Leben

"Was habe ich falsch gemacht?" Wenn Eltern nicht mehr weiterwissen

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Bei bestimmten Störungen reicht ambulante Therapie nicht aus.

Elternschule

Sie schreien 14 Stunden am Tag, verweigern das Essen, kratzen sich blutig oder schlafen keine Nacht durch: Die kleinen Patienten im Film "Elternschule" treiben ihre Eltern zur Verzweiflung. Eine radikale Therapie verspricht Besserung.

Die Mutter ist ganz offensichtlich verzweifelt. Blass, müde und wütend sitzt sie auf der Couch. Wenn sich diesmal nichts bessert, ist sie bereit, ihr Kind ins Heim zu geben. Es ist die Anfangsszene im Film "Elternschule", der dokumentarisch die Arbeit in der Abteilung Psychosomatik der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen zeigt. Das Kind, über das gesprochen wird, ist Anna, ein zartes, blondes Mädchen noch nicht einmal im Vorschulalter.

Dietmar Langer nennt im Gespräch mit n-tv.de diese Situationen "unser täglich Brot". Der Diplom-Psychologe ist der Leitende Therapeut der Abteilung für pädiatrische Psychosomatik. Seit 1991 hat er sich auf Kinder wie Anna und die dazugehörigen Familien spezialisiert. Kinder, die 14 Stunden am Tag schreien. Kinder, die das Essen verweigern oder jahrelang ausschließlich Chicken Nuggets oder Bratwurst-Enden essen. Kinder, die kaum schlafen, auch wenn sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen offenhalten können. Kinder, die sich blutig kratzen.

Wer in die Klinik nach Gelsenkirchen kommt, ist am Ende und bereit, sich auf einen stationären Aufenthalt einzulassen. "Zu uns kommen Eltern, die sich liebevoll um ihre Kinder gekümmert haben, alles zurückgestellt haben. Aber das Stressmaß des Kindes ändert sich nicht, es wird nicht besser", sagt Langer im freundlichen Ruhrpott-Dialekt. Die Kinder leiden am chronischen Stresssyndrom: Als Folge haben sie Verhaltensweisen entwickelt, die zerstörerische Kräfte entfalten.

Eine Frage von Glück oder Pech

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Dietmar Langer möchte, dass die Familien wieder Spaß am Leben haben.

(Foto: Elternschule)

"Die Kinder werden krank, weil sie ihren Stress nicht regulieren können", sagt Langer. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die Belastung kann aus der Schwangerschaft stammen, weil die Mutter zuvor eine Fehlgeburt hatte oder ein Angehöriger gestorben ist. Sie kann aber auch unter der Geburt aufgetreten sein, weil es einen Notkaiserschnitt gegeben hat oder die Mutter nach der Geburt operiert werden musste. "Ein Kind pendelt sich immer auf die Stressreaktion der Bezugsperson ein. Das ist ein sinnvoller Mechanismus in der Natur, der auch nach der Geburt weiterläuft." So erklärt es Langer den Eltern und nun dem Zuschauer.

Auch wenn die jeweilige Situation längst vorüber ist: Dem Kind steckt die Anspannung weiter in den Knochen. Viele kleine Menschen können damit umgehen, bei manchen baut sich das Muster aber einfach nicht mehr ab. Langer und seine Kollegen hören immer wieder die Frage: Was habe ich falsch gemacht? "Aber es ist kein erzieherisches Problem, sondern mehr eine Frage von Glück oder Pech." Es kann jeden treffen, unabhängig von der Persönlichkeitsstruktur der Eltern oder den sozioökonomischen Rahmenbedingungen. "Bei mir hat der Uni-Professor auf der Couch gesessen und Leute, die Bücher über Kinder geschrieben haben, genauso wie der Hartz-IV-Empfänger", erzählt Langer.

Die Familien müssen zunächst einmal mindestens drei Wochen in der Klinik verbringen. In dieser Zeit lernen sich alle kennen. Die Kinder werden in ihren Verhaltensweisen beobachtet, die Eltern erfahren, wie die Behandlung ablaufen soll. "Das Programm hat sich ja nicht jemand irgendwann ausgedacht, sondern das hat sich über eine lange Zeit entwickelt", sagt Langer. Das meiste davon hat er über Jahre hinweg erarbeitet und mit der Kamera dokumentiert. Aus diesem Material speist sich auch der Film.

Kein Wohlfühlprogramm

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Beim Essverhaltenstraining wird geübt, um die bisherigen Muster zu durchbrechen.

(Foto: Elternschule)

"Das Verhalten des Kindes ergibt aus seiner Sicht ja Sinn, das kann ich aber aus der Erwachsenensicht heraus nicht verstehen." So sitzt Langer beispielweise mit zwei völlig apathischen Kindern in einem Mattenraum, die Kinder schauen ihn nicht einmal an. Daraufhin beginnt er zu spielen, fängt einen Ball, baut eine Höhle. Den Müttern und Vätern in der Elternschule, wo er zweimal in der Woche "unterrichtet, erklärt er dazu, wie wichtig es ist, tatsächlich selbstvergessen zu spielen. Kinder seien sehr empfindlich gegen jede Art von Manipulation. Nach einer Weile lässt erst das eine und etwas später auch das andere Kind die Maske aus Uninteressiertheit fallen und beteiligt sich plötzlich aktiv und sogar fröhlich.

Was der Therapeut sieht, sind Bindungs-, Interaktions- oder Regulationsstörungen und Kinder, die damit sehr kreativ umgehen. Mit einem Wohlfühlprogramm komme man bei diesen Störungsbildern nicht weiter. Ziel sei es vielmehr, das Stressmuster des Kindes zu ändern. Dazu müssen die Therapeuten laut Langer aber identifizieren: Was ist eigentlich die Ursache und was dient nun der Aufrechterhaltung? "Uns ist schnell klar geworden, dass wir immer auch mit der Bezugsperson arbeiten müssen."

In der Klinik übernimmt das medizinische Personal die Betreuung der Kinder. "Wir schaffen die Rahmenbedingungen, die ein Kind braucht, um sich zu regulieren, also Vorhersagbarkeit und Struktur", beschreibt Langer. Damit die Eltern das Krankheitsdenken hinter sich lassen können, gibt es jeden Tag Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung, mit den Kindern Fantasiereisen, Entspannung, Snoozeln. So reduziert sich das Stressmaß. Daraus entwickelt sich eine Art "Jugendherbergsatmosphäre", wie Langer es nennt.

Kein Lehrfilm, aber lehrreich

Die Eltern werden derweil vor die Tür geschickt, zum Teil waren sie seit Jahren nicht mehr aus. "Die Partnerschaft ist massiv belastet. Die Familien fliegen auseinander." Oft hat sich jahrelang alles ums Nicht-Essen oder Nicht-Schlafen gedreht. Schritt für Schritt versuchen die Therapeuten, die Knoten zu lösen. Die Eltern kommen immer wieder an eigene wunde Punkte, die sie nicht verarbeitet haben und die Kinder bekommen mit Schlaf- oder Esstraining eine feste Struktur für das jeweilige Problem.

Sie lernen auf diese Weise nachträglich, was sie wegen der hohen Stressbelastung als Säugling oder Kleinkind nicht lernen konnten. Manchmal sind drastische Maßnahmen nötig, um erstmal für Stabilisierung zu sorgen. Ein Kind muss eine Sonde bekommen, durch die es ernährt wird, bis es wieder essen kann. Alle Kinder im Film sieht man irgendwann essen, schlafen oder versunken spielen.

Langer schätzt, dass er im Lauf der Jahre 15.000 bis 20.000 Patienten betreut hat. Nicht nur bei den unmittelbaren Klinikaufenthalten, sondern auch in den ein- bis eineinhalb Jahren Begleitung bei Kontrollterminen. Inzwischen gibt es Selbsthilfegruppen, in denen sich die Eltern gegenseitig unterstützen. Außerdem hat er den Elternführerschein entwickelt, der Wissen über die Kindesentwicklung vermitteln soll.

Der Film von Jörg Adolph und Ralf Bücheler ist kein Lehrfilm, sagt Langer, "eher ein Kaldeidoskop". Die Arbeit in der Klinik ist auch keine "Blaupause für den Alltag von Eltern". Aber Führung und Bindung schließen einander nicht aus und von dieser Erkenntnis können auch Eltern profitieren, die bei der Stressresistenz ihrer Kinder mehr Glück hatten.

"Elternschule" läuft seit 11. Oktober in deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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