Leben

"Dein Ziel ist im Weg" Kleiner denken, weiterkommen

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Wer mit kleinen Schritten seine Ziele umsetzt, ist zufriedener.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Die Corona-Krise ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Das gilt vor allem für die, die sich große Ziele gesetzt oder viele Pläne geschmiedet haben. Denn was macht man in Zeiten von Ausgangs- und Reisebeschränkungen nun damit? Bloß nicht stur weiterverfolgen, rät Martin Krengel, Autor und Erfolgspsychologe im Gespräch mit ntv.de und bringt Methoden aus seinem aktuellen Buch zur Sprache.

ntv.de: Dr. Krengel, was raten Sie, wie man in Zeiten von Ausgangs- und Reisebeschränkungen mit seinen Zielen umgehen sollte: an ihnen festhalten, neu justieren oder einfach ganz loslassen?

Martin Krengel: Bitte auf keinen Fall stur weiterverfolgen! Die bisher gesetzten Ziele beruhen ja auf vollkommen anderen, Corona-losen Annahmen. Wichtiger ist jetzt innehalten, wahrnehmen, nachdenken und einlenken. Reflexion ist für mich das wichtigste psychologische Steuerprinzip des eigenen Handelns. Wir müssen unsere Ziele mit der aktuellen Situation abgleichen. Einmal geplant und stur durchgezogen ist ein Management-Ideal aus den 1980ern. Unser heutiges Leben ist ungleich komplexer, wir brauchen agiles Denken und Handeln. Aus diesem Grund habe ich auch das Buch geschrieben. Es soll Leser zum Nachdenken und Nachbessern bringen - ohne das immerwährend schlechte Gewissen, wenn man seine ursprünglichen Ziele nicht erreicht hat.

Der Titel Ihres Buches ist in dem Bereich überraschend anders. Was unterscheidet Ihre Herangehensweise denn von denen anderer Erfolgs-Trainer?

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Die traditionelle Motivations-Theorie pusht nach einer sturen "Ich-kann-Erfolg-haben-wenn-ich-nur-fest-daran-glaube-Philosophie". Doch ich habe mir angesehen, was das mit meinen Seminarteilnehmern (und auch mit mir) wirklich machte: Richtig ist, dass sich viele Menschen unterschätzen. Die meisten können mehr erreichen, wenn sie sich mal trauen. Okay. Aber bitte in kleinen und flexiblen Lernschritten. Wenn wir zu sehr nach oben schauen und zu groß denken, werden unsere Ziele zu komplex. Das lähmt die ersten Schritte. Ich wollte mit dem Untertitel des Buches "Kleiner denken - weiter kommen" das perfektionistische Denken befreien.

Das Buch haben Sie ja vor der Corona-Krise geschrieben. Und nun ist es hochaktuell?

Genau! Corona ist ein gutes Beispiel, warum wir flexibel mit unseren Zielen - und den Wegen zum Ziel - umgehen müssen. Einige Dinge funktionieren eben nicht oder liegen nicht in unserer Hand. Motivation braucht auch Momentum! Deswegen rate ich zum Testen und Vortasten - verschiedene Strategien vorsichtig ausprobieren und beobachten: Was fällt leicht? Wo ist viel Kraft notwendig? Ziele erreichen ist für mich keine Sieben-Schritte-Erfolgs-Formel, sondern das lernende, irrende und reflektierende Finden eines zu mir passenden Weges. Für Corona speziell gilt, dass wir schauen müssen: Was kann ich in dieser Situation noch machen? Wie kann ich das mit meinen Zielen verbinden? An Zielen oder Plänen festzuhalten, die sich jetzt gar nicht mehr umsetzen lassen, hat gar keinen Sinn. Aber auch in der aktuellen Situation gibt es Möglichkeiten, Dinge zu tun, die jetzt viel besser gelingen können als beispielsweise vor der Krise.

An welche Dinge denken Sie da?

Ich selbst kann mich gerade viel besser fokussieren, ich kann auch mehr Muße walten lassen und Verhaltensroutinen hinterfragen. Es sind so viele tolle Dinge passiert, die ohne Krise gar nicht denkbar gewesen wären. Ich schaffe es nun viel leichter, mich zu Hause zum Yoga aufzuraffen, weil ich meine Rückenschmerzen nicht mehr durch eine Massage kompensieren kann. Zudem habe ich angefangen, lange Spaziergänge zu machen, weil ich meine Freunde nicht treffen kann. Plötzlich kommen mir abseits der Hektik eines normalen Alltags die tollsten Erkenntnisse und Ideen. Ich habe in dieser besonderen Situation nicht nur meine Ziele, sondern auch die Wege, meine Methoden und Routinen auf das jetzt Sinnvolle abgestimmt.

Gibt es denn Tricks, mit denen man das Zu-Hause-bleiben-Müssen besser erträgt?

Ja! Ich halte es für eine sehr gute Idee, sich jetzt ein wenig Energie nach Hause zu holen. Ein kleiner Frühjahrsputz oder das Aussortieren von überflüssigen Dingen, das Ausmisten von E-Mails: All das hat mental einen befreienden und erfrischenden Effekt, den wir jetzt alle so dringend brauchen. Auch etwas Neues beginnen bringt Schwung: Ein Buch bestellen, das wir sonst nicht lesen würden, oder endlich mal diesen einen Online-Kurs anfangen, von dem wir so lange schon reden.

Wer sich allerdings bisher noch nicht mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt hat, den kann eine Situation wie die aktuelle tatsächlich hart treffen oder sogar ängstigen. Hier hilft Ablenkung: gedankenberuhigende Tätigkeiten wie Meditation, Yoga, Tagebuch schreiben oder andere reflexive Dinge sind heilsam. Klar, dass da jetzt kaum jemand Lust dazu verspürt. Daher wäre ein kleiner Zaubertrick, sich mit Freunden zu verabreden und per Whatsapp-, Skype- oder Zoom-Videoanruf zum Beispiel gemeinsam 20 Minuten Sport zu machen oder vielleicht online Schach zu spielen. Meine Freunde und ich schwärmen davon!

Es gibt wohl den Trend, besonders unter älteren Menschen, jetzt eine Bucket-List zu verfassen. Ergibt das aus Ihrer Sicht Sinn?

Ich finde das absolut toll! Es ist für mich eine Art Befreiung, wenn in den Köpfen Älterer plötzlich der Impuls ankommt: "Ich will noch was sehen und erleben!" Aber Vorsicht: Bei so einer To-do-Liste des Lebens geht es ja nicht darum, diese stur abzuarbeiten, denn dann entsteht wieder Stress statt inspirativem Freiraum. Ich sehe eine Bucket-List als Ideensammlung, von der dann einige besonders wichtige oder schöne Dinge ausgewählt werden. Es gilt: Weniger ist wahrscheinlicher!

Und was soll man dann mit den nicht erreichten Zielen machen?

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Martin Krengel ist Autor und Psychologe.

(Foto: Kike)

In meinem Denken kenne ich kein "Scheitern" mehr. Entweder ich erreiche meine Ziele oder ich lerne, dass dieses Ziel nicht zu mir passt. In jedem Fall sammelt jedes Projekt wertvolle Erfahrungen und "Datenpunkte", die mir helfen, mich und meine Wünsche und Fähigkeiten besser einzuschätzen. Wer das Schwarz-weiß-Malen von "Erfolg gegen gescheitert" aus seinem Denken streichen kann, dem fällt es auch wesentlich leichter, anzufangen, und viele Ängste reduzieren sich. Und bitte nicht vergessen: Ziele sind ja Projektionen. Diese beruhen auf Annahmen über mich und die Welt. Ändern sich die Annahmen, müssen auch die Ziele angepasst werden. Ich kann also jederzeit meine Ziele erneuern, anpassen oder ganz über Bord werfen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie nicht mehr zu mir oder zu der aktuellen Situation passen.

Wenn ich ständig meine Ziele anpasse, erreiche ich letztlich doch keines mehr, oder?

Unser Problem ist, dass wir zu viele und zu hohe Ziele und Erwartungen haben. Der Soziologe Peter Gross prägte vor mehr als 20 Jahren den Begriff der Multioptionsgesellschaft. In dieser gilt das Credo: Alles ist möglich! Es gibt heute allerdings wesentlich mehr Produkte, Programme, Möglichkeiten - und es werden immer mehr. All dies überwältigt viele Menschen. Sie sind hin- und hergerissen oder stecken resigniert in einer Handlungsstarre. Andere Menschen geraten dagegen in eine "Überinspirations-Falle". Die kaufen sich 30 Erfolgsratgeber und brauchen danach 20 Ratgeber über Zeitmanagement, um die tollen Ideen aus den ganzen Erfolgsbüchern umzusetzen. Die gesamte Zeit geht also für das Lesen drauf und es gibt keine mehr, um auszuprobieren. Wenn sie dann doch noch zum Ausprobieren kommen, dann bemerken sie, dass 90 Prozent von den gelesenen Dingen für sie nicht passen. Daher kam für mich auch der Impuls zu meinem "Kleiner-Denken-Buch". Bitte nicht zu viel, zu groß und zu komplex denken - lieber schnell einen ersten Schritt machen und dann von dort aus den nächsten planen.

Mit Dr. Martin Krengel sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de