Leben

Sven Marquardt und die Tänzer "Wahnsinn, was für Körper!"

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Längst ist aus dem Türsteher des Berghain ein angesehener Fotograf geworden.

(Foto: imago images/Emmanuele Contini)

So viel Metall im Gesicht, so viele Tattoos, auf Fotos gern ein harter Blick. Der aber, sobald die Kamera weg ist, in ein herzliches, fast befreites Lachen mündet. Sven Marquard nimmt sich selbst gar nicht so ernst, der berüchtigte Türsteher des Berghain, der jetzt eine Fotoausstellung im Berliner Friedrichstadt-Palast hat und im Gespräch mit ntv.de erstaunlich nachdenklich ist.

ntv.de: Wie geht es Ihnen in der aktuellen Situation?

Sven Marquardt: Ach, ich habe angefangen, alles in ganz anderen Zeitfenstern zu planen. Das ist am besten, glaube ich.

Wie genau? Eher so "Carpe Diem" oder "Mal sehen, was kommt"?

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Marquardt fotografierte die Tanzenden des Friedrichstadt-Palastes.

(Foto: imago images/Ulli Winkler)

Das ist schon eine krasse Zeit momentan. Das krasseste Ende März war wohl, urplötzlich keine Perspektiven mehr zu haben. Clubtüren geschlossen und alle fotografischen Projekte abgesagt. Vollbremsung sozusagen. Als mich Berndt Schmidt vom Friedrichstadt-Palast angerufen hat, hat mich das schon sehr aufgebaut. Wir hatten beide so Visionen. Im März/ April gab es eine Kampagne, da stand auf den Plakaten "Berlin - we miss you!", fotografiert von Kristian Schuller. Und das habe ich auch ganz stark so empfunden. Da ging es um Melancholie, um die Frage, was ein Entertainer ohne sein Publikum ist, ohne den Applaus. Das fand ich gut und ich habe mal kommuniziert, dass ich mir Fotos in der Richtung auch vorstellen kann (lacht). Aber ich bin von der Frage abgekommen: Ich habe wieder als Gastdozent angefangen, ich habe diese Ausstellung hier, ich habe ein Projekt in Beelitz-Heilstätten draußen - hoffentlich. Für 2021 aber steht noch nicht so viel in meinem Kalender und das ist neu! Das ist völlig neu, diese Auseinandersetzung mit der Zeit. Auch die Frage, wie viel Zeit einem noch bleibt.

Macht Ihnen das Angst? Oder genießen Sie freie Zeit, weil Langeweile auch kreativ macht?

Ich glaube, die Gedanken sind mit Ende 50 tatsächlich anders. Mein Jahr wird trotz dieser furchtbaren Zeit für die ganze Welt mit tollen Projekten zu Ende gehen. Für mich persönlich steht eine große Dankbarkeit am Schluss. Der Gedanken an die Zukunft macht mir dennoch ab und zu Angst, ja.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Friedrichstadt-Palast zustande gekommen?

Ich habe eine Mail bekommen, ob ich nicht Lust hätte, das Tanzensemble des Friedrichstadt-Palasts zu fotografieren. Ich habe letztes Jahr an der Staatsoper Hannover das Ensemble fotografiert, das war meine erste Arbeit dieser Art. Aber da gab es eine konkrete Verwendung: die neue Kampagne für die Spielzeit und das Heft. Das war hier jetzt natürlich anders: Berndt meinte, vielleicht machen wir ein schickes Coffee Table Book, das wir unseren Stammgästen zu Weihnachten schicken (lacht), und das fand ich auch 'ne tolle Idee. Ein Experiment! Und dann haben wir C/O Berlin noch dazugewonnen, ich kannte Felix Hoffmann als Kurator schon. Es gibt für mich keinen besseren Ort für Fotografie.

Sie im Friedrichstadt-Palast und nicht im Berghain ist aber auch ein gewöhnungsbedürftiger Anblick - hier glitzernde Show, da verruchter Underground.

Ja, aber die Bühne hier ist der Hammer. Und diese ganze Ost-Prunk-Architektur ist auch großartig, fast schon wieder retro. Ich bin echt froh, dass das hier stehengeblieben ist! Als der Palast der Republik abgerissen wurde, ist das irgendwie ein bisschen an mir vorbeigegangen. Ich war nur feiern und hab' mich tätowieren lassen (lacht), hab' mich einfach noch nicht so für Fotografie interessiert. Aber ich hab' mir hier eine Show angeguckt, als das noch ging, und mich richtig auf den Abend gefreut, denn Thierry Mugler hat hier Kostüme gemacht und Jean-Paul Gaultier und ich dachte schon, dass das toll ist, wie die sich international öffnen. Und als wir dann "Vivid" gesehen haben, war das ein richtig toller, unterhaltsamer Abend. Man ist nach Hause gefahren und hatte ein schönes Gefühl.

Man wird ja auch wieder ein bisschen dankbarer und weiß zu schätzen, was man alles schon machen und erleben konnte, oder?

Auf jeden Fall. Aber manchmal ärgere ich mich, dass ich auch Zeit in meinem Leben vertrödelt habe. Ich kann zum Beispiel nicht tanzen. Als ich diese Hochleistungssportler jetzt fotografiert habe, ist mir klar geworden, was die da jeden Tag machen, Wahnsinn, was für Körper! Und als ich in Australien war und die Surfer fotografiert habe, da habe ich auch nur gedacht, Hut ab! Da hat sich das Lebensgefühl ganz direkt vermittelt, die suchen die Freiheit. Das ist vielleicht ein bisschen zu vergleichen mit Berlin in den Neunzigerjahren.

Sich in eine Welle zu schmeißen?

Ja genau.

Mit der Konsequenz, sein Leben eventuell verlieren zu können, wenn man nicht aufpasst.

Ja, das kann passieren, in beiden Wellen. In Australien kriegt man aber eine Warnung: Das Wasser ist heute sehr "sharky" (lacht).

Sie haben gesagt, Sie hätten Zeit vertrödelt, wie meinen Sie das?

Ich habe jahrelang zu wenig Sport gemacht, jetzt aber wieder intensiver. Und ich frage mich natürlich, warum ich meinen Arsch nicht schon früher hochgekriegt habe. Na ja, besser spät als nie.

Woran erkenne ich eigentlich einen Künstler?

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Ein Künstler unter Künstlern, mit ähnlichen Ängsten.

(Foto: imago images/Ulli Winkler)

Würden Sie denken, dass ich ein Künstler bin, wenn Sie mich sehen?

Schwer, darauf vorurteilsfrei zu antworten, aber ja, logo. So ganz Lieschen-Müller-mäßig würde ich auf jeden Fall denken, dass Sie ein Künstler sind. Am Objektiv und an der Tür.

(lacht) Naja, nix gegen Lieschen Müller. Hatten Sie da eben einen Berghain-Aufkleber auf Ihrem Handy? Hab' ich doch gesehen.

Ja, klar, keine Fotos! Ihrem Auge entgeht nichts. Im Berghain ist ja auch eine Ausstellung, aber noch mehr als die Kunst dort hat mich der Geruch umgehauen. Es riecht sehr doll nach Club.

Das ist auch eine tolle Ausstellung dort. Der Rundgang dort und dann im Garten - das war für mich ein echt melancholischer Moment. Die Räume haben natürlich eine komplett andere Seele jetzt. Es war ein bisschen wie das Ende einer Ära und ein Neubeginn. Das ist eine Wahnsinns-Ausstellung, das haben die toll hinbekommen, da hängen Sachen drin, wow! Und wie schnell die das hingekriegt haben, da basteln große Museen manchmal zwei Jahre dran rum.

Mir war es fast ein bisschen zu viel - zu viel Emotion, zu viel Information, das muss man dann erstmal verarbeiten.

Ja, das ist 'ne Menge, was da auf einen einprasselt, kenn' ich.

Können die Bilder aus dem Friedrichstadt-Palast eigentlich ins Berghain wandern?

Nee, das sehe ich nicht, die hängen hier doch sehr gut!

Neben Berlin - was wäre Ihre Stadt?

New York. Aber das hat sich nicht ergeben. Und jetzt weiß ich nicht, ob diese Stadt noch schaffen würde. Also, da zu leben. Für diese Challenge bin ich vielleicht zu alt. In einer anderen Zeit wäre es die Herausforderung gewesen. Diese Stadt verschluckt einen, hat aber eben auch diese starke Faszination. Und dass da jetzt viele Leute ihre Sachen packen, packen müssen - das berührt mich. Dort wird es jetzt richtig existenziell: Weltwirtschaftskrise, Pandemie - und sie haben Trump. Ich kenne einige, denen das echt zu viel ist, die können nur noch weggehen.

Ist es für Sie ein Problem, nicht mehr so frei reisen zu können im Augenblick?

Schon, ja. Ich habe diese Freiheit ja tatsächlich erst in den letzten Jahren so richtig kennenlernen und auskosten dürfen, durch Einladungen und Ausstellungen bin ich echt ganz gut rumgekommen. Dafür bin ich sehr dankbar, weil das meinen Horizont echt erweitert hat. Berlin ist toll, keine Frage, hier lebt meine Familie, meine Freunde, aber das Reisen fehlt mir doch sehr. Oder vielleicht auch nur das Gefühl, es theoretisch jederzeit zu können!

Sind wir an einer Art Zeitenwende angelangt? Wir funktionieren irgendwie, wir funktionieren uns um, Räume, Jobs, Leben - also, ich bin unruhig …

Auf jeden Fall, vollkommen einverstanden. Wenn man arbeitet und abgelenkt ist, durch Projekte, dann kommt man bei sich an, aber ansonsten muss ich sagen: Diese Unruhe kenne ich sehr gut. Ich bin ja unter anderem durch meine Dozentenstelle in Florenz immer an jungen Leuten dran gewesen, so etwas fehlt mir außerordentlich. Klingt vielleicht nach Luxussorgen …

Naja, wenn man sein Leben gemocht hat, dann hoffte man einfach, dass das jetzt so weitergeht. Ist ja nicht verwerflich.

Man kann auf vieles verzichten, wenn man weiß, dass die Dinge sich wieder normalisieren. Das Schwere ist nur: Es weiß ja derzeit keiner.

Mit Sven Marquardt sprach Sabine Oelmann

Der Eintritt in die Ausstellung ist frei, eine Anmeldung für ein Zeitfenster ist sinnvoll.

Mehr Fotografie im Rahmen des EMOP (European Month of Photography) gibt es bis zum 31. Oktober

Quelle: ntv.de