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Männer? Die Kolumne. Tobt ein "Krieg gegen die Männlichkeit"?

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"Jungs sind eben Jungs?" Das ist noch lange keine Ausrede für schlechtes Verhalten.

Screenshot Youtube

Der Rasierklingenhersteller Gillette propagierte jahrzehntelang ein besonders kerniges Männerbild, man könnte auch sagen: ein toxisches. Damit soll jetzt endgültig Schluss sein - und Millionen Männer begehren auf.

Ich muss in letzter Zeit häufig an Britney Spears denken. Im Jahr 2003, ich war da gerade 16 Jahre jung, brachte das US-Popsternchen einen Song raus, den ich insgeheim enorm anregend fand - was ich öffentlich aber natürlich niemals zugegeben hätte. "Toxic" heißt der Track, und es geht darin um eine Frau, die nach und nach ihrem Liebhaber hörig wird. Im Refrain singt Spears:

I'm addicted to you
Don't you know that you're toxic?

Intoxicate me now
With your lovin' now

Ich wollte so gerne dieser toxische Mann sein, von dem die Frauen reihenweise abhängig werden. Toxisch zu sein, das klang wie eine Verheißung, wie etwas Erstrebenswertes. Was auch immer Britney Spears mit ihrem Song damals aussagen wollte, bei mir kam vor allem folgendes an: Toxische Männer sind tolle Männer.

Giftige Männlichkeit ist Mist

Das sind sie natürlich nicht. Und obwohl auch mein spätpubertäres Hirn nicht lange brauchte um zu kapieren, dass Jungs selbstverständlich Gefühle zeigen dürfen und "echte Männer" (Dieter Bohlen, Gerhard Schröder, Der König von Mallorca) nicht unbedingt immer als Rollenvorbild taugen, blieb der Begriff toxisch lange Zeit positiv besetzt.

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Was es nicht ist: ein harmloses Späßchen. Was es ist: Belästigung am Arbeitsplatz

(Foto: Screenshot Youtube)

Dass sich das mittlerweile geändert hat, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass mir toxische Männlichkeit seit mehr oder weniger einem Jahr immer häufiger über den Weg läuft. Nicht das Verhalten an sich, das hat schließlich seit Jahrtausenden Tradition. Sondern der Fakt, dass die verschiedenen Ausprägungen giftiger Männlichkeit endlich unter einem Sammelbegriff zusammengefasst wurden und ganz klar als das bezeichnet werden, was sie sind: ausgesprochener Mist.

Eigentlich sollte es ja selbstverständlich sein: Eine Bande Jungs, die einen Mitschüler mobbt, ist Mist. Ein Mann, der seiner Haushaltshilfe beim Putzen an den Hintern langt, ist Mist. Und Typen, die einer hübschen Frau Anzüglichkeiten hinterherrufen oder ihr hinterherpfeifen, sind natürlich auch Mist. Ausgerechnet der Rasierklingen-Hersteller Gillette hat das verstanden und einen aufwendig produzierten Werbespot veröffentlicht, der toxische Männlichkeit an den Pranger stellt.

"Jungs sind eben Jungs!"

Die drei Beispiele aus dem vorigen Absatz kommen in dem knapp zwei Minuten langen Clip genau so als Negativbeispiele vor und finden ihren traurigen Höhepunkt in einer Szene, in der eine scheinbar endlose Reihe von Männern am Grill zwei Jungs beim Raufen zusieht und mantraartig einen Spruch wiederholt, der schon seit Generationen männliches Missverhalten rechtfertigt: "Jungs sind eben Jungs!" Nein, sind sie nicht, sagt Gillette. Das Unternehmen, das in der Vergangenheit mit seinem Werbeslogan "Für das Beste im Mann" toxische Männlichkeit propagierte, vollzieht jetzt die Kehrtwende und versucht, ein neues Bild zu vermitteln.

*Datenschutz

Der zweite Teil des Werbefilms zeigt dementsprechend, wie sich die Marketingabteilung von Gillette gesunde Männlichkeit vorstellt: Da setzt sich ein Typ mit Freundin (also unverdächtig) für zwei Mädels auf einer Poolparty ein, die von einem anderen Typen schräg angemacht werden. Da hält ein Mann auf einer belebten Straße einen anderen vom Catcallen (also dem Hinterherpfeifen einer Frau) ab. Ein Vater bringt seiner Tochter den Satz "Ich bin stark" bei. Und einer der Grillväter aus der oben beschriebenen Szene trennt die zwei raufenden Jungs voneinander. "Die Jungs, die heute zuschauen, sind die Männer von morgen", heißt es am Ende des Clips, gefolgt vom neuen Slogan: "Das Beste, was ein Mann sein kann." Dagegen gibt es kaum etwas einzuwenden. Sollte man meinen.

Tatsächlich laufen viele Männer Sturm gegen den nur in den USA erschienenen Gillette-Spot Sturm und fürchten, dass ihnen nun auch die letzten Felle des Männlichkeitsbildes, mit dem sie groß geworden sind, wegschwimmen. Nicht einmal eine Woche nach seiner Veröffentlichung hat der Werbeclip bei Youtube mehr als eine Million Dislikes eingesammelt, während nur etwa halb so viele Daumen nach oben zeigen. Die Macher werden in den Kommentaren als "Feminazis" bezeichnet, seit einigen Tagen macht der Hashtag "toxicfemininity" die Runde - und der konservative FoxNews-Kolumnist Todd Starnes sieht einen "Krieg gegen die Männlichkeit" in vollem Gange und prophezeit, dass Gillette seine männlichen Kunden bald zur Beinrasur auffordern wird.

Gleichberechtigung hat Konjunktur

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"Manche Dinge verstehen Frauen eben einfach nicht?" Doch, tun sie wohl.

(Foto: Screenshot Youtube)

Dass wir Männer überhaupt eine Lektion brauchen, um den respektvollen Umgang mit anderen Menschen zu lernen, ist ja schon schlimm genug. Was mich aber so richtig erschreckt, sind die hysterischen Reaktionen im Netz - ich hatte wirklich gedacht, wir wären da schon eine Ecke weiter.

Wobei, wahrscheinlich sind wir das auch: Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre die Gillette-Werbung an den alten, weißen Männern im Aufsichtsrat gescheitert. Dass die, wie von einigen Nutzern vermutet, vor allem auf den Umsatz schielen, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Es bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Gleichberechtigung und der respektvolle Umgang mit dem anderen Geschlecht Konjunktur haben. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

Quelle: n-tv.de

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