Leben

Männer? Die Kolumne. Unzufriedene Kerle und die Tour de Wax

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Berichten zufolge lächelt bei der Enthaarung nicht jeder so selig.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Es ist Sommer, es ist heiß - und im Fernsehen herrscht gähnende Leere, weil die Tour de France verschoben wurde. Was das Ganze mit unzufriedenen Lesern und Waxing zu tun hat, müssen Sie unseren Autor aber schon selbst fragen.

Ich schreibe viel zu selten über echte Männerthemen. Finden echte Männer - oder zumindest die, die sich dafür halten. So wie Jim, der nicht Jim heißt, aber doch so ähnlich, und der hinter dem Titel meiner Kolumne arglistige Täuschung vermutet. Der eifrige Leserbriefschreiber fordert, sie doch besser in "Softie-Kolumne" umzubenennen, der Transparenz halber. Das ist eigentlich gar kein so schlechter Vorschlag, weil ein Softie laut Wikipedia das genaue Gegenteil eines Machos ist, was ich per se schon mal gut finde.

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Männlich: russischer Bartträger beim Waxen.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Allerdings fällt es mir zugegebenermaßen schwer, Vorschläge von einem Mann anzunehmen, der nach eigener Aussage beruflich Statistiken fälscht und eine politische Vertuschungsaktion wittert (Männerüberschuss mit Migrationshintergrund!), weil er auf Dating-Portalen keinen Erfolg hat - es bleibt also alles erstmal beim Alten. Gleichzeitig bin ich aber auch ein serviceorientierter Mensch, die Wünsche meiner Leser sind mir wichtig. Und deshalb - und um einen Kontrapunkt zu den haarigen Zähnen der letzten Kolumne zu bilden - geht es heute mal um ein waschechtes Männerthema: Waxing.

Aufs Haar gekommen

Ich habe mir das jetzt nicht ausgedacht, um die Jims dieser Welt zu ärgern, ganz im Gegenteil: Die großen Testosteronblätter der Bundesrepublik sind geradezu besessen von gründlicher Enthaarung. "GQ - das Männermagazin für Mode, Technik und Unterhaltung" nimmt Waxing mindestens einmal pro Jahr ins Blatt, zuletzt vor wenigen Tagen. "Men's Health" erklärt mindestens ebenso oft, wie der Rückenbehaarung am effektivsten und schmerzlosesten beizukommen ist. Und sogar der "Playboy" verrät dem interessierten Mann von heute, wie man "der Natur Grenzen setzt". Nur in der "Beef!" (Untertitel: "Männer kochen anders") stand noch nichts über Waxing, was aber wohl daran liegen dürfte, dass die meisten Steaks bereits gründlich enthaart sind, wenn sie auf dem Grill landen.

Während ich mich also die ganze Zeit "mit diesem Gleichberechtigungskram" auseinandergesetzt habe und dabei vor allem an die inneren Werte dachte, hat mich der kosmetische Teil der Emanzipation unbemerkt rechts überholt. Die Zeiten, in denen mehr Körperbehaarung automatisch mehr Männlichkeit bedeutete, sind endgültig vorbei - heute ist die Formel komplizierter und unterliegt saisonalen Schwankungen und modischen Trends. Das ist zwar anstrengender als früher, natürlich aber auch viel fairer, Frauen müssen sich damit schließlich schon viel zu lange alleine herumschlagen.

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Gibt's grade nur aus der Konserve: Tour de France.

(Foto: dpa)

Nun habe ich mir über Körperbehaarung bei mir selbst und anderen allerdings schon immer herzlich wenig Gedanken gemacht und bin mir auch jetzt noch nicht ganz sicher, ob ich dazu eine Haltung entwickeln muss, die über das Geschriebene hinaus geht - weswegen ich vorläufig darauf verzichte und das Ganze aufs Sommerloch schiebe, das mich in diesem Jahr ganz besonders hart getroffen hat.

Wo ist mein Sport?

Es soll ja Menschen geben, die mit dem Sommer nicht wirklich viel anfangen können, der Hitze wegen. Ich kann das verstehen, beim Anblick von eingeölten Sonnenanbetern an überfüllten Stränden muss ich auch immer an Dantes Inferno und die brennende Stadt Dis mit ihren glühenden Särgen und den armen Sündern darin denken. Dass ich den Sommer üblicherweise trotzdem zu schätzen weiß, liegt ganz maßgeblich an der Tour de France: Anderen Menschen (mit windschnittig epilierten Beinen) beim Schwitzen zusehen, selbst dabei im Schatten rumlungern und vielleicht sogar ein kühles Bier dazu genießen, das bereitet mir jedes Jahr aufs Neue unerklärlich große Freude.

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Dieses Jahr ist alles anders, gähnende Leere im Fernsehen, Schuld ist natürlich Corona. Zwar soll die Tour nun im September stattfinden, aber das ist nicht das Gleiche - und so, wie gerade die zweite Viruswelle auf dem Rücken der Sommerfrischler durch Europa reitet, habe ich berechtigte Zweifel daran, dass dieses Jahr überhaupt noch im großen Stil Rad gefahren werden kann. Über die Olympischen Spiele müssen wir an der Stelle wohl gar nicht erst reden.

Wer sich jetzt fragt, wie wir bitteschön von unzufriedenen männlichen Lesern über Waxing zu Sport gekommen sind, darf sich gerne vorstellen, wie mein Hirn in der TV-losen Gluthitze vor sich hin brodelt. Vielleicht kann ich es ja in ein paar Tagen bei der "Beef!" einreichen, als gewieftes neues Rezept: Niedertemperaturgaren ist unter echten Männern nämlich ein echter Dauerbrenner, hab ich mir sagen lassen. Vielleicht überlebe ich die Hundstage aber auch ohne größere kognitive Schäden, dann geht es nächsten Monat wieder um die Dinge, die zumindest ich für echte Männerthemen halte: Offenheit, Empathie, Toleranz und den Weg zu echtem und gesundem Selbstbewusstsein. Männern wie Jim wird das wahrscheinlich nicht gefallen, aber steter Tropfen höhlt den Stein - und um mich doof zu finden, muss man mich auch lesen.

Quelle: ntv.de