Leben
Eduarda blickt auf ihren "Palast" hinab.
Eduarda blickt auf ihren "Palast" hinab.(Foto: Peter Bauza)
Samstag, 02. Juni 2018

Überlebenskampf in der Ruine: Rios Palast der Hoffnunglosen

Von Franziska Türk

In Bauruinen am Rande von Rio de Janeiro kämpfen mehr als 1000 Menschen ums Überleben. Ein Blick in ein Leben mit Müll, Mückenplagen und Milizionären und in eine Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Regeln hat.

Eduarda hat einen Traum. Edilane auch. Und Domingo. Sie alle wollen rauskommen und eines Tages ein richtiges Dach über dem Kopf haben. Eine Wohnung mit sauberen, weißen Wänden. Und einen Wasserhahn, aus dem Wasser sprudelt, sauberes Wasser. Doch ihr Traum ist ebenso bescheiden wie unerreichbar. Denn Eduarda, Edilane und Domingo leben mit rund 1000 anderen Menschen in einer Bauruine in Rio de Janeiro. In einer Ruine, in der sich Nachbarn - wegen der Löcher in der Wand - ganz nahe kommen. Und in der sie stets aufpassen müssen, nicht durch die brüchigen Fußböden zu fallen. Sie leben ohne Strom und Wasser zwischen Müll und Dreck in einer Gesellschaft,  die ihre ganz eigenen Regeln hat und die vom Rest der Welt weitestgehend vergessen wird.

Der Fotograf Peter Bauza zeigt der Welt die Gesichter der Vergessenen. Er hat seine saubere, trockene und anonyme Wohnung in München verlassen, über 14 Monate hinweg immer wieder einmal sein Lager zwischen den kahlen Betonwänden der Ruine aufgeschlagen und im entscheidenden Moment den Auslöser seiner Kamera gedrückt. Das Ergebnis sind vielfach preisgekrönte Fotos, mit denen Bauza Liebe, Hoffnung und Resignation dokumentiert - und den Alltag von Menschen an einem Ort, an dem auf den ersten Blick kein Alltag möglich zu sein scheint.  

Video

Eigentlich hat Bauza ganz andere berufliche Pläne, als er 2014 nach Rio de Janeiro reist. Die Panamerikanischen Spiele 2007, die Weltmeisterschaft 2014, die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 2016, das alles hat Spuren im Land hinterlassen. Der Fotograf will den Strukturwandel dokumentieren, zeigen, wie ganze Viertel verschwinden und neuen, gläsernen Gebäuden Platz machen. Doch schnell merkt er: Er kommt schon zu spät. Brasilien hat sich längst gewandelt. Dann hört er von Hausbesetzern, die unter prekären Bedingungen in einem großen Gebäudekomplex wohnen, der vor Jahrzehnten für die Mittelschicht gebaut und nie fertiggestellt wurde. Doch dorthin begleiten will den damals 55-Jährigen zunächst niemand. "Folge einfach dem Gestank und dem Rauch in der Ferne, dann wirst du ihn schon finden", heißt es.

Bauza findet die Bauruinen und er bleibt. Copacabana Palace wird der Ort unter anderem ironisch genannt - angelehnt an den Namen eines Nobelhotels in einem anderen Teil der Stadt, der sich genauso gut auf einem anderen Planeten befinden könnte. Auf einem Planeten ohne Krätze, Krankheiten und verseuchtem Wasser, ohne Gestank und Mücken und Vergewaltigungen.

Ruinen sind Rückzugsort für Homosexuelle und Transgender

Der Copacabana Palace, den Edilane, Domingo und Eduarda ihr Zuhause nennen, ist ein Sammelbecken für all jene, die ihre Arbeit verloren haben, deren Viertel von Drogengangs terrorisiert wurde oder die wegen der gestiegenen Preise ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten. Es ist ein Ort, an dem sich Gangster, Prostituierte und die Ausgeschlossenen der Gesellschaft tummeln. Aber auch ein Ort, an dem Homosexuelle und Transgender unbeschwert leben können - Letztere haben in Brasilien eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 30 Jahren, weil sie auf der Straße regelrecht abgeschlachtet werden, sagt Bauza. "Die Menschen beklauen sich und helfen sich. Eigentlich ist der Copacabana Palace wie die ganz normale Welt", sagt der Fotograf. "Nur eben konzentriert auf sechs Blocks."

Doch etwas ist anders in dieser Welt. "Der Staat ist total abwesend", sagt Bauza, "nicht existent". Und weil sich auch die Polizei kaum blicken lässt, sorgt ein anderer für Ordnung: die Miliz. Sie erpresst Schutzgelder, sorgt aber auch dafür, dass die Drogengangs fernbleiben. Sie bietet geklautes Kabelfernsehen in den Blocks an und entscheidet über Recht und Unrecht. So wie im Fall von Edilanes vergewaltigter Tochter Jenifer: Hält die Miliz den Vergewaltiger der 14-Jährigen für schuldig, lässt sie ihn verschwinden.

Nur mit einer kleinen Kamera bewaffnet hielt sich Fotograf Peter Bauza meist im Hintergrund und wartete auf das perfekte Motiv.
Nur mit einer kleinen Kamera bewaffnet hielt sich Fotograf Peter Bauza meist im Hintergrund und wartete auf das perfekte Motiv.(Foto: Peter Bauza)

In der beinahe apokalyptischen Szenerie kommt Bauza den Bewohnern mit seinen Fotos ganz nah: Sie zeigen Edilane, die mit drei ihrer acht Kinder auf einer schäbigen Matratze kuschelt, das neunte Baby schon im Bauch. Die junge Eduarda, die auf einem Fensterbrett sitzt und über Wäscheleinen hinweg von ihrem "Palast" hinabblickt. Spielende Jungen zwischen Autowracks, ein im Staub verendetes Pferd. Aber auch Küsse, wilde Partys, Sex und spirituelle Tänze. "Religion spielt eine wichtige Rolle", sagt Bauza. "Wenn du nichts mehr hast, möchtest du nicht auch noch deinen Glauben verlieren."

Armut muss nicht gleich Elend sein

Hier, im Copacabana Palace, sind es rund 300 Familien, die unter prekären Bedingungen leben. Weltweit haben laut UN mehr als eine Milliarde Menschen kein vernünftiges Dach über dem Kopf, die Zahl verdoppelt sich in den kommenden 10 bis 20 Jahren voraussichtlich. Auch darum geht es Bauza: Er möchte, dass die Welt hinschaut. Vielleicht ändert sich dann etwas für die Bewohner. "Dann kann die Gesellschaft zumindest nicht mehr sagen, sie hat nichts davon gewusst."

Bauza will aber auch eine poetische Aussage finden, Schönheit im Dreck und Fröhlichkeit in der Trostlosigkeit zeigen. "Armut muss nicht gleich Elend sein, auch im Copacabana Palace gibt es glückliche Menschen", sagt der Fotograf. "Wahrscheinlich sind sie sogar fröhlicher als wir. Und die typischen Elendsbilder will sowieso kein Mensch mehr sehen."

Um seine bunten, berauschenden Momentaufnahmen in den grauen Ruinen einzufangen, braucht Bauza vor allem eins: die Geduld, um auf den perfekten Augenblick zu warten. Und er muss das Vertrauen der Bewohner des Copacabana Palace gewinnen. Denn Besuch von Fernsehteams bekommen sie immer wieder, sagt der Fotograf. Von Filmleuten, die eine halbe Stunde durch die Gebäude ziehen, die Schuhe in Plastiktüten gewickelt, um sie nicht zu beschmutzen. Oder von Politikern, die vor Wahlen mit Zuckerrohrschnaps, Hamburgern und leeren Versprechungen im Gepäck auftauchen, um sich Stimmen zu kaufen. Bauza ist anders. "Ich habe den Menschen erklärt, dass ich mit ihnen dort leben will, um zu verstehen, was das bedeutet." Irgendwann nehmen die Familien gar nicht mehr wahr, dass der Fotograf auch noch da ist, in der Ecke der Küche sitzt, seinen Tee trinkt. Und im entscheidenden Moment auf den Auslöser drückt.

Trotzdem: "So ein Projekt geht nicht spurlos an dir vorüber, es saugt dir die Kraft aus", sagt Bauza. Am Anfang scheinen sich die Tage und Nächte in der stinkenden Ruine nicht einmal auszuzahlen - niemand interessiert sich für die Bilder des Fotografen. Inzwischen ist das längst anders: Seine Fotos wurden ebenso wie der dazugehörige Bildband mit Preisen überhäuft, vom World Press Photo Award im vergangenen Jahr über den American Photography Award bis hin zum Visa d' Or Award. Bauzas Fotos wurden in Mailand, Paris und im südkoreanischen Daejeon gezeigt. Aktuell sind sie bis zum 8. Juni in der Fotogalerie Friedrichshain in Berlin zu sehen, bevor sie nach Lille und Paris gehen. Nur in eine richtige Ausstellung nach Brasilien, wo sie am meisten bewirken könnten, haben es die Bilder noch nicht geschafft.

Wohnungsvergabe gleicht Lotterie

Und so geht der Alltag im Copacabana Palace weiter. Wenn Bauza dort Menschen wie die alte Fatima fragt, ob sie gerne aus dem Palace, ihrem Palace, ausziehen würde, dann lacht sie, und sagt Ja und Nein. Ja, weil sie den Dreck und die Krankheiten nicht mehr ausstehen kann. Nein, weil sie ihre Freunde und die Gemeinschaft nicht verlieren möchte.

Die Chancen, das Leben in den Ruinen hinter sich zu lassen, sind ohnehin gering. "Menschen, die schon auf der Straße geboren wurden und keine Geburtsurkunde haben, werden nie eine richtige Wohnung bekommen", weiß Bauza. Auch für die anderen gleicht die Vergabe von Wohnungen aus dem staatlichen Sozialprogramm einer Lotterie. "Und es reicht nicht, nur eine Wohnung zu vermitteln. Es braucht Sozialprogramme zur Integration. Menschen, die nie in einer richtigen Wohnung gelebt haben, müssen erst lernen, dass sie Müll nicht einfach aus dem Fenster werfen können", sagt Bauza. Und es müsse dafür gesorgt werden, dass Gangs Sozialwohnungen nicht besetzen, bevor eine Familie überhaupt einziehen kann.

Wenn er nicht in Lateinamerika, Europa oder Afrika unterwegs ist, lebt Peter Bauza in seiner Wohnung in München. Wo er die Nachbarn nicht durch Löcher in der Wand hindurch sehen kann, sondern höchstens bei der Eigentümerversammlung. Und wo aus dem Wasserhahn immer frisches Wasser sprudelt. Aber das Projekt hat Spuren hinterlassen. "Das Leben ist nach solch einem Projekt nicht mehr, wie es einmal war", sagt Bauza. Und hin und wieder, da kommt ein Videoanruf aus Rio. Aus dem Palast, dem 1000 Menschen entfliehen wollen - und der trotzdem ihr Zuhause ist.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de