Leben

Eine Shoah-Überlebende in Berlin "Ich bin froh, dass Polizisten da draußen stehen"

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Assia mit ihren Eltern. Das Foto stammt aus dem Jahr 1936.

(Foto: privat)

Als kleines Mädchen flüchtet die Jüdin Assia Gorban, die damals noch Klurfeld hieß, aus einem Konzentrationslager. Wie durch ein Wunder überlebt sie die schreckliche Zeit. Später wird sie Lehrerin in Moskau. Im Rentenalter wandert sie nach Deutschland aus. Assia Gorban engagiert sich heute für die Jüdische Gemeinde in Berlin und arbeitet mit Senioren in einem jüdischen Altenheim. Was sie antreibt und was sie über Antisemitismus denkt, erklärt die Holocaust-Überlebende im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Sie sind Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland gekommen. Ins Land der früheren Nationalsozialisten, die Sie fast ermordet hätten. Welches Gefühl war das, als Sie nach Berlin kamen?

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Assia Gorban erlebte die Nazi-Verfolgung mit. Doch mit viel Glück überlebte sie sowohl das Ghetto als auch das Konzentrationslager.

(Foto: Sonja Gurris)

Assia Gorban: Zuerst war mein Sohn hier - und das war für mich der Hauptgrund, hierherzukommen. Außerdem gab es in der Sowjetunion kaum etwas zu essen. Aber eines können Sie mir glauben: Ab dem ersten Tag in Deutschland hatte ich keinen einzigen schlimmen oder negativen Gedanken. Ich bin mit einem offenen Herzen nach Deutschland gekommen. Und ich habe auch eine deutsche Freundin - sie ist meine beste Freundin geworden.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke?

Die Menschen auf der Straße waren sehr freundlich zu mir. Und das zeigte mir, dass es wirklich Menschen waren und keine Soldaten wie früher. Aber es gab dennoch etwas, was mich beängstigt hat. Diese Situationen kamen immer dann, wenn ich einen alten Mann mit einem Stock gesehen habe. Dann habe ich mich oft gefragt, wo er im Krieg wohl war - und was er getan hat.

Aber Sie organisieren eine Berliner Gruppe Holocaust-Überlebender ...

Ja, ich leite die Gruppe "Phönix aus der Asche". Es gab die Organisation schon 13 Jahre in Deutschland und dann wurde die Gruppe in Berlin gegründet. Ich wurde gefragt, ob ich diese leiten möchte. Zu mir kommen heute bis zu 25 Personen, die alle russischstämmig sind. Neue Menschen kommen nicht hinzu, eher sterben sie.

Reden Sie dann auch über den Holocaust?

Ich habe alle in der Gruppe gefragt, ob sie über das Erlebte sprechen wollen. Wir haben damit angefangen und manche haben ihre Geschichten erzählt. Dann hat es auch Tränen gegeben. Aber wir haben damit aufgehört - denn es schmerzt sie zu sehr. Nun lade ich die Gruppe ein, Konzerte zu besuchen oder jüdische Feiertage zu begehen. Ich animiere die Menschen jedes Mal. Wir haben immer eine sehr schöne gemeinsame Zeit.

Sie engagieren sich auch in einem jüdischen Pflegeheim. Was machen Sie da?

Als ich meinen Ausweis bekommen habe, der zeigte, dass ich zur jüdischen Gemeinde gehöre, habe ich sofort bei der Gemeinschaft gefragt, was ich tun kann. Und dann hat man mir gesagt, ich könnte ins jüdische Altersheim gehen und den Menschen dort helfen. Das mache ich jetzt schon 26 Jahre. Dann bringe ich jeden Mittwoch traditionelles russisches Essen, um ihnen einmal pro Woche eine Freude zu machen. Ich erzähle ihnen auch davon, was in der Welt so passiert. Später singen wir zusammen.

Wie erleben Sie den Antisemitismus in Deutschland, konkret an Ihrem Wohnort Berlin?

Mit den älteren Personen spreche ich nicht darüber. Ich spüre hier in Berlin persönlich keinen Antisemitismus. Aber ich erfahre natürlich durch die Medien, dass es ihn gibt. Außerdem höre ich die Beispiele aus unserer Gemeinde. Ein Rabbiner hat mal gesagt, dass jemandem die Kippa vom Kopf gerissen wurde. Aber meine Urenkelin sagt zum Beispiel stolz: "Ich bin Jüdin". Ich muss aber ehrlich sagen, wenn an Chanukka am Brandenburger Tor die Lichter der Menora entzündet werden, gehe ich nicht dorthin. Da habe ich Angst.

Hier draußen vor der Jüdischen Gemeinde steht ein Polizist, der das Gebäude bewacht. Was fühlen Sie, wenn Sie die Polizisten vor den jüdischen Einrichtungen stehen sehen?

Ich bin froh, dass die Polizisten da draußen stehen, denn so werden wir beschützt.

Mit Assia Gorban sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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