Leben

"Artivismus" in Mailand Künstlerin lässt Salvini um Merkel buhlen

ValentinsTag©AndreaAffaticati.jpg

Begeisterung sieht anders aus: Merkel und Salvini von Donati Meyer.

(Foto: A. Affaticati)

Die Künstlerin Cristina Donati Meyer tapeziert Mailands Straßen mit Plakaten, die den politischen Alltag parodieren. Auf ihnen erscheint der neue Premier Draghi als "Deus ex Machina", während der rechtsnationale Salvini Merkel ein Sträußchen schenken will.

Sich der Wandmalerei in Zeiten der Digitalisierung zu bedienen, um Alltagsgeschehnisse an das breite Publikum zu bringen, mögen die meisten als überholt und nutzlos empfinden. Doch der Schein trügt, wenn man durch das Mailänder Szeneviertel Navigli spaziert und auf Cristina Donati Meyers Plakate stößt. Ihr letztes erschien jüngst zum Valentinstag. Es zeigte Matteo Salvini, den Vorsitzenden der rechtsnationalen Lega, der Angela Merkel einen kleinen Blumenstrauß überreicht. Dem Gesichtsausdruck der Kanzlerin nach zu schließen, ist sie über die Geste aber alles andere als entzückt. Das Werk trägt den Titel "San Draghino", wie man aus einer kurzen Bildbeschreibung, die daneben klebt, entnehmen kann.

RoboCop©DonatiMeyer.jpg

Der Robocop der Meere vor dem Polizeipräsidium in Mailand.

(Foto: Donati Meyer)

Mit "Draghino" ist der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi gemeint, der am vergangenen Samstag als Italiens Premier vereidigt wurde. Und warum die Künstlerin ihn schon in das Reich der Heiligen erhoben hat, das steht auch in der Beschreibung. Ihm ist es nämlich gelungen, Salvini, der bis vor Kurzem noch ein überzeugter EU-Gegner war, zu einem Pro-EU-Politiker zu verwandeln, der plötzlich seine Sympathie für "die deutsch-französische Achse und die ehemalige Feindin Angela Merkel" in sich entdeckt hat.

"Artivismo" nennt Donati Meyer ihre Wandplakat-Aktionen. Sie ist 36 Jahre alt und hat eine absolut gewinnende Art. Mütterlicherseits hat sie deutsche Wurzeln, spricht aber kein Wort Deutsch. "Meine Mutter fand es unpassend mit mir Deutsch zu sprechen, da mein Vater kein Deutsch kann", erzählt sie ntv.de bei einem Treffen im Navigli-Viertel.

Rom©DonatiMeyer.jpg

Donati Meyer macht nichts Illegales.

(Foto: Donati Meyer)

Der Drang, nicht nur Werke in ihrem Atelier zu schaffen sondern auch Bezug auf die politischen Geschehnisse zu nehmen, und zwar öffentlich, packte Donati Meyer 2018, als unter Premier Giuseppe Conte die Regierungskoalition mit Salvini und der Fünf-Sterne-Bewegung entstand. Salvini war damals Innenminister und setzte drakonische Maßnahmen gegen Migranten durch. In ihrem ersten Plakat stellte sie ihn deswegen als Robocop der Meere dar und platzierte sich mit diesem Werk vor dem Mailänder Polizeipräsidium.

Der Künstler muss sich outen

"Warum ich diese Aktionen durchführe? Weil wir Künstler uns, gerade in dieser Zeit, nicht in unserem Elfenbeinturm verschanzen dürfen." Auch der Künstler müsse Stellung beziehen, Partisan sein. Daher der Begriff "Artivismo". Donati Meyer selbst ist schon lange auf sozialer und gesellschaftlicher Ebene aktiv, ob es sich um Frauenrechte handelt, um Umweltschutz oder um das Wohl der Tiere. "Ich habe mich zum Beispiel in einem Brautkleid von einem der Mailänder Stadttore hinunterhängen lassen, um auf das Drama der Femizide aufmerksam zu machen."

Überhaupt scheint Donati Meyer von Natur aus rebellisch veranlagt zu sein, ohne deswegen ihre Ziele aus dem Auge zu lassen. Noch in der Kunstschule war ihr großer Wunsch, in der Mailänder Kunstakademie Brera zu studieren. Und dort wurde sie auch aufgenommen. Doch nach drei Jahren flüchtete sie, weil sie sich nicht von den Ideen und Vorstellungen mancher Professoren einengen lassen wollte. "Wenn man das bei mir versucht, reagiere ich wie ein Vulkan." Nützliches habe sie dort aber natürlich trotzdem gelernt.

Zu den Themen, die ihr besonders am Herzen liegen, gehören Diskriminierung und Fremdenhass, wie eines ihrer unerbittlichsten Werke zeigt. Als Salvini, noch in seiner Rolle als Innenminister, mit der Idee spielte, alle Roma in Italien zu registrieren, malte sie zwei Roma-Kinder in einem Lager, auf dem Arm eine tätowierte Zahl. Als Bildbeschreibung war zu lesen: "Zuerst holten sie die Zigeuner ab, und ich freute mich, weil die immer wieder stahlen ... eines Tages holten sie mich ab und es war keiner mehr da, der dagegen protestierte." Mit diesem Plakat stellte Donati Meyer sich vor das Hauptquartier der Lega in Mailand. Im Nu waren mehrere Polizeistreifen zur Stelle und wollten wissen, was sie da tue. Da sie aber nichts Illegales machte, konnte man ihr nichts anhaben.

ChinesischesMädchen©DonatiMeyer.jpg

Unter diesem Bild ist zu lesen: "Das ist kein Coronavirus".

(Foto: Donati Meyer)

Auch die Pandemie beflügelt ihre Kreativität. Das erste Plakat, das sie zu diesem Thema machte, zeigt ein chinesisches Mädchen und das Virus. Unter dem Mädchen stand "She is not Coronavirus", über dem Virus "This is Corona Virus". In jenen Tagen wurden die Chinesen in Italien oft angepöbelt und manchmal sogar angegriffen.

Donati Meyers Plakate stoßen nicht nur auf Zustimmung. Wer sie in der Originalversion sehen will, muss sich beeilen, denn oft halten sie keine zwei Tage, bevor sie abgerissen werden. "Ich bin halt nicht bei allen beliebt", sagt sie lächelnd. Und auch beim Plakatieren selber heißt es, ein wenig vorsichtig zu sein, um keinen Ärger mit der Polizei zu bekommen. Manchmal ist auch ihr Mann dabei, der mit einem Schrubber den Klebestoff auf die Mauer schmiert, bevor sie dann das Plakat befestigt.

Draghi und Michelangelos "Die Erschaffung Adams"

RenziConte©DonatiMeyer.jpg

Conte zieht Renzi die Ohren lang.

(Foto: Donati Meyer)

Besonders inspiriert hat sie auch die jüngste Regierungskrise. "Ja, es kribbelt da ständig in mir, und plötzlich geht mir dann ein Licht auf", sagt Donati Meyer. Dann setzt sie sich an den Computer, macht das erste Layout, das sie dann noch ausarbeitet und bemalt. Ihre letzten Werke zum Thema waren besonders aussagekräftig. Eines zeigte Premier Conte, der dem Florentiner Matteo Renzi, der die Regierungskrise ausgelöst hatte, am Ohr zieht; ein anderes Draghi mit Drachenflügeln bestückt und unter ihm selig dahinschwebende Engelchen mit Gesichtern der Parteivorsitzenden. Als Vorlage diente ihr Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle in Rom, "Die Erschaffung Adams", denn die Erschaffung der Draghi-Regierung gilt vielen als ein Meisterwerk.

Was sie am meisten freut, ist, wenn die Leute ihre Werke nicht nur wahrnehmen, sondern auch darüber nachdenken. Einmal nahm Donati Meyer Michelangelos "Pietà" als Vorlage für ein Bild, in dem sie einen jungen Mann mit Spritzen in den Armbeugen darstellte, der von der "Madonna Italia" gehalten wurde. Das Plakat hängte sie in einem Mailänder Vorstadtpark auf, in dem viele Drogen kursieren. Kurz danach bekam sie einen Brief von einer Mutter, die ihr dafür dankte. Vielleicht ein Beweis auch dafür, dass die Kunst es trotz Internet und sozialen Medien noch immer vermag, Herz und Verstand zu erobern.

Quelle: ntv.de