Leben

One Woman Show* Wann ist man** erwachsen?

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"Volver" - zurückkehren, das wäre schön. (Carmen Maura und Penelope Cruz)

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Ist man erwachsen, wenn man 18 ist? 21? Verheiratet? Einen Job hat? Eine Wohnung? Wenn ein Elternteil gestorben ist? Wenn man Kinder hat? Seine Rechnungen allein bezahlt? Oder wenn man seinen Eltern nichts mehr vorwirft, vor allem nicht im TV?

Kurz bevor meine Mutter starb, fragte ich sie noch ein paar offene Themen ab, denn ich musste es unbedingt wissen: "War Papa dein einziger Mann?" Sie lächelte. Ich werde es nie erfahren. "Bin ich dein Lieblingskind?" Sie lächelte wieder und sagte: "Du bist meine Lieblingstochter." Easy, ich habe einen Bruder. "Aber du warst eine gute Tochter." Ich schluckte. Ich weiß, dass das nicht immer stimmte. Als wir damals, ich war 18, 19 Jahre alt, ein Jahr nicht miteinander sprachen, da war ich keine gute Tochter. "Ich war aber auch keine so perfekte Mutter", ergänzte meine Mutter, "wir haben es beide nicht hingekriegt in diesem Moment". Wir hatten uns gestritten, warum auch immer; ich teilte meinen Eltern mit, ich würde ausziehen, sie sagten, das werden wir ja sehen, dann zog ich aus, zack, Ende der Fahnenstange, keine Kohle, keine Liebe, jedenfalls nicht offensichtlich.

Zum Glück hatte ich Großeltern, die meine Eltern in ihrem bockigen Verhalten albern fanden, die anderen Großeltern fanden mich saublöd. Am Ende jedes Monats ging ich zu den erstgenannten Großeltern, mich durchfuttern und einen Zwanni für Katzenfutter abzocken, nach ungefähr einem Jahr saßen meine Eltern und ich wieder am Tisch miteinander, als wäre nie etwas gewesen. Allerdings nur am Wochenende, ich war ja ausgezogen. Und hatte überlebt.

Es ist mir wieder eingefallen, warum wir stritten: Es ging darum, was ich mit meinem Leben gedachte anzustellen. Ich sah mich reisen (damals hieß das noch nicht Gap-Year) und reisen war eher gleichbedeutend mit "rumlungern". Ich arbeitete in einem angesagten Café in Berlin-Charlottenburg (ja, das gab es damals!) und fand alles prima so. Ich sollte aber zur Bank, wie mein Vater. Er arrangierte einen Einstellungstest, ich gab mir große Mühe, durchzufallen. Sie wollten mich trotzdem. Ich war erledigt. Ich flehte und handelte, ich war bis vor einiger Zeit doch so eine Top-Tochter gewesen, diese Ausbildung würde mich ins Unglück stürzen.

Faltenrock und BMW

Sie hatten Erbarmen. Und ich machte nun eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Nach der Probezeit war ich weg, es tat mir ehrlich leid, aber ich war das nicht. Ich schrieb mich an der Uni ein. Meine Eltern fanden das vollkommen überflüssig, schließlich wusste ich als Kind schon nicht, ob ich lieber Flöte oder Gitarre lernen wollte. Was soll ich sagen, Klavier wäre es gewesen, aber diese Anschaffung fanden sie albern, wussten sie doch am besten, wie unstet ich war. Und bleiben sollte. Sie hatten ja recht, diese Eigenschaft hat sich in vielen Lebensbereichen bei mir fortgesetzt, über viele Jahre.

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Familienbande, immer kompliziert, aber nie hoffnungslos, sollte man meinen!

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Aber - es muss in der Mitte meiner Dreißiger Jahre gewesen sein - eines Tages entschuldigte sich mein Vater bei mir dafür, was er mir alles hatte aufdrücken wollen. Hatte er mir zu meinem 25. Geburtstag noch gesagt, dass ich jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stellvertretende Filialleiterin wäre oder irgendwo anders auf der Welt mit der lustigen PR-Abteilung des Unternehmens, dass ich mir jetzt einen neuen BMW leisten könnte und bestimmt einen netten Kollegen kennengelernt hätte, gestand er mir eben zehn Jahre später: "Du hast das sicher richtig für dich entschieden, das wäre alles nix für dich gewesen. Tut mir leid, dass ich so engstirnig war." Ich war baff. Mein Vater, der bestimmt stolz gewesen wäre, wenn ich mich nicht ganz blöd angestellt hätte und in seine sehr großen Fußstapfen hätte treten können, der sagte mir nun also, dass alles ganz gut gelaufen ist. Und auch meine Mutter, die mir extra einen dunkelblauen Faltenrock für den Ausbildungstest zur Bankkauffrau gekauft hatte, war vollkommen versöhnt mit mir. Lag es an den Enkeln? Lag es daran, dass ich recht zuverlässig arbeitete und den Eindruck erweckte, mein Job könne mir sogar Spaß machen? Lag es an ihrer Altersmilde?

Plötzlich erwachsen?

Man weiß es nicht. Ich fragte meine Mutter also vor fast vier Jahren, wer denn den ersten Schritt gemacht hatte damals, damit wir uns wieder versöhnen, ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, es war ja auch immer wieder irgendwas Neues in den Jahren dazwischengekommen: "Na, ich natürlich", sagte meine Mutter, "ich konnte das doch nie lange aushalten, wenn wir uns gestritten haben. Außerdem ist es asozial, wenn in Familien nicht miteinander geredet wird."

Und da war mir schlagartig klar: Ich war nun erwachsen. Ich bezahlte meine Rechnungen schon lange selbst (meist jedenfalls), ich hatte Kinder, war verheiratet und geschieden und verheiratet, ich konnte drei Gerichte kochen und meine Mutter hätte wirklich nicht sterben müssen, damit ich endlich erwachsen werde. Sie tat es leider trotzdem, fast umgehend. Dass ich aber mit meinen Eltern redete, als wären wir alle erwachsen, dass wir Fehler eingestanden, uns entschuldigten, wieder stritten, uns versöhnten, anderer Meinung waren, dann bockig und dann doch wieder Partys machten - das war eindeutig das, was auch für meine Kinder und mich galt. Ich war bereits seit einiger Zeit in der Mitte angekommen. Ich war Tochter und Mutter. In meinen Augen: Erwachsen.

Nachtrag: Das, was ich am letzten Wochenende im Fernsehen gesehen habe, das war Kinderkacke. Zwei wohlhabende, angesehene Menschen, die eigentlich den ganzen Tag "danke" sagen müssten (ja, auch wenn sie Stress mit ihren Eltern hatten, auch wenn Elternteile verstorben sind, auch wenn es Menschen gibt, die nicht auf sie stehen) jammerten öffentlich darüber, wie falsch sie verstanden wurden. Werden. Wie sie nicht erkannt wurden. Werden. Wie furchtbar ungerecht die Welt zu ihnen war. Ist. Was tatsächlich schlimm ist, dass diese beiden jungen Menschen so denken, denn an anderen Stellen der Welt ist diese doch noch viel ungerechter! Diese beiden Mimimis sollten mal arme Waisen, Mädchen, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben oder von Verwandten verkauft werden, fragen, was die so am ungerechtesten finden.

Es ist genau so, wie meine Mutter es mir gesagt hat: Wenn Familien streiten, dann ist das asozial. Wenn es nicht gelingt, die Hand auszustrecken. Wenn man sich in der Opferrolle einrichtet und das wärmste Gefühl, das einem entgegengebracht wird, Mitleid ist. Wenn man sich für klug hält, aber nur bauernschlau ist. Dann ist man nicht erwachsen. Und wie das so ist, nicht erwachsen zu sein, weiß nun dank Harry und Meghan die ganze Welt.

* Die One Woman Show geht doch weiter

**frau natürlich auch, aber ich halte dieses "man" ganz oldschool aus

Quelle: ntv.de

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