Leben

"Macht die Museen wieder auf!" Picasso und van Gogh allein im Museum

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Kunst im Original zu erfahren, geht nur im Museum. Hier Vincent van Gogh als Teil der Ikonen-Ausstellung, die vor der Pandemie gut besucht war.

(Foto: Bettina Conradi)

Museen sind Rettungsanker: Schenken kleine Auszeiten vom Alltag und öffnen neue Denkräume. Viele ihrer Angebote haben sich mit Corona ins Digitale verlagert, doch ein Museumsbesuch und auf diese Weise Kunst analog zu erfahren, bringt ein gemeinschaftliches Erlebnis. Und das fehlt in Zeiten von Social Distancing besonders. Dabei haben gerade Museen überzeugende Hygienekonzepte ausgetüftelt. Sie sind sichere Orte, können mit Zeitfenstertickets die Besucherströme steuern und die Nachverfolgung gewährleisten. Der Ruf, die Museen endlich wieder zu öffnen, wird immer lauter. "Es gibt einen großen Hunger nach Kunst, und obwohl wir alle etwas müde sind, brauchen wir geistige Inspiration", sagt Christoph Grunenberg ntv.de via Zoom. Der Direktor der Bremer Kunsthalle agiert zunehmend als Krisenmanager, denn hinter den Museumsmauern geht es weiter mit immer neuen Verschiebungen, Umplanungen und der Ausstellung "Picasso-Connection". Die Graphiken des berühmten Künstlers warten seit Monaten auf Besucher, die nicht kommen dürfen.

ntv.de: Wie lange ist die Bremer Kunsthalle jetzt geschlossen?

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Museumschef Christoph Grunenberg wagt keine Prognosen mehr über die Wiederöffnung der Kunsthalle Bremen.

(Foto: Harald Rehling)

Christoph Grunenberg: Das wage ich gar nicht mehr zu zählen, jetzt sind es insgesamt fünf Monate. Nach dem Lockdown im Frühjahr hätte ich nicht gedacht, dass ich unser Haus noch einmal schließen muss und dann noch für so lange Zeit. Zwischendurch war ich optimistisch, aber inzwischen erlaube ich mir keine Prognosen mehr und warte, wie die Politik entscheidet. Obwohl wir hinter den Kulissen natürlich aktive Lobbyarbeit betreiben.

Wie zuletzt mit einem Brief vieler Museumsdirektorinnen und -direktoren an Monika Grütters und die Kultusminister mit der Bitte um baldige Wiederöffnung. Die Kultusstaatsministerin hatte bereits vor Längerem betont, dass Museen unter den ersten sein müssen, die wieder öffnen. Fühlen Sie sich von der Politik alleine gelassen?

Das ist ein nicht öffentlicher Brief, daher möchte ich nicht darüber sprechen. Deutsche Museumsdirektoren jonglieren teilweise mit radikalen Ausstellungsverschiebungen. Ich würde aber nicht sagen, dass wir uns alleine gelassen fühlen, da muss man differenzieren.

Inwiefern?

Es muss für die Museen eine angepasste Lösung geben und keine pauschale, bei der sich jedes Bundesland dann doch mit Sonderregelungen anders entscheidet. Allen Beschwerden und Herausforderungen zum Trotz sind die meisten Museen in einer relativ guten Position. Wir haben unbürokratisch und schnell Hilfe bekommen, sodass wir hoffentlich ohne größere Einbußen durch die Krise kommen. Wer gelitten hat, sind zum Beispiel unsere freien Mitarbeiter, die unsere Führungen und Kurse machen und nicht durch Kurzarbeit aufgefangen werden. Das ist jetzt eine lange Durststrecke für sie. Auch für Soloselbstständige, darstellende Künstler, Musiker und andere Kulturschaffende ist die Situation eine große Herausforderung.

Das ist ein trauriges Thema. Kultur scheint nicht systemrelevant zu sein.

Die Museen wurden mit Beginn des "Lockdowns light" Anfang November zunächst sogar vergessen und als Freizeiteinrichtungen betitelt. Das hat uns schon ein bisschen beleidigt. Es ist absurd, Museen mit Spaßbädern und Bordellen in einen Topf zu werfen. Schön, dass man sich vorstellen kann, im Museum Spaß zu haben, aber unser Auftrag geht doch viel weiter. Vor allem sind wir Bildungsinstitutionen. So ist eine Krise ein guter Anstoß, die Relevanz von Kultur und die seines eigenen Hauses zu hinterfragen.

Sie haben einen Bildungsauftrag, warum brauchen wir Museen außerdem?

Vor allem geht es im Museum um intensive ästhetische Erlebnisse und um intellektuelle Stimulation. Kunst und Kultur stehen im Zentrum von zeitgenössischen Debatten über die Effekte der Globalisierung, Identität, sozialen Zusammenhalt, neue Formen der Kommunikation und Wahrnehmung. Trotzdem sollten wir nicht unmittelbar illustrative Kommentare von Künstlerinnen und Künstlern zu Corona erwarten. Jahrhundertealte Kunstwerke können aber im Museum neu erfunden werden, indem sie in einen anderen Kontext gestellt werden. Neue Inhalte und Bedeutungen zu erschließen, ist eine der zentralen Aufgaben der Museen.

Was muss sich an der Rolle der Museen nach der Pandemie ändern?

Machen wir uns nicht die Illusion, dass nach Corona alles anders sein wird. Wir werden wahrscheinlich wieder alle um die ganze Welt fliegen und hedonistischen Vergnügungen frönen. Ich hoffe aber auch, dass wir wieder Gefallen an der alltäglichen Normalität finden werden.

Zum Beispiel?

Wie ein Besuch im lokalen Museum. Mehr denn je ist es die Aufgabe der Museen, über den Sinn unseres Daseins jenseits von reiner Geldbeschaffung und materiellem Konsum nachzudenken. Ich erinnere mich da besonders an unsere Ausstellung Ikonen. Was wir Menschen anbeten, die gerade noch vor dem ersten Lockdown Anfang März 2020 zu Ende ging. Auf drei Etagen und in allen Räumen der Kunsthalle zeigten wir pro Galerie jeweils nur ein Kunstwerk. Ausgehend von der russischen Ikone bis in die heutige Zeit waren es 60 auratische Werke. Mit diesen Ausstellungen wollten wir die intensive Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Einzelwerk in den Fokus stellen. Ruhe ist im Museum genauso möglich wie das Eintauchen in ein immersives Multimedia-Spektakel.

Die Verlagerung ins Digitale funktioniert demnach nicht dauerhaft?

Wir sind inzwischen alle Profis im Digitalen, der virtuellen Vermittlung und den sozialen Medien. Vieles funktioniert in der Tat sehr gut und gewisse Angebote werden ohne Frage Bestand haben. Aber es hat sich auch gezeigt, dass die sinnliche Erfahrung des Originals in einem gegebenen architektonischen Rahmen fehlt. Das ist eine Rolle, die die Museen auf jeden Fall am besten erfüllen - allen negativen Prognosen über die Übermacht des Virtuellen zum Trotz.

Beide Welten zu bespielen, wird immer wichtiger. Stichwort Instagram: Ihr Account hat über 21.000 Follower und Sie als Museumsdirektor tauchen durchaus als Running Gag mit kleinen Versprechern in kurzen Videos auf.

(lacht) Was man heutzutage als Museumsdirektor alles machen muss. Wir haben engagierte Mitarbeiterinnen, die produzieren gute und auch mal humorvolle Inhalte und das immer mit der Kurve zur Kunst. Der Kanal bringt uns viel - auch neues Publikum, das das Museum als offenen und zugänglichen Ort wahrnimmt.

Was fehlt dem Museum?

Das Publikum. Klar, und es fehlt uns natürlich auch immer Geld und Aufmerksamkeit. Museen haben aber auch den Auftrag, Kulturgut zu bewahren und dieses zu erforschen.

Sie müssen sich zu 60 Prozent selbst finanzieren, jetzt fallen Einnahmen aus Eintritt, Museumsshop und der Verpachtung des Restaurants weg. Wie steht die Bremer Kunsthalle 2020 finanziell da?

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Die Ausstellung "Die Picasso-Connection" wartet seit dem 21. November auf Besucher.

(Foto: Marcus Meyer)

Ein Museum ist allein durch den beträchtlichen Aufwand von Personal, Gebäude und Klimatechnik mit einem mittelständischen Betrieb vergleichbar. Dazu kommen teilweise enorme Kosten für den Transport von Leihgaben und die Versicherung von Kunstwerken. Natürlich variiert das, und ein Picasso ist höher versichert als ein zeitgenössisches Werk. Manche Museen sind nur mit 5 bis 10 Prozent von Eigeneinnahmen abhängig. Die Kunsthalle wird noch immer vom privaten Kunstverein getragen und mit Mitteln der Stadt Bremen gefördert, aber fast 60 Prozent müssen wir selber generieren. Wenn die Eintrittseinnahmen wegfallen, ist das ein Riesenschlag und kann das ganze Konstrukt in eine Schieflage bringen. Glücklicherweise sind diese Defizite 2020 komplett ausgeglichen worden.

Schreibt die Kunsthalle in Bremen 2020 also eine schwarze Null?

Ja, wir hatten Glück und großzügige Unterstützung. Wie das jetzt weitergeht, ob die Mittel auch dieses Jahr so großzügig fließen, ist allerdings unsicher. Planungen laufen inzwischen nur von Woche zu Woche. Am schlimmsten sind die Kollegen betroffen, die große Ausstellungen mit Leihgaben aus der ganzen Welt haben. Darunter sind Ausstellungen, die seit Monaten fertig installiert sind und die noch kein Mensch gesehen hat - so wie es auch bei uns ist.

Sind Sie momentan mehr Krisenmanager als Museumsdirektor?

Ja, aktuell sind wir im permanenten Krisenmodus. Ständig warten wir auf die nächste Verordnung, dann liest man die endlosen Paragrafen und versucht, zu erfahren, was sich geändert hat. Wir können Ausstellungen nicht ewig verlängern. Wir wollen aber auch nicht die Picasso-Ausstellung, deren Laufzeit eigentlich bald endet, einfach schließen, ohne dass sie gesehen wurde. Also stellen wir unser Ausstellungsprogramm für dieses und nächstes Jahr radikal um. Das, was wir aus dem letzten Jahr in dieses Jahr geschoben haben, schieben wir nun ins kommende Jahr. Immerhin ist der Katalog für unsere Picasso-Ausstellung, die seit November 2020 fertig gehängt ist, erschienen und kann gekauft werden.

Abgesehen vom Finanziellen, was ist an den Umplanungen so kompliziert?

Wir haben mit Leihgebern zu tun, mit Kooperationspartnern, Künstlern und Kuratoren, da müssen Zeitpläne eingehalten werden. Das betrifft auch unsere im Herbst geplante Manet-Ausstellung, an der wir fast zehn Jahre lang mit viel Aufwand gearbeitet haben. Manche Leihgaben bekommen wir jetzt nicht mehr, weil kleinere Museen im Ausland einen Reisestopp für Kunstwerke verhängt haben. Es ist ein sich ständiges Hangeln von einer Enttäuschung zur nächsten - von einer Ministerpräsidentenkonferenz zur anderen.

Träumen sie von einem vollen Museum?

Ein leeres Museum hat auch was Unheimliches. Da steht eine Skulptur im Dunklen und plötzlich denkt man, dass sie sich gerade bewegt hat. Es gibt nichts Schöneres, als wenn Menschen vor der Tür stehen, das Haus voll ist und Schulklassen laut durch die Räume rennen; wenn man als Museumsdirektor sieht, wie Kunstwerke Menschen begeistern, zum Denken bringen und zu Diskussionen anregen.

Sehnen Sie sich nach positiven Nachrichten?

Na ja, wir haben ein wunderbares Museum, aber wenn das zu ist, ist die Kunst auch irgendwie tot.

Mit Christoph Grunenberg sprach Juliane Rohr

Die Kunsthalle Bremen ist auf Instagram und das Online-Programm finden Sie hier. Noch mehr Lust auf Kunst? Hier noch ein online-Kunsttipp von Christoph Grunenberg: Ein vielschichtiger Einblick in das ikonische Gemälde Guernica von Pablo Picasso im Museum Reina Sofia in Madrid.

Quelle: ntv.de