Leben

Aus der Schmoll-Ecke Warum Eisbären den Bahn-Chef doof finden

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Was wohl die Eisbären den Autofahrern dieser Welt sagen würden?

(Foto: imago/imagebroker)

Unser Kolumnist ist bekennender Autofanatiker. Autobahn ohne Tempolimit ist ganz sein Ding. Deshalb gehört er vor den Internationalen Gerichtshof: wegen Beteiligung am Klimawandel. Die Bahn macht ihm den Umstieg allerdings auch schwer, wie seine jüngste Fahrt Berlin - Frankfurt zeigt.

Freunde der Eisbären, Wanderalbatrosse, Gelbfußfelskängurus und andere Klimawandeltodeskandidaten müssen jetzt ganz tapfer sein. Oder besser das Lesen sein lassen. Einmal mehr beginne ich die Kolumne, diese putzige samstägliche Niederschrift von Erlebnissen meines verkorksten Lebens, mit einem Bekenntnis: Ich bin schuldig! Jawoll, ich bin einer der Hauptverantwortlichen dieses wettertechnischen Ungemachs, das wir Industriezeitalter-Menschen gerade erleben. Das übrigens auch Vorteile hat, weil die Deutschen dadurch fortgesetzt Grund zum Jammern und Meckern haben: Hach, dieser Sommer! Hach, Rudi, wann wird mal wieder richtig Sommer! Hach, diese Kälte! Hach, diese Hitze! Hach, dieser Schnee! Hach, diese Lawinen! Hach, diese Schlammlawinen! Hach, dieses Insektensterben! Hach, diese Mücken! Et cetera.

Nun aber raus damit, warum ich nach Den Haag vor den Internationalen Gerichtshof gehöre: Ich fahre total gerne Auto. Jawoll. Richtig gelesen. Ich liebe es, vor allem auf der Autobahn ohne Tempolimit zu fahren. Keine 200, aber 160. Nicht, weil ich gerne warme Winter, wüstenhafte Hitze, Lawinen oder tote Eisbären, Wanderalbatrosse oder Gelbfußfelskängurus mag. Sondern weil ich ein bequemer alter Sack bin, der sich gerne ins Auto hockt und dann endlich mal wieder Gelegenheit hat, eine Händel-Oper, in denen stets das Gute über das Böse siegt, durchzuhören. Das Leben im Auto kann schön sein. Man ist drin - und draußen ist der bescheuerte Rest.

Schade, dass man nicht mit dem Auto in U-Bahnhöfe fahren und umsteigen kann. Vielleicht ist das ja eine Geschäftsidee, Parkhäuser direkt in U-Bahnhöfe zu bauen. So sind es nur wenige Tage im Jahr, an denen ich mir selbstbeschwörend zurufe: Junge, nimm A: Vernunft an! Und B: die öffentlichen Verkehrsmittel! Rette die Eisbären, Wanderalbatrosse und Gelbfußfelskängurus! Wir haben doch nur diese eine Welt! Und Berlin hat doch so einen tollen öffentlichen Nahverkehr. Dann lasse ich mich von mir breitschlagen und nehme tatsächlich U- und S-Bahnen.

Schreckliche Musik inklusive

Um dann sofort größtmögliche Sehnsucht nach meinem Auto zu bekommen, weil mir schreckliche Musiker schreckliche Musik vorspielen. Kaum hat der Gitarre spielende Sänger sein Werk vollendet, kommt schon der Akkordeonspieler und zwingt mich, den Dieter Bohlen zu machen: ​"44 Fahrgäste sagen NEIN. Leidest du an Intelligenzallergie oder was hast du an 44 Mal NEIN nicht verstanden?" Nee, rufe ich natürlich nicht. Sonst bekäme ich Ärger mit Menschen, die moralisch über mir stehen. Zum Glück gibt es das Smartphone, in das man - oder frau - krampfig schauen kann, wenn der Musiker und der Verkäufer der neusten Obdachlosenzeitung mit der Titelgeschichte "Klimawandel - braucht unsereins bald keine Schlafsäcke mehr im Winter?" - an einem vorbeiläuft und Geld will.

Fernzüge wiederum nutze ich. Rund drei Mal im Jahr. Denn ich fahre gerne Bahn. Ehrlich. Da nerven keine Musiker und Obdachlosenzeitungverkäufer. Das ist kein Widerspruch zu meinen bisherigen Ausführungen. Allein: Die Bahn ist unbezahlbar und oft nicht zu gebrauchen. Dieser Tage wollte ich ein Ticket für München buchen, früh hin und am selben Tag abends wieder zurück. Hatte ich doch von der neuen Supertrouperhammerschnellstrecke Berlin - München und die Worte von Bahnchef Richard Lutz gehört: "Eben noch in Bayern, jetzt in Berlin. Mit diesem Tempo sind wir gegen das Auto unschlagbar." Prima!

Ich gab also bei bahn.de meine Daten ein. Bei Rückfahrt erschien: "Bitte geben Sie das korrekte Geburtsdatum der Reisenden ein - dies ist erforderlich für die Preisberechnung des Auslandstarifs (es gelten länderspezifische Altersgrenzen)." Ich wusste es: Herr Lutz ist ein Visionär! Sein Büro ist in Berlin, wo man Bayern allgemein schon heute als Ausland betrachtet. Und wenn das so weitergeht mit Europa, dann werden sich Bayern und Sachsen sowieso vom Rest Deutschlands abspalten und einen Staat mit Katalonien oder Schottland gründen.

Zurück sollte es über Mannheim gehen. Die Webseite zeigte "Sparschiene Nightjet" an. Sparen, wie schön! "20:44 München Hbf 23:45 Mannheim Hbf" - Ankunft in Berlin um 7.49 Uhr. Echt jetzt??!! Ich will aber nicht im Zug pennen. Preis: 225,70 Euro. Echt jetzt?! Hatte mich die "Sparschiene" aufs falsche Gleis geführt? Kann nicht sein. Also wiederholte ich den Vorgang - und landete wieder auf "internationale Buchung". Mannheim über Prag nach Berlin? Ich sollte wieder mein Geburtsdatum eingeben. "Entschuldigung, es ist ein technischer Fehler aufgetreten. Bitte prüfen Sie Ihre Daten und versuchen Sie es später erneut."

Für ein bisschen mehr Komfortzeit

Versucht habe ich es dann nochmals - jedoch bei Easyjet. Knapp unter 100 Euro am selben Tag hin und zurück. Gebucht. Sorry, Eisbären, Wanderalbatrosse, Gelbfußfelskängurus. Tut mir leid für euch. Zu meiner Ehrenrettung werde ich in Den Haag vorbringen, dass ich auch anders kann. Neulich war ich mit der Bahn in Frankfurt am Main. Beruflich. Ich hatte das Laptop dabei und mich extra vor der Abreise auf bahn.de informiert, wie es um das Internet im ICE steht. Deutschland, voll digital, Fortschritt und so. Zur 2. Klasse informiert die Bahn: "Das neue WLAN im ICE - kostenlos und zuverlässig surfen, mailen oder chatten. Jetzt können Sie auf der gesamten Reise einfach surfen und kommunizieren. Wer das Angebot jedoch zu intensiv nutzt, surft zugunsten der anderen Fahrgäste mit niedrigerer Geschwindigkeit weiter."

Ich packte mein Laptop aus. Ein paar Meter vor meinem Platz prangte das WLAN-Zeichen und erinnerte mich daran, dass ich in die Zukunft fahre. Ein Monitor verkündete "mehr Komfortzeit", Reisende sollten die "neuen" Serviceangebote nutzen. Eine freundliche Stimme verkündete, wegen technischer Probleme könne kein Kaffee verkauft werden. Zum Glück hatte ich mich schon im Starbucks versorgt. Über das Internet sagte die freundliche Stimme nichts. Nach 45 Minuten war ich endlich verbunden. Aber es war so langsam, dass ich meinen Googlemail-Account nicht öffnen konnte. Ich dachte: Bitte, bitte, ich will doch nur ein zweiseitiges Word-Dokument herunterladen, das mir am Morgen geschickt worden war. Nix da.

Wie hieß es doch gleich auf der Webseite? "Wer das Angebot jedoch zu intensiv nutzt, surft zugunsten der anderen Fahrgäste mit niedrigerer Geschwindigkeit weiter." Ich war garantiert nicht der Schuldige. Für ein bis drei Sekunden zeigte der WLAN-Balken volle Stärke an. Aber es reichte nie, meinen Mail-Account vollständig zu öffnen. Ich träumte von einer Durchsage: "Liebe Fahrgäste, bitte mal alle aus dem Internet gehen, damit Herr Schmoll sein Word-Dokument runterladen kann."

Ab Erfurt fehlte es nicht mehr nur an Kaffee. "Betroffen sind alle Heißgetränke", sagte die freundliche Stimme. Kurze Zeit später fiel die Heizung teilweise aus. Es wurde um die Beine rum arschkalt. Mein überaus netter Nachbar rechts neben mir sagte: "Das ist der holistische Ansatz der Bahn." Das war ein prima Witz. Irgendwann ließ mich der überaus nette Nachbar mir gegenüber in sein Internet. Ich hätte ruhig früher fragen können, sagte er. Zahlt sein Arbeitgeber. Danke nochmals!

Gute Laune trotz Dauerfrust

Was aber am Ende zählte: Hin und zurück - beide Züge waren tippi-toppi-pünktlich. Respekt, liebe Bahn. Außerdem fällt die unglaubliche Freundlichkeit des Zugpersonals auf. All die Schaffner schaffen es immer wieder, dass ich die Bahn mag. Ich weiß nicht, wie die das schaffen, stets höflich und freundlich zu bleiben, zumal sie permanent den Frust ihrer Gäste abkriegen für Dinge, für die sie absolut nichts können.

Ich bin sicher: Lokführer, Zugbegleiter, Mitarbeiter in der Auskunft müssen genauso wie Eisbären, Wanderalbatrosse, Gelbfußfelskängurus total wütend, stinksauer und was weiß ich nicht alles auf Herrn Lutz und das übrige Top-Management sein, weil sie ausbaden müssen, was diese Leute verbocken und nicht auf die Reihe kriegen. Zu meiner Hamburger Zeit bin ich dreieinhalb Jahre permanent mit der Bahn gependelt. Da war kein einziger patziger Schaffner dabei. Aber leider ist die Strecke inzwischen absurd teuer geworden. Dann lieber doch Auto und Georg Friedrich Händel. Sorry, liebe Eisbären, Wanderalbatrosse, Gelbfußfelskängurus. Wir sehen uns in Den Haag. Bis dahin: Beschwert euch bei Herrn Lutz!

Quelle: n-tv.de

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