Leben
Basteln ist gut für die Seele. Fortgeschrittenen gelingt zuweilen sogar eine eigene Spielzeugwelt.
Basteln ist gut für die Seele. Fortgeschrittenen gelingt zuweilen sogar eine eigene Spielzeugwelt.(Foto: imago/Photocase)
Sonntag, 01. Juli 2018

Do-it-yourself versus Massenware: Mach's dir selbst!

Von Judith Görs

Gerade im Wegwerfzeitalter wachsen sie über sich hinaus: die Bastler, Tüftler und Heimwerker der Nation. Doch das Selbermachen beruhigt nicht nur das ökologische Gewissen. Es macht auch glücklicher.

Alles beginnt mit einem Haarband. Alberto Bravo ist 22 Jahre alt, als er mit dem Stricken anfängt. "Es kam einfach über mich", sagt er rückblickend. Der Madrilene trägt seine Haare bis weit über die Schultern. Sie sind sein Markenzeichen und waren der Auslöser für sein erstes Projekt in Handarbeit. Sieben Jahre ist das nun her. Und mittlerweile hat das Stricken Besitz ergriffen vom Leben des Spaniers. Bravo ist einer der Gründer von "We are Knitters" - einer Modefirma, die Strickdesigns als komplette Sets zum Selbermachen verkauft. Zwischen 30 und 50 Euro kostet solch ein Set; mit ein bisschen Know-how entsteht daraus nach Tagen oder Wochen des nimmermüden Strickens ein Top, Cardigan oder Sweater. Und immer ein Unikat.

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Natürlich gäbe es in jeder Modefiliale um die Ecke ähnliche Stücke für das gleiche (oder sogar weniger) Geld. Und ja, die einzige Mühe für den Käufer wäre dort, das fabrikfrische Teil in der Umkleidekabine einmal anzuprobieren. Doch Alberto Bravo und der "We are Knitters"-Community - mittlerweile gibt es weltweit mehr als 150.000 ständige Mitglieder - geht es ums Selbermachen. Sie wollen etwas mit den eigenen Händen erschaffen. Und damit liegen sie voll im Trend. Gerade in Zeiten des unbegrenzten Massenkonsums sehnen sich immer mehr Menschen nach Individualität. Sie wollen keine Klamotten mehr von der Stange. Sie wollen selbst kreativ sein. "Wir verkaufen mehr als nur ein Produkt", sagt Bravo im Interview mit dem Magazin "Edition F". "Wir bieten auch Erlebnis und Lifestyle."

Do it yourself (DIY) - das ist ein recht abgegriffener Slogan für etwas, das weit mehr ist als eine Bewegung kauziger Kellertüftler und Baumarktfreunde. DIY hat eine lange Tradition. Das US-Magazin "Suburban Life" rief seine Leser schon seit 1912 zum Selbermachen auf. Und auch in Deutschland gab es bereits in den 1920er-Jahren Baukästen für Experimentierfreudige. Erst im England der 1950er-Jahre und unter dem Einfluss des "Arts and Crafts Movements" erhielt das Prinzip aber seinen berühmten DIY-Stempel.

Do it yourself: Diese Idee war schon damals stark verbunden mit Kreativität, Improvisation und Selbstbestimmung. Allerdings erlebte die Bewegung ausgerechnet immer dann eine Blütezeit, wenn der Mangel die Regel war. So ist es wohl auch zu erklären, dass die Ostdeutschen bis heute als Meister im Selbermachen gelten.

Vom Mangel zum Protest - zum Trend

Tatsächlich waren in der DDR Produkte des alltäglichen Lebens oder der neuesten Mode häufig knapp. Wer konnte, griff selbst zu Werkzeugkasten oder Nähmaschine. Kreative Impulse kamen ausgerechnet vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der vier Mal im Jahr das Magazin "practic" herausbrachte - inklusive Bauanleitung für steuerfreie Drachen, Lampenschirme oder Wasserwanderschuhe. Kein Witz. In der Bundesrepublik gehörte der Mangel dank der Wirtschaftswunderjahre zwar nicht zum Alltag, aber auch dort wandte sich die Redaktion der Zeitschrift "Selbst ist der Mann" unter dem Motto "Mach's billiger, mach's besser, mach's selbst" ab 1957 an den begeisterten (rein männlichen) Heimwerker. 90 Millionen Hefte wurden bis heute verkauft.

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In Zeiten des Überangebots änderte sich die Motivation der Selbermacher. Mit dem wachsenden Einfluss der Hippiebewegung Ende der 1960er-Jahre wurde es zum Beispiel auch in der BRD zunehmend schick, via Marke "Eigenproduktion" gegen den verhassten Mainstream zu protestieren. Hippies trugen Selbstgenähtes, Eingefärbtes, Gestricktes oder Gehäkeltes, sie fuhren in klapprigen, bunt bemalten Käfern herum - und nicht selten bauten sie ihr Obst und Gemüse selbst an. DIY wurde für sie zum Ausdruck von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung in einer leistungsorientierten und zunehmend als rein funktional empfundenen Gesellschaft. Und genau so ist es auch heute wieder.

Dem Büroalltag etwas entgegensetzen

Alberto Bravo arbeitete früher als Rechnungsprüfer. Wer ihn heute ansieht, kann sich kaum vorstellen, dass der Spanier jahrelang einen Bürojob machte. Jeden Tag nur Zahlen. Doch gerade für Menschen, die beruflich nicht sehr kreativ sein können, bietet das Selbermachen einen guten Ausgleich. "Stricken ist großartig, um nach einem langen Tag abzuschalten und sich vom Stress des Alltags zu erholen", sagt Bravo. "Nicht umsonst wird es das Yoga des 21. Jahrhunderts genannt." Was für ihn das Stricken, ist für andere der Töpferkurs, die Nährunde oder das Gemeinschaftsgärtnern. Das Heimwerken hat für Berufstätige oft einen fast schon therapeutischen Effekt. Denn sie halten am Ende des Tages etwas Materielles in Händen, anstatt sich zu fragen, wie eigentlich das Ergebnis ihrer Arbeit aussieht.

Und der Belohnungseffekt ist umso größer, je nützlicher das Endprodukt ist; im Zweifel auch für andere. Online haben sich in den vergangenen Jahren viele Communitys vernetzt, in denen die Mitglieder eigene DIY-Anleitungen teilen. Ihre sogenannten "Hacks" - Ideen zur Funktionserweiterung oder Umfunktionierung von Produkten - werden immer kreativer und ausgeklügelter. Die "Ikea Hackers" zum Beispiel haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Möbel des schwedischen Einrichtungshauses nach eigenen Wünschen zu modifizieren. Einen Tritt verwandelten sie in eine Kinderküche, eine Kommode in einen Sekretär und ein Billy-Regal in eine Kücheninsel. 5000 Hobbytüftler zählt die Gruppe bisher, Tendenz steigend.

Für die Hacker steht der Nachhaltigkeitsgedanke weit oben auf der Do-it-yourself-Agenda. Sie suchen über das Selbermachen einen neuen Bezug zu industriell hergestellten Massenprodukten. Das gilt nicht nur für Möbel oder Kleidung, sondern auch für Lebensmittel oder sogar Kosmetikprodukte. Die Menschen wollen wieder wissen, was sie konsumieren - und damit auch die Kontrolle über ihren Konsum zurückgewinnen. Die Wirtschaft hat das längst erkannt und versucht, den DIY-Trend mit neuen Verkaufsstrategien zu versilbern. Beispiel: HelloFresh. Das Berliner Unternehmen hat es mit der Idee, sogenannte "Kochboxen" mit vorbereiteten Zutaten und einem Rezept an seine Kunden zu verschicken, innerhalb weniger Jahre bis an die Börse geschafft. Jahresumsatz: knapp 600 Millionen Euro.

Und auch Alberto Bravo ist mit  "We are Knitters" sehr erfolgreich. Das Label beliefert mittlerweile ganz Europa und Nordamerika. "Was mir am Selbermachen am meisten gefällt, ist dieses Gefühl des Erfülltseins, wenn ich ein Projekt abgeschlossen habe", sagt Bravo. "Es geht darum, sich selbst Ziele zu setzen und sie zu erreichen. Das liebe ich. Und Stricken ist eine sehr visuelle Verkörperung dieses Erfülltseins."

Quelle: n-tv.de