Leben

Historische Strecke wiederbelebt Italiens Transsibirische Eisenbahn fährt wieder

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Im Zug taucht man in eine andere Welt ein.

(Foto: Andrea Affaticati)

Seit 1897 ist die Ferrovia dei Parchi in Betrieb. So nennt die Bahn, die einst die entlegensten Orte in den Abruzzen verbinden sollte, aber kaum jemand. Und beinahe gäbe es sie auch schon nicht mehr.

8.30 Uhr morgens, der Zug verlässt langsam den Bahnhof von Sulmona, einer Kleinstadt im Herzen der Abruzzen. Sulmona mag klein sein, ist aber weltweit bekannt wegen seiner Konfetti, dem römischen Dichter Ovid, der hier am 20. März 43 v.C. auf die Welt kam, und wegen eines Aquäduktes, der noch aus der Zeit des Staufenkönigs Friedrich II. stammt.

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Die Lok und die alten Wagen sind etwas für Eisenbahnliebhaber.

(Foto: Andrea Affaticati)

Sulmona ist in diesem Fall aber nur der Ausgangspunkt einer Reise in das Herz der Region Abruzzen, die bis nach Roccaraso führt. Das ist das Skigebiet der Neapolitaner und der Römer und einst, zwischen den zwei Weltkriegen, war es auch das der italienischen Königsfamilie der Savoyen.

Protagonisten dieser Reise ist zum einen die Transiberiana d'Italia, eine historische Eisenbahn, mit Diesellok und "Centoporte", Hundert-Türen-Waggons aus den 1920er Jahren, und zum anderen eine Gruppe von Freunden, die alles darangesetzt hat, diesen Zug und die Bahnstrecke am Leben zu halten.

Mitten in der sibirischen Steppe

Offiziell heißt der Zug Ferrovia dei Parchi, weil er den Nationalpark des Bergmassivs Maiella und den der Abruzzen durchquert. Weitaus bekannter ist er aber unter dem Namen Transiberiana d'Italia, den er einem Journalisten verdankt. Als der Zug aus dem 2,5 Kilometer langen Tunnel, der das Maiella Massiv durchbohrt, herauskam und der Mann die Landschaft erblickte, erschien sie ihm wie die sibirische Steppe.

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Bei diesem Anblick kann man sich schon an Sibirien erinnert fühlen.

(Foto: Andrea Affaticati)

An diesem Samstag Mitte Februar sind es Luca aus Sulmona und Claudio aus der Küstenstadt Pescara, die die Passagiere begleiten. Beide sind Mitte 30, beide haben Jura studiert, sind aber dann von diesem beruflichen Weg abgewichen, um sich zusammen mit anderen Freunden aus dem Verband LeRotaie der Transiberiana d'Italia zu widmen.

Eingeweiht wurde die Bahnstrecke, die sich bis nach Isernia, der Hauptstadt der Region Molise erstreckt, am 18. November 1897. Diese knapp 130 Kilometer waren einst wichtiges Bindeglied für Personen- und Warentransport zwischen Nord und Süd. Viele nutzten sie auch, um Richtung Neapel zu fahren und von dort nach Amerika zu emigrieren. Andere wiederum für den Alltag. Die Frauen aus den entlegenen Gemeinden fuhren damit am Mittwoch nach Sulmona zum Wochenmarkt und die Jugendlichen in die Schule.

Harter Kampf um die Bahn

Doch mit der Zeit wurden die Passagiere immer weniger und am Ende waren es nur wenig mehr als 2000 im Jahr. "Und das rentierte sich natürlich nicht mehr", erzählt Claudio. Weswegen der Betrieb am 31. Dezember 2011 ganz eingestellt wurde. "Und die Staatsbahn FS hat auch alles darangesetzt, dass es so kommt." Viele Züge waren gestrichen worden und die Uhrzeiten so umdisponiert, dass Schüler und Berufstätige mit dem Bus oder dem Auto vorliebnehmen mussten.

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Die Wagen erinnern an frühere Eisenbahnzeiten.

(Foto: Andrea Affaticati)

Für den Verband LeRotaie, der sich bis dahin vornehmlich der Sammlung alter Zugmemorabilien gewidmet hatte, war das ein Weckruf. Die Strecke durfte nicht aufgegeben werden. Dabei ging es ihnen nicht nur um die Bahn, sondern auch um die Geschichte dieses Territoriums, der Menschen, die hier gelebt haben und noch immer leben. "Vier Jahre haben wir gekämpft", sagt Claudio. "Und es war harte, damals rein ehrenamtliche Arbeit." Doch die Mühe hat sich gelohnt. Im März 2014 war es endlich so weit, die Trasiberiana d'Italia ging wieder auf die Schiene. Zwar nur als historischer Zug, aber immerhin.

Meisterwerk der Ingenieure

Luca beugt sich aus dem Waggonfenster - man kann diese tatsächlich hinunterziehen und obwohl einem die eisige Luft fast den Atem nimmt, hat man beim Anblick der Berge, der Wälder, der Dörfer auf den Anhöhen das Gefühl der Freiheit. Er zeigt auf die gegenüberliegende Flanke des Bergs. "Sehen Sie, wie der Zug in weiten Schleifen die 600 Meter hinauf zur Gemeinde Campo di Giove klettert."

Wenn man die damaligen Fachkenntnisse und technischen Mitteln bedenkt, sei das ein absolutes Meisterwerk des Ingenieurwesens, meint er. Genauso wie die zig Brücken und Bahnüberführungen, die sich oft in schwindelerregender Höhe über Schluchten und Täler erstrecken und einem das Gefühl geben, dem Himmel näher zu sein als der Erde. Und Meisterwerke sind sie wirklich, denn die Region Abruzzen wird immer wieder von verheeren Erdbeben heimgesucht, man erinnere sich an das Erdbeben in L'Aquila 2009. Diese Brücken und Übergänge haben sie aber alle überstanden.

Luca ist von der Technik fasziniert, was ihn und seine Freunde aber bewegte, für diese Bahnstrecke zu kämpfen, war vor allem ihr ursprünglicher Zweck. "Anders als heute, wo ausschließlich die Rentabilität zählt, ging es damals darum, auch das entlegenste Dorf an die Hauptverkehrsverbindungen anzuschließen."

Entlang der Gustav-Linie

Der Zug fährt an endlos erscheinenden, schneebedeckten Weiten vorbei. Im Sommer waren sie früher das Reich großer Schafherden. "Die Schafzucht gehörte zu den wichtigsten Erwerbsquellen", erklärt Luca. Im Herbst wurden die Tiere dann auf die Eisenbahnwaggons verfrachtet, damit sie im wärmeren Apulien den Winter verbringen.

Kurz nach dem Maiella-Tunnel erreicht man den Bahnhof Rivasondoli-Pescocostanzo. Dieser liegt auf 1226 Meter Höhe und rühmt sich, nach dem Bahnhof Brenner der höchste Italiens zu sein. Und dann geht es weiter nach Roccaraso, wo jetzt im Winter die Endstation ist. Vom einstigen Charme dieses Skiorts, in dem sich auch die Königsfamilie vergnügte, ist nichts geblieben. Wohin man blickt, sieht man Bauten aus den 1950er Jahren. "Na ja, Roccaraso wurde von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört", erklärt Claudio. Die Gemeinde lag auf der Gustav-Linie, hinter der sich die Wehrmacht im Herbst 1943 verschanzte und wo sie im November im Ortsteil Pietransieri ein Massaker an 128 Menschen verübte.

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Die Wette, die Claudio, Luca und die anderen aus dem Verband LeRotaie eingegangen sind, ist aufgegangen. 2019 zählte die Transiberiana d'Italia, die Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen fährt, die Rekordzahl von 31.500 Passagieren. Doch dann kam die Pandemie. Besucher und Touristen blieben aus. Jetzt hofft man, dass es wieder bergauf geht. "Wir finanzieren uns nämlich ausschließlich über die Fahrscheine, bekommen keine staatlichen Zuschüsse", sagt Claudio.

Zu den Wiederaufbauplänen, für die Italien aus dem Next-Generation-EU-Fonds knapp 200 Milliarden Euro bekommt, gibt es einen, der darauf zielt, die kleinen Dörfer im Landesinneren stärker mit dem Rest des Landes zu verbinden und so ihr Aussterben zu verhindern. Wie das gehen kann, um zum Beispiel den Tourismus anzukurbeln, haben Luca, Claudio und die anderen mit der Transiberiana d'Italia gezeigt.

Quelle: ntv.de

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