Leben

Wallfahrt nach Bethlehem Palästinenser sticht Pilgern lebenslanges Andenken

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Die weihnachtliche Deko darf beim Tätowierer Walid Ayash nicht fehlen.

Vielen Menschen reichen Souvenirs wie Kreuze oder Krippen aus der Geburtsstadt Jesu nicht mehr aus. Immer mehr Pilger lassen sich stattdessen ein Andenken mit christlichen Symbolen stechen. Bei Bethlehems einzigem Tätowierer sind sie in guten Händen.

Auch in diesem Jahr rechnet das israelische Tourismusministerium über die Weihnachtsfeiertage mit mehr als 150.000 christlichen Wallfahrern. Viele pilgern an die heiligen Orte wie Jerusalem, Nazareth oder den See Genezareth. Bethlehem im Westjordanland, die Geburtsstadt Jesu, steht ebenfalls auf dem Programm.

So auch bei Familie Mendes aus Guimaraes in Portugal, die zum ersten Mal das Heilige Land bereist. "Als gläubige Christen wollen wir die Stadt besuchen, in der unser Herr auf die Welt kam." Wie die anderen Pilger, die nach Bethlehem kommen und die Geburtskirche besichtigen, möchten auch sie mit Kerzen und Rosenkränzen im Gepäck nach Hause zurückkehren. Doch Tochter Isabel, die gerade volljährig geworden ist, will ein Souvenir auf Lebenszeit: ein christliches Tattoo, um ihre Verbundenheit mit Jesus stolz zu präsentieren. In Bethlehem ist der Tätowierer Walid Ayash für solche Wünsche zuständig. Er ist der Einzige, der eine offizielle Lizenz im Westjordanland besitzt.

Der 41-jährige Palästinenser, dessen "Pain Art Studio" ganz in der Nähe der Geburtskirche liegt, ist ein frommer Katholik und auf christliche Themen spezialisiert. Sein Repertoire umfasst über 150 Motive - von einfachen oder durchdachten Kreuzen bis hin zu Bildern von Jesus Christus, welche er selber auf der Brust trägt, oder einer verschleierten Jungfrau Maria.

Seinen Werdegang als Tätowierer startete er vor etwa 14 Jahren. Als Autodidakt brachte er sich das Handwerk über das Internet selbst bei, ehe er seine Kunst in Israel perfektionierte. In den palästinensischen Autonomiegebieten gibt es keine Tätowierschule, sagt Ayash. Im Friseurladen seines Vaters richtete er schließlich sein Studio ein. "Alle haben mich ausgelacht und für verrückt erklärt", sagt Ayash, der gebürtig aus Bethlehem stammt und mit seiner Frau vier Kinder großzieht. "Der Einzige, der an mich glaubte, war ein Israeli in Jerusalem." Sie stünden auch heute noch in regelmäßigem Kontakt.

"Dein Wille geschehe"

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Auch Walid Ayash selbst hat sich schon einige Motive unter die Haut stechen lassen.

"Tattoos sind doch nur etwas für Hartgesottene", sagt Elias, der sich gerade die Haare schneiden lässt, und lacht. Ganz in der Nähe verkauft der Händler in seinem Laden unter anderem handgeschnitzte Weihnachtskrippen aus Olivenholz. "Außerdem sind sie nicht so günstig", fährt er fort. Tatsächlich fangen die Preise bei 200 Schekel für ein einfaches Kreuz-Tattoo an - also ungefähr 50 Euro. "Unser Handwerk ist eine Kunst und dafür greifen manche tief in die Tasche", erklärt Ayash. "Im Vergleich zu Israel und anderen Nationen sind wir da noch relativ günstig. Es gibt unterschiedliche Tattoos und so kommt es immer auf die Form und Genauigkeit an."

Die Mitglieder der Familie Mendes betreten den Friseursalon. Sie gehen eine schmale Treppe hinauf ins Studio, wo Kruzifixe, Alkoholflaschen und religiöse Zeichnungen auf einer Stereoanlage stehen, aus der laute Musik dröhnt. Ein Bildschirm zeigt Videos von Pilgern, die hier tätowiert wurden und dabei Hymnen sangen oder Gebete auf Arabisch rezitierten. Manche nutzten sogar Aramäisch - die alte Sprache, die zu Zeiten Jesu gesprochen wurde.

Die 18-jährige Isabel setzt sich auf einen Ledersessel und bereitet sich auf ihr Tattoo vor. Auf den Nacken soll ein Kreuz mit der Aufschrift "Dein Wille geschehe" aus dem "Vaterunser" gestochen werden. Während Ayash die junge Portugiesin minutiös unter ihrem Haaransatz mit seiner Kunst "bemalt", beobachtet ihre Mutter Maria ängstlich, wie sich die Nadel über die gerötete Haut bewegt. "Bis gestern haben wir alles versucht, ihr das auszureden", sagt Maria seufzend und zuckt mit den Schultern. "Doch nur ein Kreuz zu tragen, ist heute nicht mehr genug. Sie hat darauf bestanden. Was sollen wir machen?"

Weihnachten laufen die Geschäfte bei Ayash gut. Immer wenn Feiertage angesagt sind, wie zur Osterzeit, ist Hochsaison. "Die meisten meiner Kunden sind Pilger", sagt er. "Zwar kommen jetzt auch mehr arabische Christen aus dem Westjordanland und Israel, doch hauptsächlich lebe ich vom Tourismus." Während das Judentum und der Islam Tätowierungen verböten, sei der bleibende Körperschmuck seit Jahrhunderten ein Ritual für christliche Wallfahrer des Heiligen Landes.

Manche müssen Tattoos verstecken

"Meistens sind es Kopten aus Ägypten, assyrische Christen aus dem Irak und Syrien, maronitische Libanesen oder aber auch orthodoxe Armenier, bei denen Tätowierungen zur religiösen Tradition gehören", sagt Ayash. Die meisten wollten sich ein Kreuz stechen lassen, aber auch die Weihnachtskrippe und die Dornenkrone gehörten zu den Klassikern. "Dazu tätowiere ich ihnen auch das Datum ihres Besuches. Es ist Teil der Pilgerfahrt und eine Art Beweis dafür, dass sie hierhergekommen sind. Viele gehen danach noch in die Geburtskirche, um den Segen zu erhalten."

Wegen der israelischen Besatzung des Westjordanlandes war die Pilgerfahrt nach Bethlehem für ägyptische Kopten jahrelang verboten. Erst ihr neues geistliches Oberhaupt Tawadros II. lockerte die Regelung wieder. Auch Libanesen und Syrer können Israel, das die Grenzen zum Westjordanland kontrolliert, nur besuchen, wenn sie einen zweiten Pass besitzen.

Angesichts der wachsenden Bedrohung für Minderheiten im Nahen Osten durch den immer extremer werdenden Islamismus kann der öffentlich zur Schau gestellte christliche Glauben lebensgefährlich sein. Diese Veränderungen hat Ayash im Laufe der vergangenen Jahre bemerkt. Er selbst hat ebenfalls schon Anfeindungen erlebt. "Erst kürzlich habe ich die Heilige Maria mit dem Jesuskind auf den Rücken einer irakischen Jesidin verewigt", erzählt er. "Sie war hartnäckig mit dem Tattoo, aber sie konnte es sich nicht in einem sichtbaren Bereich ihrer Haut stechen lassen, weil sie in den Irak zurückkehren möchte."

Der 41-Jährige übt seinen Beruf trotz aller Widrigkeiten mit viel Leidenschaft aus. Aber er hat auch das Gefühl, dass ausschließlich religiöse Motive ihn in diesem Geschäft nicht so weit bringen werden. Zusammen mit seinem Freund in Jerusalem überlegt er ein neues Studio sowohl in Israel als auch in Palästina zu eröffnen. "Koexistenz ist möglich. Neulich war ein Israeli bei mir", berichtet Ayash. "Ein Jude." Er habe ihm das Wort Schalom (Frieden) auf Hebräisch, Arabisch und Englisch tätowiert. "Am Ende umarmte er mich und wünschte mir frohe Weihnachten."

Quelle: n-tv.de

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