Leben

Schlimm sind nicht die Toten Rechtsmediziner hat Jazz im Blut

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Claas Buschmann reiht sich ein bei den schreibenden Rechtsmedizinern.

(Foto: dpa)

Rund 3000 Leichen hat der Kieler Rechtsmediziner Claas Buschmann bereits obduziert. Auf seinem Tisch liegen die Opfer von Mord und Totschlag, auch die Opfer des Anschlags von Berliner Breitscheidplatz untersuchte er. Umso wichtiger sind ihm privat das Schreiben und die Musik.

Wer auf dem Behandlungstisch von Claas Buschmann landet, für den kommt jede Hilfe zu spät. Denn der 44-Jährige ist Rechtsmediziner. Er untersucht die Leichen von Menschen, die möglicherweise keines natürlichen Todes gestorben sind. Der habilitierte Arzt ist seit Februar stellvertretender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel. Ende März erschien sein erstes Buch "Wenn die Toten sprechen: Spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin".

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Natürlich landet nicht jede Leiche in der Rechtsmedizin. Buschmann kommt im Auftrag der Staatsanwaltschaft aber dann zum Einsatz, wenn Morde, Suizide oder Kunstfehler-Vorwürfe zu untersuchen sind. Sein Telefon klingelt manchmal auch nachts. "Wenn irgendwo eine Leiche gefunden wird", sagt Buschmann. Bei Bereitschaft habe er deshalb nicht nur das Smartphone, sondern immer auch ein Auto dabei.

Buschmann wirkt lebensfroh. Seine Hamburger Herkunft hört man ihm trotz langer Zeit in Berlin deutlich an. Nach seiner Familie sei der Jazz seine zweite Leidenschaft. "Ich kann bis heute an Klavieren schlecht vorbeigehen." Der Autodidakt tritt als "Dr. Boogie" gelegentlich als Jazzpianist solo oder auch mit Band auf. "Also eigentlich eher als Pausenclown." Er sei weit entfernt von einem ausgebildeten Konzertpianisten.

"Wie aus der Hölle"

Im Februar wechselte Buschmann nach 14 Jahren an der Berliner Charité nach Kiel. Rund 3000 Leichen hat der 44-Jährige in seinem Berufsleben gesehen - tragische Unfälle, brutale Morde und tödliche Krankheiten. Er wird oft gefragt, wie er es mit den Toten aushält. "Ich habe lange Rettungsdienst gemacht und gesehen, wie es ist mit Menschen zu arbeiten, die einem in den Armen sterben, die vor den eigenen Augen verbrennen. Das ist furchtbar und das möchte ich nie wieder erleben."

Buschmann hat geholfen, Mörder und Versicherungsbetrüger zu überführen. Besonders in Erinnerung ist ihm sein Einsatz nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 2016. "Der Attentäter Anis Amri hat es ganz offensichtlich beherrscht, dass an diesem Anschlagsort eine große Symbolik entstanden ist." Die Gedächtniskirche, Weihnachtsbäume, zerstörte Engel und zerbrochene christliche Symbole. "Mittendrin ein schwarzer Laster wie aus der Hölle, als wenn die Erde sich auftut und einen solchen LKW ausspuckt. Zerstörte Leichen und alles stinkt nach Glühwein."

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Zweimal bereits landeten auf dem Tisch des Rechtsmediziners Leichen, die er gekannt hatte. "Das erste Mal habe ich den Toten gar nicht erkannt, weil der so fäulnisverändert war", sagt Buschmann. Unweit seiner Berliner Wohnung habe er in seiner Stammkneipe regelmäßig Fußball geschaut. "Da saß am Tresen immer ein älterer Mann, schwer alkoholkrank, aber nie ausfällig." Irgendwann habe Manni nicht mehr dort gesessen. Wie sich herausstellte, hatte der Biertrinker wochenlang tot im Hochsommer in seiner Wohnung gelegen und Buschmann selbst habe den Leichnam obduziert. "Der war nicht mehr zu erkennen."

Schwieriger wird es für den Rechtsmediziner in den wenigen Momenten, in denen er doch Kontakt mit Angehörigen hat. Vor Jahren habe er als Gutachter im Prozess um einen bestialischen Mord unter Studenten ausgesagt, sagt Buschmann. Während seiner Ausführungen zu der tödlichen Attacke in der WG sei es im Gerichtssaal mucksmäuschenstill gewesen. "Als ich das Gericht verließ, fragte mich ein Mann, ganz offensichtlich der Vater der Studentin: Hat sie gelitten?" Buschmann musste die Frage leider bejahen. "Ich habe kurz zuvor im Saal ja auch eine Dreiviertelstunde genau erzählt, warum das so war. Das Schlimme an der Rechtsmedizin sind nicht die Toten, das sind die Lebenden - nämlich solche Momente."

Quelle: ntv.de, André Klohn, dpa

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