Leben

Eine für alle Im Kaufhaus des Wahnsinns

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Tanzten ausgelassen zu DJ Lars Eidingers Beats: Stil-Ikone Günther Krabbenhöft und "90 Grad"-Mitgründerin Britt Kanja.

(Foto: IMAGO/Future Image)

Nachts im KaDeWe eingeschlossen zu werden - ein Traum. Die Chancen standen nicht schlecht diese Woche, denn der Luxusladen lud zum Grand Re-Opening und 115. Geburtstag. Die Kolumnistin, (gerne) Berlinerin, war da und wird nostalgisch.

Es hat nicht mehr all zu viel zu tun mit dem Kaufhaus des Westens, mit dem ich aufgewachsen bin. Und ich bin wahrscheinlich auch die Einzige, die diese Serie über das KaDeWe doof fand, alle anderen haben die ja total gehyped. Das KaDeWe - ein Konsumtempel der modernsten Art, der sowohl Touristen als auch Einheimische anzieht mit seinen vielen, warmen Lichtern - ist aber auch ein Stück kälter geworden. Früher eine Mischung aus edler Parfümerie und Woolworth im Erdgeschoss (von teurer Kosmetik bis zu simplen Zopfgummis war alles zu überblicken) hat sich das sogenannte "Shop in Shop"-Prinzip inzwischen derart durchgesetzt, dass man manchmal gar nicht mehr weiß, wo man ist, wenn man durch die edlen Gänge irrt und über die asiatischen Teenager, die vor Louis Vuitton anstehen, stolpert.

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Shop 'til you drop ...

(Foto: REUTERS)

Ich bin zwiegespalten: Im KaDeWe hab ich schon mein letztes Geld ausgegeben, mein Verhältnis zu dem Laden ist aber dennoch so gut, dass es für eine Kundenkarte reicht. Und es ist immer wieder dasselbe Spiel: Ich gehe ohne Bedürfnisse hinein, ich komme mit 1000 Gedanken, Wünschen und ein bisschen quengelig wieder raus. Sehnsüchte werden geweckt und das soll so sein, schon klar. Aber es ist nicht mehr diese kitschige Art, wie man sich das vorstellt, mit großen Kinderaugen in einem riesigen Kaufhaus herumzustromern und sich dabei zu denken: Später, wenn ich mal groß bin, dann werde ich mir das leisten können. Vieles will ich mir jetzt gar nicht mehr leisten und bin eher ein bisschen abgetörnt. Im KaDeWe, da herrscht nämlich der Wahnsinn, und davon hab ich genug. Aber es gibt dort alles! Außer Fahrradklingeln.

Champagner, bis der Arzt kommt

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Lars Eidinger: "Ein Ausflug ins KaDeWe hat schon etwas von einem Museumsbesuch. (...) man muss gewisse Dinge nicht zwingend besitzen, ich mag es auch, mich einfach nur umzuschauen."

(Foto: IMAGO/Future Image)

Das Beste am KaDeWe sind aber sowieso die Menschen. Ich bin zur großen Wiedereröffnung da, denn Mittwochnacht wurde mit einem spektakulären "Grand Opening" der 115. Geburtstag des Luxusladens und die Neueröffnung nach dem Umbau gefeiert. Es gibt ordentlich was zu glotzen: Mehr als 2000 Gäste amüsieren sich auf der exklusiven Party, das Who's who der Berliner Szene aus Fashion, Lifestyle, Wirtschaft, Kultur und Business, also tout Berlin, reicht sich die Hand und die Wange, bussibussi, man tummelt sich zwischen Käseabteilung und Fisch-Theke und amüsiert sich prächtig. Moderne Rolltreppen schaufeln die Gäste in luftige Höhen, es wird Champagner gereicht bis zum Abwinken, Austern serviert, bis der Notarzt kommt. Das wahrhaftig riesige KaDeWe ist in dieser kalten Berliner Nacht der heißeste Club der Stadt - bye-bye, "Berghain" - in dem Lars Eidinger auflegt und das alte und das neue Berlin andächtig bis ausgelassen tanzt.

Früher bin ich mit meiner Oma am Tauentzien (heißt eigentlich Tauentzienstraße), also da, wo das KaDeWe schon immer steht, bummeln gegangen. "Window-Shopping" hieß das auch, man guckte sich an, was die nächste Saison so zu bieten hatte, ohne zu kaufen. Erstmal. Es ging um Übergangsschuhe und -jacken, es sollte was Schönes zu Ostern sein, was Sinnvolles zu Weihnachten. Heut - und damit meine ich nicht nur das Grand Opening - sind im KaDeWe Leute, die sich ganz doll überlegen, was sie anziehen, bevor sie shoppen gehen, die gewaltige Rolltreppe ist der Laufsteg aller Möchtegern-Models.

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Ein Irrenhaus - aber ein ganz wunderbares!

(Foto: dpa)

In der Party-Nacht sind Frauen dort, die auf jeden Fall mehr als nötig zeigen, ich überlege mit einer Freundin, wie es wohl wäre, wenn wir unsere Köpfe in das eine oder andere Dekolletee tauchen, einfach nur so, weil es der dekadente Wahnsinn wäre, wenn wir unsere Köpfe jetzt in einer Art Jadebusen versenken könnten. Wie gesagt, der Champagner fließt in dieser Eröffnungsnacht in Strömen.

Kurz vor Weihnachten steh ich auf der Matte

Plötzlich muss ich daran denken, wie wir nach dem Mauerfall mit den Cousinen meiner Mutter ins KaDeWe gegangen sind, die 100 Westmark Begrüßungsgeld auf den Kopp kloppen. Was sollte man sich denn bloß zuerst kaufen? Wofür reichten denn bitte 100 Mark im KaDeWe jemals? Eine der Cousinen weinte irgendwann, sie war überfordert, ich verstand sie so gut, tue es noch heute, möchte mich entschuldigen, dass wir nicht in den Zoo gegangen sind statt in dieses Irrenhaus.

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Nur mal 'n bisschen bummeln ...

(Foto: dpa)

Aber es zieht mich immer wieder hin. Kurz vor Weihnachten stehe ich garantiert auf der Matte und lass die Kundenkarte glühen. Erstens, weil ich Geschenke brauche, alle auf einmal, und zweitens, weil ich dort traditionell zum Schampustrinken verabredet bin. Mit ein paar Freundinnen, den "Mutterlosen". Es gab Weihachten, da haben die Freundinnen und ich unsere Mütter in die Fressetage eingeladen - ich bereue noch immer, dass wir das nicht viel öfter gemacht haben. Nun denn, jetzt eben ohne Mütter, daher der trostlose Name.

Beschwingt verlasse ich die Party, beim Rausgehen an diesem luxuriösen Eröffnungsabend höre ich der Unterhaltung zweier Frauen hinter mir zu. Frau 1: "Ich habe meine Birkin Bag versetzt, um meinen 50. Geburtstag groß zu feiern." Frau 2, ohne besonders schockiert zu wirken: "Ich wüsste ehrlich gesagt gerne, wo ich meine Birkin Bag bloß hingepackt habe." Sie lachen. Ich drehe mich um und sage: "Ich habe mal einen Diamantring verkauft, um in den Skiurlaub zu fahren." Wir alle lachen und schmeißen leicht hysterisch den Kopf in den Nacken.

Ich dachte, ich komme ohne diese bekloppte Floskel aus, aber komme ich nicht, denn: Dit is Berlin. Schönes Wochenende, man sieht sich. In der Fressabteilung.

Quelle: ntv.de

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