Leben

Opfer bekommen Namen zurück Stolpersteine sind Erinnern auf dem Gehweg

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Vier Steine, die das Schicksal einer Familie erzählen.

(Foto: Sonja Gurris)

Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig waren ursprünglich nur als kleines Projekt gedacht. Inzwischen erinnern europaweit Tausende beschriftete Steine an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Berliner Kollwitzkiez leuchten viele der Pflastersteine - jeder steht für ein Schicksal.

Ein kleines Quadrat schimmert messingfarben, Regentropfen fallen auf die Oberfläche. In der Kollwitzstraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg liegt vor einem sanierten Haus, eingefasst im Pflaster, ein sogenannter Stolperstein. "Hier wohnte Fancia Grün, Jg. 1905", verrät die Inschrift. Weil sie im Widerstand aktiv war, wurde Grün erst ins Gefängnis gebracht und später, im März 1945, im KZ Theresienstadt ermordet. All das erfährt der Passant, der vor der Hausnummer 48 stehen bleibt und die Inschrift studiert.

Egal, wo sie liegen, hinter jedem der etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Quadrate mit Inschrift verbirgt sich ein ganzes Schicksal. Der Stolperstein für Fancia Grün ist nur einer von vielen in diesem Berliner Szenekiez, der heute voller Cafés, Boutiquen und Familien ist.

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Künstler Demnig verlegt fast jeden Stein selbst.

(Foto: REUTERS)

Ein paar Meter weiter glänzt direkt vor dem Eingang eines Supermarktes der nächste Stein. Wahrscheinlich bemerken ihn viele Kunden gar nicht, die beladen mit ihren Einkaufstaschen daran vorbeigehen. Nur wenige lesen, dass hier Rosalie Treister wohnte, geborene Ryplowiak. Sie wurde im Juli 1943 nach Theresienstadt deportiert und im September in Treblinka ermordet. Gleich neben der großen Synagoge in der Rykestraße wird an die deportierte Rosa Bleiberg erinnert, die 1943 in Auschwitz starb.

Die Idee für diese Form der persönlichen Erinnerung hatte der Künstler Gunter Demnig, der 1993 den ersten Stein verlegte. Im Gespräch mit ntv.de erklärt er: "Überall dort in Europa, wo die deutsche Wehrmacht und die Gestapo Menschen deportiert und ermordet haben, sollen symbolisch Stolpersteine für alle Opfergruppen auftauchen." Die Erinnerungssteine sollen dort liegen, wo die Menschen ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten. Auch Menschen, die gerettet worden sind, werden mit Stolpersteinen geehrt.

Erinnern an den Holocaust

Doch zu Beginn seiner Erinnerungsarbeit wollte Demnig eigentlich nur ein kleines Projekt initiieren: "Für mich war es eigentlich ein konzeptionelles Kunstwerk, denn angesichts der Zahlen war das ja anders nicht zu machen", dachte er damals mit Blick auf die Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet worden waren.

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Der Stolperstein für Rosa Bleiberg wurde im September 2013 verlegt.

(Foto: Sonja Gurris)

Aber dann wurde Demnig durch das Buchprojekt "Kunstprojekte für Europa" ermutigt, sein Stolperstein-Projekt in größerer Form umzusetzen. Er verlegte 200 Stolpersteine auf eigene Kosten. Heute sind es es mehr als 75.000. "Ich habe nie dafür Werbung gemacht. Es muss immer aus den Orten selbst kommen und in der Regel sind es Heimat- und Geschichtsvereine, die das voranbringen", erzählt Demnig.

Als Grassroots-Bewegung, die auf der Initiative einzelner Menschen basiert, bezeichnet die "Stiftung -Spuren - Gunter Demnig" die Verlegung der Stolpersteine. Wer an das Schicksal eines Verfolgten erinnern will, kann sich bei den Stolperstein-Machern melden, manchmal sind es Privatleute, manchmal Angehörige. In vielen Städten gibt es schon eigene Gruppen, die sich gezielt darum kümmern. Jede Stolperstein-Verlegung kostet 120 Euro - meistens spenden Menschen das Geld, um die Opfer zu ehren.

Bevor allerdings ein Stein in einer Zeremonie von Gunter Demnig verlegt wird, müssen die Daten und Fakten genau geprüft werden. "Die jüdischen Opfer sind alle in einem Online-Gedenkbuch des Bundesarchivs erfasst, und dort prüft das eine Mitarbeiterin sofort nach", erklärt der Künstler das Prozedere. Auch verschiedene Organisationen halten Datensätze vor, die die Namen von Verfolgten auflisten und dokumentieren. So kann sichergestellt werden, dass die historischen Daten stimmen.

Gunter Demnig ist kreuz und quer durch Europa gereist, um die Steine zu verlegen. Tausende Male hat er sich hingekniet, das Pflaster aufgestemmt und einen Stein in den Boden eingelassen. Trotz der großen Anzahl an Zeremonien ist er von den individuellen Geschichten gerührt: "Es sind immer wieder andere Geschichten und Schicksale, die mich auch immer wieder umhauen."

Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer fertigt die Buchstaben, die den Menschen - im übertragenen Sinne - ihre Identität und ihre persönliche Geschichte zurückgeben sollen. Nicht nur in Deutschland fallen die Steine immer wieder ins Auge: Inzwischen liegen Stolpersteine in Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Lettland, Luxemburg, Litauen, den Niederlanden, Norwegen, Polen, der Republik Moldau, Rumänien, Russland, der Schweiz, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Ukraine und Ungarn.

Doch nicht in jeder Stadt, in der sich Menschen für einen Stolperstein engagieren, darf er auch verlegt werden. Manche Kommunen lehnen diese Form des Gedenkens ab. Die Begründung: Die Namen der NS-Opfer sollen nicht mit Füßen getreten werden. Dennoch macht das Team weiter. Die beste Argumentation für den Stolperstein hatte laut Demnig ein Hauptschüler: "Nein, man fällt nicht hin, sondern man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen", zitiert der Künstler den Jungen. Außerdem müssten Passanten, die die Aufschrift auf dem Stein lesen wollen, stehen bleiben und dabei auch ein wenig den Kopf neigen. "Ich finde, das ist ein schönes Bild", meint Demnig.

Die Stolpersteine werden manchmal auch beschmutzt und herausgerissen. Rund 650 Mal ist das bereits geschehen. Doch sobald dies passiert, kümmert sich Demnig gemeinsam mit den Spendern darum. Oft spenden Menschen nach solchen Attacken umso mehr Geld für das Projekt.

Vier Steine - eine Familie

In der Berliner Wörther Straße liegen gleich vier Stolpersteine vor einem Haus. Ein Blick auf die Inschriften offenbart, dass es sich bei den Opfern um eine Familie handelt. Salomon, Sabina, Julius und Ruth Einhorn lebten bis zu ihrer Verfolgung in diesem Haus in Prenzlauer Berg. Bei den beiden Männern ist nicht bekannt, was mit ihnen geschehen ist. "Schicksal unbekannt" heißt es auf dem Stolperstein, während die beiden Frauen in Theresienstadt ermordet worden sind. Alleine in Berlin liegen mehr als 8000 dieser Steine.

Demnigs Team hat immer zu tun, denn das Projekt wird jedes Jahr größer. Der Künstler ist am internationalen Holocaust-Gedenktag wieder unterwegs und erinnert in Halle (Westfalen) an Christian Schalk. Er war ein Zeuge Jehovas und verweigerte den Kriegsdienst. In Berlin-Plötzensee wurde er ermordet.

Quelle: ntv.de