Leben

In Vino Verena Trump - der Mann, der nicht gehen will

imago0079461765h.jpg

Trump kann sich noch nicht vorstellen, nicht mehr Präsident zu sein.

(Foto: imago/Sven Simon)

Was für ein US-Wahlkrimi! Die ganze Welt fiebert tagelang mit. Doch obwohl die Mehrheit der Wähler für Joe Biden stimmt, klammert sich Donald Trump nach wie vor an die Macht. Unsere Kolumnistin über den toxischen Mann, der Twitter liebt.

Schluss! Aus die Maus. Ich warte nicht länger! Keine Diskussion, heute, jetzt und hier wird die Kolumne geschrieben und ich tue jetzt einfach so, als wäre alles endlich entschieden. Die Leute über dem Großen Teich haben sich endlich entschieden, alle Stimmzettel sind gezählt und Donald Trump ist nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten. Sollte ich mich hier gerade - wider Erwarten - doch vergaloppieren, wird die Kolumne in vier Jahren noch einmal veröffentlicht.

In-Vino-Verena-Leser und -Leserinnen sind natürlich Füchse. Die wissen, dass eine Kolumne, die am Samstag erscheint, nicht erst am Samstag, sondern etwa zwei Tage (plus minus) vorher geschrieben wird. Es ist jetzt Freitagmorgen 3.30 Uhr und ich halte diesen Krimi einfach nicht mehr aus! Diese Amis machen mich seit Tagen wuschig und natürlich könnte ich jetzt auf meine Freunde hören, die mir raten: "Gottchen, dann schreibst halt über ein anderes Thema. Es gibt ja wohl Wichtigeres als die Präsidentschaftswahl in den USA."

Stimmt, damit haben sie natürlich recht. Ich könnte darüber schreiben, wie aberwitzig ich die Trumpsche Krakeelerei auf Twitter empfinde, wie bizarr seine Idee, die Auszählung von Millionen Stimmen am liebsten vorzeitig zu beenden oder dass ich heimlich davon träume, Trump so einen modischen Undercut zu verpassen, wie ihn aktuell unser Außenminister trägt (der ihm, damit man mich nicht falsch versteht, vorzüglich steht).

"Germany first" die Sonne genießen

trump.jpg

Werden wir dieses Bild vermissen??

(Foto: imago images/MediaPunch)

Ich könnte auch darüber schreiben - sorry, mir fallen in diesem Zusammenhang wirklich keine schmeichelnden Worte ein - wie gaga und undemokratisch ich das US-amerikanische Wahlsystem finde oder die Aussagen mancher deutschen Politiker, man könne sich von Trump eine ganze Menge abschauen, wie zum Beispiel: "Germany first". Man muss kein Fan von Joe Biden sein, um zu hoffen, dass die Demokratie zurück ins Weiße Haus zieht. Und ich könnte vermutlich ewig darüber debattieren, wie beängstigend es ist, dass es bei den Demokraten in den USA ganz offensichtlich keinen anderen Präsidentschaftskandidaten gegeben hat als diesen alten, zugegeben recht freundlich wirkenden Mann, dessen Politik auch nicht unbedingt zukunftsgerichtet ist. Gab es wirklich keinen Jüngeren, Charismatischeren, den man doch noch überraschend aus dem Hut hätte zaubern können? Okay, dafür ist Kamala Harris da.

Ich könnte auch darüber schreiben, dass ich manchmal nicht wusste, ob ich lachen oder heulen soll, wenn der wütende Mann mit dem orangefarbenen Haar seine eigenwilligen Ideen für mögliche Therapieansätze gegen das Coronavirus unter die Leute brachte. Bleich- und Desinfektionsmittel wären doch dufte. Oder einfach Aquarium-Reiniger schlucken. Ansonsten einfach die Sonne genießen. Eines Tages hätten wir über den Mann, der oft (oder im Grunde immer) wirkt wie seine eigene Parodie, gewiss schmunzeln können. Wären da nicht all die menschlichen, politischen und rhetorischen Entgleisungen sowie die Versuche, die Demokratie immer und immer wieder mit seinem autokratischen Gehabe zu unterwandern. Sein Gebaren, als stünde er über dem Gesetz. Ganz zu schweigen von der Abgabe seiner Steuererklärung, die er bis zum heutigen Tage schuldig geblieben ist.

Ich könnte auch darüber schreiben, wie menschenverachtend ich es fand, als er sich in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf nicht dafür entschuldigte, einst für fünf - als "Central Park Five" bekannte - minderjährige schwarze Jugendliche Anzeigen geschaltet zu haben, in denen er die Todesstrafe für sie forderte. Die Jungs wurden damals beschuldigt, eine Frau in New York City vergewaltigt und fast totgeprügelt zu haben. Bis ins hohe Erwachsenenalter saßen sie, wie viele andere unschuldige Häftlinge in den Vereinigten Staaten, für ein Verbrechen ein, das sie nicht begangen hatten. Später entlastet, erhielten sie Entschädigungszahlungen. Trump nannte diese Zahlungen "eine Schande".

"Berlin? Kenne ich nicht"

Was für ein Wahlkrimi! Ich bin jetzt unendlich müde. Aber ich glaube, wenn ich gleich einschlafe, werde ich von Amerika träumen. Und wenn ich das nächste Mal eine Kolumne schreibe, dann über all die Dinge, die ich an den USA so liebe. Die Weite der Landschaft, die breiten Gehwege und Straßen, die Hilfsbereitschaft der Amerikaner und vor allem, hey, das muss ich unbedingt noch heute, jetzt und hier erwähnen: die Konstruktion ihrer Supermärkte. Nix mit deutscher Enge und vollgestellten Gängen.

Wenn ich heute Abend kurz vor Ladenschluss noch schnell in den Discounter meines Vertrauens husche, tue ich einfach so, als wäre ich bei Trader Joe's am Sunset Boulevard. Ein blumiger Duft strömt mir am Eingang entgegen, ein Herr begrüßt mich lächelnd, ich schlendere zur Kuchentheke, wo mir die Verkäuferin eine Kostprobe ihres frisch gebackenen Bienenstichs reicht. An der Kasse steht zwar eine lange Schlange, aber niemand motzt. Schon gar nicht mit der Kassiererin. Und wenn ich dran bin, halte ich ein bisschen Small Talk, wenngleich ich der schlechteste Small Talker des Planeten bin. Oft ist in den letzten Tagen die Rede davon, Amerikas Gesellschaft sei tief gespalten. In der Schlange könnten also zur Hälfte Trump- und zur anderen Hälfte Biden-Wähler stehen.

Die Kassiererin fragt interessiert, woher ich komme. Ich antworte: aus Berlin. Berlin? Sie hat noch nie gehört von Berlin, dafür aber von München. Da singt plötzlich der Kassierer an der Nachbarkasse einen David-Bowie-Song und alle fangen an zu nicken und raunen: "Aaah, oooh, yes!"

So wie ich nach dem Ende dieser krimihaften Zitterpartie.

Quelle: ntv.de