Leben

Germany's next Anziehpüppchen Ist diese Fleischbeschau noch zeitgemäß?

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Bei Heidi Klum hat das Modeldasein keine Schattenseiten.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Heidi Klum sucht wieder nach neuen "Määädchen". Die Casting-Show "Germany's Next Topmodel" geht in die 15. Runde. Pünktlich zu jeder neuen Ausgabe erscheinen wütende Texte von Feministinnen, die das Aus der Sendung fordern. Passiert ist - nichts. Warum?

Heidi Klum ist zurück und mit ihr ihre Casting-Show "Germany's Next Topmodel", die mittlerweile in die 15. Staffel geht. Das Format, das einer Fleischshow gleichkommt, steht seit Jahren in der Kritik. Pünktlich zu jeder neuen Ausgabe erscheinen wütende Texte von Feministinnen und Vereinen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen und das Aus oder den Boykott der Sendung massiv fordern. Passiert ist bisher - nichts.

Klum verteilt munter weiter Fotos oder eben keine. Sie beurteilt junge Frauen, getreu dem Motto der Show, nach ihrem "Walk", ihrer "Attitude" oder ob sie lasziv genug gucken können. Natürlich sei es auch wichtig, dass all diese Mädchen eine "Personality" mitbringen. Das alles ist so fragwürdig wie lächerlich, dass auch die kläglichen Versuche, die Sendung moderner aussehen zu lassen, indem man nun auch auf Diversität setzt, eher wie ein schlecht durchdachtes Alibi anmuten.

Frauen, die das Format kritisieren, so heißt es oft, seien entweder verbiestert und verbittert oder hässlich. Und weil sie eben so hässlich seien (wahlweise auch alt), wären sie neidisch auf Tausende schöne Mädchen, die versuchen, den Traum vom Model wahr werden zu lassen. Kritiker mit derlei Argumenten aus dem Ballaballa-Baukasten zum Schweigen bringen zu wollen, ist fast schon wieder lustig, wenn es nur nicht so geschmacklos und unsäglich dümmlich wäre!

"Sei hübsch, halt den Mund, mach, was man dir sagt!"

In Zeiten von #MeToo, in denen Frauen sich endlich wieder laut wehren und starkmachen gegen Sexismus und Ungerechtigkeit, ist diese Sendung der blanke Hohn, transportiert sie doch das angestaubte Frauenbild der frühen Fünfzigerjahre: "Sei hübsch, halt den Mund, mach, was man dir sagt und vor allem: Gefalle!"

Jungen Mädchen wird suggeriert, für den potenziellen Modekunden "alles zu geben" - egal, was von ihnen verlangt wird. Das ist nicht nur sexistisch, das ist hochgradig menschenverachtend, vor allem auch mit Blick auf die aktuellen Missbrauchsvorwürfe in der Modebranche, die, wenn man genauer hinschaut, in Wahrheit wohl seit Jahrzehnten Teil des Business sind. Aber sofort heißt es: Die Models, die anonym bleiben wollen und diese Vorwürfe erheben, hätten eben nur keine Disziplin. Denn Disziplin, so wie eine Heidi Klum sie besitzt, sei der Grundstein für jeden Erfolg.

Die mächtigen Männer hinter den Kulissen

Tausende Frauen wollen so sein wie die deutsche Model-Mama Heidi, die coole Businessfrau, die es in Amerika geschafft hat. Dazu gehört auch die Selbstoptimierung, die schnell zum Zwang wird. Mädchen, keine 18 Jahre alt, lassen sich die Lippen aufspritzen, die Brüste vergrößern oder sogar die Beine verlängern, um auszusehen wie ihre Idole. Einmal wie Heidi Klum auf dem Laufsteg in New York laufen, am besten für "Victoria's Secret" - mit großen, schillernden Flügeln auf dem Rücken. Das ist der Traum vieler Mädchen, die, auch weil sie wohl noch so jung sind, nicht begreifen, in was für eine frauenfeindliche Branche sie da überhaupt hineinwollen.

Und mit der Aussicht auf das große Geld kommt auch das große Schweigen über mächtige Männer, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen und die über Erfolg und Misserfolg, große Kampagnen und Karrieren entscheiden. Mächtige Männer wie beispielsweise der 82 Jahre alte "Victoria's Secret"-Chefs Les Wexner, zu dessen Freunden auch der verurteilte Sexualstraftäter und Mädchenhändler Jeffrey Epstein gehörte.

Wenn Fernsehshows zur Selbstsuche mutieren

TV- Formate wie "GNTM" haben durch ihre mediale Überpräsenz nicht abzusehende Auswirkungen auf heranwachsende Mädchen, auf ihr Denken, ihre Selbstwahrnehmung, ja manchmal sogar auf ihr ganzes Leben. Gezüchtet wird hier eine Gesellschaft, in der es vielen jungen Menschen wichtiger ist, die richtige Lippenstiftfarbe aufzulegen und ihre Followerzahl bei Instagram zu pushen, statt richtig schreiben zu lernen oder sich zu bilden. Denn Modeln, so der falsche Traum, den diese Mädchen träumen, das sei zwar auch Arbeit, aber eben eine wunderschöne. Und wenn es mit der Karriere bei Heidi nicht klappt, dann eben mit dem eigenen Instagram-Account oder "einem reichen Mann" an der Seite.

In Zeiten, in denen Frauen so viel erreicht und so hart für mehr Gleichberechtigung gekämpft haben und immer noch kämpfen, wirkt diese Fleischbeschau by Heidi Klum mehr als rückwärtsgerichtet, aber vor allem ist sie eines: zutiefst pervertiert.

Quelle: ntv.de