Leben

Männer? Die Kolumne. Liebe und Hiebe in Zeiten von Corona

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Definitiv die bessere Option.

(Foto: imago images/Eckhard Stengel)

Millionen von Paaren sind seit Wochen zusammen eingesperrt, es ist ein großer Stresstest für Beziehungen weltweit: Was passiert mit der Liebe, wenn wir uns nicht mehr aus dem Weg gehen können? Unser Kolumnist hatte großen Respekt vor dem gemeinsamen Alleinsein und ist positiv überrascht.

In meiner allerersten Männer-Kolumne für ntv.de habe ich darüber geschrieben, wie hart eine Fernbeziehung sein kann, wenn man frisch verliebt ist. Das ist mittlerweile ziemlich genau anderthalb Jahre her, und was ich damals nicht für möglich gehalten hätte: Ich liebe die Frau, über die ich geschrieben habe, heute sogar noch ein bisschen doller. Wir haben zusammen jede Menge Abenteuer erlebt, sind immer wieder durch tiefe Täler gewandelt, die meiste Zeit haben wir uns aber auf dem Sonnendeck des Lebens geräkelt. Nach jedem Beziehungssturm, den wir gemeinsam durchgestanden haben und jedem schönen Erlebnis, das uns noch enger zusammenschweißte, wurde mir klarer, dass ich sie gefunden hatte, die Frau meines Lebens.

Eine große Frage schwebte indes die ganze Zeit über unseren Köpfen: Was würde passieren, wenn aus der Fern- eine Alltagsbeziehung werden und uns keine 270 Kilometer mehr voneinander trennen? Würden die tägliche Abwaschroutine, der Streit ums abendliche Fernsehprogramm und die Frage, wer das Bad saubermacht, den Zauber jäh beenden? Und noch viel wichtiger, jedenfalls für mich: Würde ich in unserem gemeinsamen Zuhause überhaupt noch den Raum und die Alleine-Zeit bekommen, die ich so dringend für mein Wohlbefinden brauche?

Wer nichts wagt, der nichts gewinnt, sagten wir uns und beschlossen, unsere zweijährige Fernbeziehung in einer brandenburgischen Kleinstadt zusammenzuführen, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Berlin. Ich ging im Januar schon mal vor, um den Boden zu bereiten und in Ruhe nach einer schönen Bleibe für unsere gemeinsame Zukunft zu suchen. Ungefähr zeitgleich schwappten die ersten Meldungen über ein neuartiges Virus durch die Nachrichtenticker, das im fernen China wütete. Ich schenkte den Berichten wenig Beachtung, Wuhan war weit weg und ich hatte besseres zu tun. Zum Beispiel die Zweiraumwohnung einzurichten, die ich für die Übergangszeit angemietet hatte: 60 Quadratmeter, mehr als genug Platz für mich alleine - und immerhin aushaltbar, wenn meine Freundin für ein paar Tage zu Besuch käme.

Fest der Hiebe

Ein Vierteljahr später sitze ich auf meiner Wohnzimmercouch und schreibe an dieser Kolumne, während sie in der Küche auf und ab wandert und abwechselnd mit Mitarbeitern und Kunden telefoniert. Die Corona-Krise hat uns zu einem Sozialexperiment gezwungen, das wir uns normalerweise wohl erspart hätten: Seit fast vier Wochen leben und arbeiten wir in meiner kleinen Wohnung in Wittenberge. Und während 60 Quadratmeter für einen Single-Haushalt eine ziemlich gute Größe sind, sieht die Sache doch ganz anders aus, wenn man in ihnen 24 Stunden am Tag miteinander verbringt - ohne die Chance, sich aus dem Weg zu gehen und mit einer der schwersten Krisen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Hintergrund. Was ja schon für sich gesehen emotional nicht ganz so einfach zu wuppen ist, wie wohl gerade so ziemlich jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

In China, wo sie uns pandemietechnisch grob geschätzt drei Monate voraus sind, sind die Scheidungsraten während der Quarantäne-Maßnahmen jedenfalls sprunghaft in die Höhe geschossen, Fälle von häuslicher Gewalt verdreifachten sich. "Als Folge der Epidemie hocken viele Paare über einen Monat ununterbrochen zu Hause aufeinander, was viele unterschwellige Konflikte hervorbringt", hieß es vonseiten der chinesischen Behörden bereits Anfang März, ähnlich schlimm sei es normalerweise nur zum chinesischen Neujahrsfest. Wir kennen das Phänomen von Weihnachten, in manchen Familien ja eher ein Fest der Hiebe als eins der Liebe.

Dass meine Freundin und ich uns nach einem guten Monat in Isolation immer noch nicht geprügelt haben, werte ich also schon mal als gutes Zeichen. Noch besser ist wahrscheinlich, dass wir trotz erzwungener Nähe nicht am Partnerschaftskoller leiden, was uns nach erfolgreich überstandener Pandemie automatisch für eine längere Dienstzeit auf einem U-Boot oder der Internationalen Raumstation qualifizieren dürfte.

"Immer auf Sendung"

Das heißt natürlich nicht, dass es nicht immer wieder ächzt im Beziehungsgebälk. Menschen sind nun mal einfach nicht dafür gemacht, so lang am Stück aufeinanderzuhocken. "Die Distanzregelung ist durcheinandergekommen", beschreibt der Paartherapeut Wolfgang Krüger im Gespräch mit der Deutschen Welle das Problem, das entsteht, wenn der andere "zu viel da ist und obendrein vielleicht immer auf Sendung". So gesehen ist die aktuelle Krise also nicht nur für meine Freundin und mich die Probe aufs Exempel, sie ist vielmehr ein gigantischer Stresstest für Beziehungen weltweit.

Bestehen kann diesen Test in meinen Augen nur, wer lernt, ordentlich und auf einer Ebene miteinander zu kommunizieren und bei auftretenden Problemen nicht direkt die Flucht nach vorne oder zur Seite (je nach Charakter) anzutreten. In meiner Erfahrung tun sich aber vor allem Männer immer noch schwer damit, ihre Gefühle offen darzulegen und über die vielen Ängste zu reden, die eine Krise wie die jetzige nun mal so mit sich bringt. Dabei schafft genau diese Ehrlichkeit eine ganz besondere Art von Nähe und schweißt uns als Paare noch enger zusammen. Wer das schafft und gleichzeitig trotz räumlicher Nähe das Distanzbedürfnis befriedigt, dem steht trotz oder vielleicht gerade wegen der Quarantäne eine richtig schöne Zeit bevor: "In Zeiten der Not und Angst steigt das sexuelle Bedürfnis", sagt Paartherapeut Krüger. Und "Sexualität ist die beste Möglichkeit, Angst zu vertreiben."

Quelle: ntv.de