psychologen warten. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren. Die Suche und das Warten sind extrem anstrengend und kräfteraubend. Plener ist sich dieses Problems bewusst, und versucht Abhilfe zu schaffen. Seit letztem Jahr läuft das "Star"-Programm: eine Onlinetherapie für Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten, mit der ein niedrigschwelliger Zugang zu professioneller Hilfe ermöglicht werden soll. Bislang greifen jedoch erst wenige Jugendliche auf das Angebot zurück. In Ländern wie Großbritannien, Schweden und den Niederlanden werden Onlinetherapien bereits völlig selbstverständlich eingesetzt, nachdem in zahlreichen Studien deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde.

Auch Molkentin wird jetzt erneut professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. In einer Tagesklinik möchte sie lernen, sich wieder selbst zu respektieren und ihren Alltag genießen zu können. "Ich gehe sehr reif mit meinen Symptomen um und versuche, mein eigenes Verhalten zu reflektieren, um nicht wieder die Kontrolle zu verlieren."

Quelle: n-tv.de

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