Leben

Liebesleben in Corona-Zeiten Mehr und weniger Sex gleichzeitig

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Auch auf dem Kiez herrscht tote Hose.

(Foto: dpa)

Anderthalb Meter sind vielleicht ein guter Sicherheitsabstand, um Infektionen vorzubeugen - aber wohl eher keine gute Entfernung, um sich näherzukommen. Oder etwa doch? Ein US-Sexforschungsinstitut und eine Wiener Uni wollen es genau wissen.

Die rund 16,8 Millionen deutschen Singles haben es gerade nicht leicht: Seit einer gefühlten Ewigkeit herrscht Kontaktsperre, neue Leute treffen ist bis auf weiteres nicht - und wer es doch tut und sich dann zu nahe kommt, ist ganz offiziell ein schlechter oder zumindest doch unglaublich unverantwortlicher Mensch. Schlechte Zeiten für Dating also, könnte man meinen. Oder aber das genaue Gegenteil: "Sex kommt ohnehin nicht in Frage, also sind die Leute wohl oder übel dazu gezwungen, miteinander zu reden und sich kennenzulernen", sagt Helen Fisher vom US-Sexualforschungsinstitut Kinsey. "Eine gemeinsame Gesprächsgrundlage ist immerhin die wichtigste Basis für eine stabile Partnerschaft."

STUDIENTEILNEHMER GESUCHT
Wer bei der Kartierung unseres Liebeslebens in Zeiten von Corona mithelfen möchte, kann noch bis zum 30. April an der anonymisierten Befragung der Wiener Sigmund-Freud-Universität teilnehmen. Erste Ergebnisse werden für Mitte Mai erwartet.

Entstehen tatsächlich tiefere Beziehungen, weil Corona die Menschen zum Reden zwingt? Und wie verhält es sich überhaupt mit der Liebe im Allgemeinen und Sexualität im Speziellen in Zeiten von Corona? Das versucht gerade ein Forschungsteam des Kinsey-Instituts in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Sigmund-Freud-Universität in Wien herauszufinden. Während die Befragung im deutschsprachigen Raum noch bis zum 30. April läuft, gibt es aus den USA bereits erste Zwischenergebnisse.

Rund 3000 Menschen haben bislang an der Studie teilgenommen, und "nur eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen berichtet von einem Anstieg des sexuellen Verlangens, während es bei einem weitaus größeren Teil abgenommen hat", heißt es in der Studie. Oder um es mit Justin Garcia, einem der Studienleiter, zu sagen: "Es ist schwer in Stimmung zu kommen, wenn dein Kopf gerade ganz woanders ist." Auch wenn genauere Ergebnisse erst nach zwei weiteren Fragerunden feststehen werden, zeigt sich also bereits jetzt eine klare Tendenz: "Der Stress sowie die soziale und physische Isolation führen bei rund der Hälfte der Befragten zu einem stark verminderten Sexleben", sagt Garcia.

Beziehungen "beeindruckend anpassungsfähig"

Was aber auch stimmt: "Viele Menschen betrachten die momentanen Umstände als gute Gelegenheit, ihr sexuelles Repertoire zu erweitern und neue Dinge auszuprobieren." So hätten 17 Prozent der Befragten seit dem Ausbruch der Pandemie mindestens eine neue Aktivität ausprobiert: Am beliebtesten sind digitale Spielereien wie Sexting oder das Versenden von Nacktfotos, aber auch neue Sexstellungen oder das gemeinsame Ausleben sexueller Fantasien erfreuen sich größerer Beliebtheit als sonst.

Neben der Betrachtung der kurzfristigen Effekte wollen die Kinsey-Forscher nun vor allem herausfinden, ob und wie die Corona-Pandemie unser Sexleben langfristig verändert - und welche Auswirkungen das auf Heirats- und Scheidungsraten, die Geburtenzahlen und das Selbstverständnis intimer Beziehungen hat. "Wir haben hier eine unschlagbare Chance zu verstehen, welche Arten von Beziehungen sich in diesen chaotischen Zeiten als sturmsicher erweisen und welche an Corona scheitern werden", sagt Garcia.

Und auch wenn es für Ergebnisse noch zu früh ist, sind die Kinsey-Forscher vorsichtig optimistisch: "Die bisherigen Erkenntnisse legen die Vermutung nahe, dass die Mehrzahl der Beziehungen beeindruckend anpassungsfähig ist - genau wie die erstaunliche Resilienz der Menschen, die sie führen." Ob das auch für den deutschsprachigen Raum zutrifft wissen wir dann in einigen Wochen, wenn die ersten Ergebnisse aus Wien eintreffen.

Quelle: ntv.de