Leben

Chillen war gestern Niksen - das Glück im Nichtstun

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Einfach mal nichts tun - können wir das eigentlich noch?

(Foto: imago/imagebroker)

Abhängen, entspannen, gammeln - einfach mal nix tun, niksen eben. Niksen - dazu macht man es sich am besten ein bisschen hygge - ist wie Chillen. Nur noch besser, noch gemütlicher, noch trendiger. Kommt aus den Niederlanden. Wie es geht, weiß die Autorin.

Der moderne Mensch fläzt sich nicht einfach so in sein Designer-Möbel, ohne etwas Sinnvolles zu tun. Der moderne Mensch netflixt, um sich zu entspannen, aber auch, um mitreden zu können. Der moderne Mensch (und natürlich auch die moderne Menschin!) hängt sich üblicherweise nicht ohne Laptop, Handy oder iPad aufs Sofa, denn es gibt immer etwas zu tun: zu arbeiten, zu bestellen, Rezepte zu suchen, Mails zu beantworten, Hausaufgaben für die Kinder zu recherchieren, das Übliche.

Sie erkennen sich wieder? Wann haben Sie denn das letzte Mal in Ihrem Ohrensessel gesessen und nichts gemacht? Sich geradezu gelangweilt? Ach, gestern gerade? Sonntag? Weil alles erledigt war? Weil Sie bereits alles vorbereitet hatten und schon alles auf Netflix, Amazon Prime und DAZN gesehen haben? Ah, klar, Sie waren auch schon mit dem Hund draußen? Sie haben bestellt, mussten gar nichts kochen? Dann Glückwunsch! Sie sind voll im Trend! Sie niksen, und das können Sie nun mit stolz-geschwellter Brust behaupten beim nächsten Spieleabend zu dritt: Sie haben den ganzen Tag genikst! Und keiner wird Sie schief angucken.

Der Inbusschlüssel deines Lebens

Für die anderen, die Emsigen, die Immer-was-machen-Müsser, die, die den Schuss noch nicht gehört haben: Stopp!! Aufhören! Nichts zu tun, rein gar nichts, ist gut für dich! Stell dir diese Stimme von dem IKEA-Mann vor, diese Stimme, die dir erklärt hat, was KNUT bedeutet. Die dir weisgemacht hat, dass Billy-Regale immer noch angesagt sind, die im Radio Lust auf Gemütlichkeit macht - diese Stimme sagt dir jetzt (und deshalb duzen wir uns auch sofort): Hör auf! Leg' den Inbusschlüssel deines Lebens eine Weile aus der Hand, gönn' dir! Zum Beispiel, die Gedanken schweifen zu lassen, eventuell sogar ein wenig einzunicken.

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Nimm dir ein Beispiel an deinem Hund!

(Foto: imago images/imagebroker)

Niksen geht vor allem über das Chillen hinaus: Niksen bedeutet wirklich nichts. Chillen hat ja etwas Aktives, man chillt oft mit seinen Kumpels zusammen, trifft sich direkt zum Chillen, trinkt dabei Bier und hört Musik. Viel zu viel für einen echten Nikser.

Mit Niksen tust du etwas Gutes für dich. Zugegeben, es ist nicht neu, dieses Niksen. Wenn der Wirtschaftswunder-Vati früher in den 1950er-Jahren zum Mittagessen nach Hause kam, dann standen das gemischte Gemüse und der falsche Hase auf dem Tisch, aber zack, und dann saßen auch die Kinder mit gewaschenen Händen und gescheitelten Haaren nach der Schule pünktlich am Resopaltisch mit Wachstuchdecke, während Mutti das Essen durch die Durchreiche durchreichte und sich nichts sehnlicher wünschte, als dass es ihren Lieben schmeckt und die Soße nicht zu sehr mit Mondamin angedickt war.

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Nach dem Essen dann legte Vati sich einen Moment aufs Ohr. Das war gang und gäbe, keiner sagte was, außer Mutti, die machte "psst" und bedeutete den Rotzgören, leise zu sein, das hart arbeitende Familienoberhaupt sammelte Kräfte für den anstrengenden Nachmittag im Büro. Das hörte irgendwann auf, spätestens, als Mutti sich dann selbst verwirklichen wollte und gar nicht mehr einsah, dass immer sie das blöde Mittagessen für alle kochen musste, die Kinder auf dem Heimweg mit ihren Freunden trödelten, die Kohlrouladen eh längst angebrannt waren und Vati auch nicht immer nach Hause kam, denn er war auf Dienstreise mit seiner Sekretärin oder hatte eine wichtige Besprechung.

Plötzlich busy

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Liegen und gleichzeitig rauchen - hui, das ist zwar ungesund, aber irre entspannend.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Ob er eventuell woanders ein Nickerchen machte, war oft nicht ersichtlich, auf jeden Fall änderte sich alles, denn jeder - und jede! - arbeitete, alle waren busy, mehr und mehr, pausieren war verpönt und gehörte sich nicht mehr. Der moderne Mensch hatte einfach immer zu tun, war überall erreichbar und war dann besonders erfolgreich, wenn er noch auf seinem Boot telefonierte oder aus dem Urlaub ein Fax schicken musste. Statt ein Nickerchen zu machen, ging man nun ins Fitnessstudio. Oder hatte ein Meeting. Und so weiter, Sie kennen das, du kennst das.

Und dann? Ja, dann kam alles, wie es kommen musste, die Zeiten ändern sich und dich, eine große Fatigue machte sich breit, nicht nur wegen Corona, und außerdem stellt man mal wieder fest, und auch frau, dass früher ja nicht alles schlecht war. Wo war es nur geblieben, das gute alte Nickerchen, das höchstens durch das 5- Minuten-Power-Napping abgelöst wurde oder den heimlichen Büro-Schlaf?

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So konnte es nicht weitergehen, und so gucken wir mal wieder über unsere Tellerränder und Grenzen hinaus in Richtung Westen: Eines unserer Lieblingsreiseziele, nein, nicht Spanien (obwohl die auch gern niksen, heißt allerdings Siesta da ), sondern Holland. Die Niederländer haben's einfach drauf. Von dort kommt auch ein Buch, dass dir ans Herz gelegt sei: "Niksen - Wie man Glück im Nichtstun findet" von Annette Lavrijsen. Die ehemalige Redakteurin der niederländischen "Women's Health" erklärt in einem hübsch gemachten, kurzen Ratgeber mit vielen Beispielen und Alltagssituationen, wie "Nichtstun" geht. Mit kleinen Übungen und Denkanstößen lernt der Leser, achtsamer durch den Alltag zu gehen und auf eigene Bedürfnisse zu hören.

Die Niederländer gehören schließlich zu den glücklichsten Völkchen auf dieser Erde - warum da nicht vom Nachbarn lernen? Regelmäßiges Entspannen wirkt sich auf Gesundheit, Beziehungen, Kreativität und Produktivität aus. In den Zeiten der Pandemie haben wir schon so viel Neues über uns gelernt - warum jetzt nicht auch noch etwas über das Nichtstun?

Quelle: ntv.de