Liebe und Familie

In Vino Verena Wie Mobbing sich in die Seele frisst

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imago/fStop Images

Mobbing ist peinlich und beschämend und häufiger, als man denkt. Aber die Opfer selbst schweigen oft. Und so bleibt ein Entzündungsherd direkt am Herzen, der nicht abheilt. Über die seelischen Wunden gemobbter Kinder.

"Ey, du Hässliche, du darfst hier nicht drunter!" Ein paar Kinder stehen an einer Bushaltestelle, es regnet in Strömen und zwei Jungen, vielleicht acht, höchstens neun Jahre alt, mit Ranzen auf dem Rücken, größer als sie selbst, schubsen pausenlos ein Mädchen. Sie versucht sich in dem Bushäuschen unterzustellen und Schutz vor dem Regen zu finden, aber die Jungs lassen sie nicht. Sie lachen. Das Mädchen weint. Niemand nimmt davon Notiz. Ein Typ, der bereits im Bushäuschen sitzt, spielt mit seinem Handy.

Ich komme gerade vom Bäcker und beobachte die Szene. Ich würde gerne zu den frechen Knirpsen hingehen und sie schütteln, aber ehe ich abwägen kann, ob es gut ist, sich da jetzt einzumischen, kommt der Bus und die Jungs ziehen grob an der Kapuze des Mädchens, als es einsteigt. Dazu grölen sie wie die Bescheuerten und ich merke, wie mir der Kamm schwillt. Schrecklich, denke ich, aber: Was willste da machen? So etwas passiert andauernd. ... Ist ja nicht nur auf Schulhöfen gang und gäbe. ... Man kann ja nicht überall seine Nase reinhängen, vielleicht hatten die auch einfach nur gerade einen stinknormalen Streit unter Kindern.

Das Mädchen aber schwirrt mir noch lange im Kopf herum.

Fakt ist: Mobbing wird nie aufhören. Vielleicht rückt es durch die mediale Berichterstattung wie bei den dramatischen Vorkommnissen im Falle von Daniel Küblböck einige Tage in den Fokus der Öffentlichkeit, und natürlich ist es wichtig, Mobbing zu enttarnen und darüber zu sprechen, aber - das reicht nicht, das ist immer noch zu wenig! Wenn Mobbing bekannt wird, sind sich alle schnell einig, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit verdient - an Schulen, auf dem Spielplatz, am Arbeitsplatz.

Das Elende am Mobbing: Der Gemobbte selbst will der Sache nicht mehr Raum geben, als sie ohnehin schon einnimmt - und schweigt. Ich weiß, was es heißt, gemobbt zu werden. Und auch ich habe darüber geschwiegen. Weil es mir peinlich war, weil ich ein Kind war, weil ich eigentlich gar nichts dafür konnte und mich doch so sehr geschämt habe. Ich bin vor Scham regelrecht im Boden versunken und log meine Eltern an - aus Angst, jemand könne kommen und sagen: "Naja, das stimmt aber, was die anderen Kinder über dich sagen!" Denn: Es stimmte tatsächlich!

Mobbing ist wie ein Geschwür

Es ist genauso, wie es Menschen, die gemobbt wurden und werden, beschreiben: Es brennt sich tief in die Seele. Dort bleibt es oft jahrelang, manchmal für immer. Es tut weh, obwohl es oft schon ein halbes Leben lang zurückliegt. Unaufgearbeitetes, totgeschwiegenes Mobbing ist wie ein Entzündungsherd direkt am Herzen, der nie richtig abheilt.

Mobbing ist immer Mobbing - und - sorry für die Wortwahl - immer beschissen. Es gibt keine vermeintlichen Abstufungen wie: nur ein bisschen gemobbt oder nur zweimal gemobbt oder öfter. Leute, die über Mobbing sprechen, sagen manchmal Sätze wie: "Also, ich persönlich hätte das jetzt nicht als so schlimm empfunden." Sie meinen, es sei übertrieben, diesen oder jenen Vorfall gleich als Mobbing zu bezeichnen. Aber Fakt ist auch hier: Wenn es schmerzt und einen Menschen verzweifeln lässt, ist es Mobbing. Punkt. Aus. Keine Diskussion.

Bei mir war das mit dem Mobbing so: Wir waren eine kleine Familie in einem DDR-Plattenbau. Und es gab eine lange, eine sehr lange Zeit, in der mein Vater ziemlich viel becherte. Das war für uns Kinder manchmal lustig, aber meistens nicht. Mutter schimpfte oft und Vater wollte aufhören, aber der Schnaps war Freund und Feind zugleich. Als würde es nicht reichen, dass er manchmal mit seinem Fahrrad in die Blumenrabatten fuhr und die anderen Kinder mich ärgerten, weil "mein Alter wieder irgendwo besoffen rumliegt", gingen wir sonntags auch noch in die Kirche und meine Eltern waren starke Raucher - beide qualmten in der Wohnung.

Und logisch, da stinken dann natürlich auch die Klamotten und die Haare und - herrje! - was war ich für ein Stinker! Die Kinder piesackten mich auf dem Weg in den Kindergarten, auf dem Spielplatz, im Hort. Sprüche wie die folgenden erlebte ich eine Zeitlang nahezu täglich:

"Säufer-Tochter!"

"Du stinkst wie'n Aschenbecher, pfui Deibel!"

"Meine Mutti hat gesagt, ich darf nicht mit dir spielen, weil deine Sachen so miefen!"

"Du darfst nicht bei uns rein, du glaubst an Jesus!"

"Ihr seid doch die mit den gelben Gardinen!"

"Ich soll nicht deine Freundin sein, hat Mama gesagt!"

"Bäh, Ihr geht in die Kirche!"

Ich war zu diesem Zeitpunkt keine zehn Jahre alt. Später wendete sich das Blatt, aber ich werde nie die Verzweiflung vergessen, wenn ich an kalten, grauen Herbsttagen bei Spielplatzkumpels klingelte und sie mir an der Wohnungstür mitteilten, dass sie mich nicht reinlassen dürften - wegen der Kirche oder wegen meiner Klamotten. Und wie ich dann mit meinem stinkenden Anorak durch den Regen nach Hause stapfte und bitterlich flennte.

Das Mädchen am Bushäuschen - das bin ich.

Dieses Gefühl der Ablehnung, des Andersseins als die anderen "sauberen" Kinder, dieses nicht in die Vorstellungen von anderen hineinpassen, hat sich tief in meine Seele gefressen. Später war das natürlich alles kein Thema mehr, ich hatte eine große Klappe, wehrte mich und log den anderen Kindern die Taschen voll, von wegen: ich unterhalte wahnsinnig gute Beziehungen zur Olsenbande, der Egon Olsen würde 1A-Kontakte zu gemeingefährlichen Boxern haben - wer mich noch einmal ärgert, wird grün und blau verdroschen.

Mit dem Gesicht zur Wand

Eines Morgens kam in unsere Klasse eine neue Schülerin. Ihr Name: Melanie. Melanies Anorak miefte wie meiner. Einer fing daraufhin an, sie zu schubsen und von da an wurde sie täglich tyrannisiert. Und ich? Machte mit. Damit ja keiner auf die Idee kam, es vielleicht wieder auf mich abzusehen. Ich war kein Opfer mehr, ich war jetzt Täter. Dass wir Melanie mobbten, war irgendwann Thema beim Elternabend und mein Vater zog mich danach auf den Balkon - denn sie qualmten ja jetzt nicht mehr in der Wohnung - und er erzählte mir, während er an seiner Zigarette zog, die Geschichte von Heinrich, den alle nur Heini nannten.

Heini sei mit ihm in eine Klasse gegangen. Bei einem Wandertag, irgendwann in den frühen Sechzigerjahren, habe Heini sich mal wegen irgendetwas so sehr erschrocken, dass er sich in die Hosen pinkelte. Von da an drangsalierten ihn alle ganz fürchterlich und einmal, mitten im Unterricht, da habe der Junge mit den weizenblonden Haaren und den Sommersprossen sich endlich mal gewehrt und einem dem frechen Piefke, der ihn immer als "Piss-Heini" und "Bettnässer" hänselte und ihm ständig mit dem Lineal auf den Hinterkopf schlug, so eine verpasst, dass er vom Stuhl flog. Daraufhin sei kurioserweise nicht der freche Junge, sondern Heini von der Lehrerin in eine Ecke gestellt worden, wo er die ganze Schulstunde stehenbleiben musste - mit dem Gesicht zur Wand.

Nach der Schule hätten alle wie gewöhnlich einen Heidenspaß gehabt, Heini auf dem Nachhauseweg zu drangsalieren. Doch eines Tages, es war inzwischen Winter geworden, da rannte Heini mit einem Mal los und die ganze Meute ihm hinterher. Er war richtig schnell, erinnerte sich mein Vater. Und plötzlich, als er um die Ecke rannte, rutschte er auf einem glatten, schmalen Weg aus und geriet unter die Räder eines vorbeifahrenden Autos. Heini rannte nicht mehr weg. Heini war auf der Stelle tot. Mein Vater sagte, er denke sein ganzes Leben lang an diesen Jungen.

Von da an ärgerte ich Melanie nicht mehr, aber ich muss heute auch noch manchmal an sie denken. Genauso wie mein Vater an Heini. Wir waren Kinder. Und Kinder werden erwachsen. Heini konnte nie erwachsen werden. Es ist wichtig, dass unsere Kinder von klein auf lernen, dass Schikane und Gemeinheiten, die andere zum Verzweifeln bringen, keine Neckereien sind, sondern den vermeintlich Schwächeren schwere seelische Wunden zufügen.

 

Quelle: n-tv.de

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