Leben

Magersucht bei Männern Wenn Hunger zum Rausch wird

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Als Poetry Slammer steht Aron Boks deutschlandweit auf der Bühne. Während seiner Krankheit konnte er manchmal nicht einmal sein Zimmer verlassen.

(Foto: Fabian Stürz)

Magersucht gilt als weibliche Krankheit, doch auch einige Männer sind betroffen. Einer von ihnen ist Poetry Slammer Aron Boks. Der 22-Jährige erzählt schonungslos von einer Sucht, die ihn vereinsamen ließ und fast das Leben kostete.

In Zimmer 308 wird Aron Boks so langsam bewusst, dass nichts mehr unter Kontrolle ist. Als ihm auffällt, dass er der einzige Patient auf der Kardiologie-Station ist, der das Rentenalter noch nicht erreicht hat. Als der Chefarzt von Schäden im Gehirn und Herzrhythmusstörungen durch Mangelernährung spricht. Als der ihm eröffnet, dass er in diesem Zustand wahrscheinlich bald sterben wird. Aber bis Aron Boks seiner Magersucht tatsächlich den Kampf ansagt, dauert es noch eine ganze Weile. Denn die Bewältigung einer Essstörung, schreibt der 22-Jährige in seinem Buch "Luft nach unten", gleicht einer Schlacht. "Einem richtig hässlichen Mittelalter-Gemetzel: blutig, skrupellos, oft Mann gegen Mann und ziemlich langsam, dazu noch sehr hart und erschöpfend."

Aron Boks ist Autor und Poetry Slammer. Er steht oft auf der Bühne im Rampenlicht. Und will doch lange nur eins: immer weniger, immer unsichtbarer werden. Verschwinden. Er hört auf zu essen, zählt Kalorien, meidet den Kontakt zu Freunden und Bekannten und verlässt seine Wohnung irgendwann kaum noch. Das Einzige, was zählt, ist das Abnehmen. Seine Diagnose: Anorexia nerviosa - Magersucht. Und das als Junge.

Nur etwa einer von zehn Magersucht-Patienten ist männlich, Essstörungen gelten noch immer als Mädchen-Krankheit. Dabei ist die Dunkelziffer gerade bei Männern hoch. "Die Hemmschwelle, in Behandlung zu gehen, ist höher", sagt Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Liane Hammer vom ANAD Versorgungszentrum Essstörungen n-tv.de. "Sie schämen sich, eine weibliche Krankheit zu haben." Auch Experten übersehen die Erkrankung bei Jungen und Männern demnach häufig - weil die Krankheitsausprägungen bei ihnen noch unzureichend beschrieben sind.

So ist es auch bei Aron Boks. "Wenn ein Mädchen solche Fragen gestellt hätte wie ich, wären Außenstehende schnell hellhörig geworden", sagt Boks n-tv.de. Aber ein Junge? Der spinnt halt ein bisschen rum, der hat Stress, das ist eben eine Phase. Und eigentlich wächst Boks ganz normal auf. Behütete Kindheit, gute Bildung, frische Luft. Wieso wird man da magersüchtig?

Die Hamsterbacken müssen weg

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Aber mit irgendetwas ist eben jeder unzufrieden - zumal in der Pubertät. Bei Boks sind es die Pausbacken. "Kleiner Hamster" nennt ihn eine Freundin, die ebenfalls Kalorien zählt. Und so isst Boks erst immer weniger und irgendwann fast gar nichts mehr. Dreht sein Gesicht jeden Morgen prüfend vor dem Badezimmerspiegel von einer Seite zur anderen. Tastet mit den Händen die vermeintlich zu dicken Backen ab.

Der Wunsch, gut auszusehen, steht laut Psychotherapeutin Hammer sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen oben auf der Liste der Gründe, mit dem Essen aufzuhören. Aber auch der Wunsch nach Kontrolle, Perfektionismus, der Trend zur Selbstoptimierung. Während Mädchen vor allem dünn sein möchten, ist bei Männern der Wunsch nach einem muskulösen, durchtrainierten Körper groß. "Häufig tritt die Essstörung bei Männern im Zusammenhang mit Sport auf", sagt Hammer. "Oft kommen andere Süchte wie die nach Amphetaminen oder Abführmitteln zur eigentlichen Essstörung dazu." Unter Antigravitationssportlern wie Skispringern oder Jockeys, bei denen ein bestimmtes Gewicht notwendig ist, seien 22 Prozent der Männer von einer Essstörung betroffen. Insgesamt zeigt etwa ein Fünftel aller 11- bis 17-Jährigen Anzeichen einer Essstörung.

Boks geht es am Anfang vor allem um den "Kick, aufzufallen, wider die Norm zu handeln", sagt er. "Aber ganz schnell verselbstständigt sich das und es geht gar nicht mehr ums Aussehen oder ums Essen." Dann dreht sich alles um den eigenen Selbstwert, um Selbstekel, um toxische Werte. "Es ist dann einfach eine kontrollierende Sucht" - die ein "wildes, abgefahrenes Leben" verspricht und sich dann doch als "durchgehend konservative und eng denkende Langweilerin" entpuppt.

Hungern oder überleben?

Denn letztendlich dreht sich alles irgendwann wie im Rausch nur noch darum, den Tag ohne Nahrung zu überstehen. Trotz der Kopfschmerzen, trotz der fehlenden Energie. Um Blicke und besorgte Nachfragen zu umgehen, gibt sich Boks unter Leuten aufgedreht und überschwänglich. Nee danke, ich habe schon gegessen. Irgendwann meidet er den Kontakt zur Außenwelt völlig. "Wie bei einer Drogensucht ist der Anorektiker sehr darauf gedacht, alles zu verstecken, den Schein zu wahren", sagt er.

Aron Boks beschreibt seine Geschichte in seinem Buch nicht linear, vielmehr teilt er Beobachtungen, Szenen, Gedanken aus dem Leben mit der Krankheit. Er erzählt von inneren Kämpfen gegen sein vergiftetes Spiegelbild, von seinem selbstgestrickten Netz aus Lügen, von Medizinstudenten, zu deren Anschauungsmaterial sein ausgemergelter Körper wird. Dank seiner scharfen Beobachtungen und der leichten, selbstironischen Sprache nimmt Boks dem eigentlich ernsten Thema die Schwere. Etwa, wenn er beschreibt, wie er während der Therapie unter Aufsicht lernt, wieder zu essen. Zwei Löffel Müsli, ein Stück Apfel und Milch - letztere heimlich mit Wasser verdünnt, als die "Essbegleitung" gerade nicht hinschaut. "Ein treffenderes Wort für das Gefühl der Erniedrigung in solchen Situationen konnte wahrscheinlich nicht gefunden werden", schreibt Boks. "Meine Aufgabe lautet: essen, dann auch noch unter Aufsicht. Ich bin 21 Jahre alt, Gratulation."

Denn spätestens als die Herzprobleme auftreten, muss sich Boks entscheiden, ob er weitermacht wie bisher - oder ob er überleben will. Er entscheidet sich für Letzteres. Es folgen Therapien, Klinikaufenthalte und Stuhlkreise in Selbsthilfegruppen. Und während es nach Zimtstangen und Räucherstäbchen duftet und Traumfänger von der Decke baumeln, erzählen junge Menschen von einem Leben, das sie leben könnten - wenn sie ihre Zeit nicht in Therapieeinrichtungen verbringen müssten. Aron Boks merkt: Ich bin einer von ihnen. Aber ich will so nicht sein.

Magersucht ist wie die nervige Ex

Meist ist er in den Therapiesitzungen der einzige Mann. "Auch in der Literatur ist es immer das 16-jährige Mädchen, das nichts essen will", sagt er. Mit seinem Buch will er deshalb nicht nur unterhalten, sondern auch zeigen: Schaut her, wir existieren. Dass diese Existenz künftig auch in der Therapie berücksichtigt wird, ergibt durchaus Sinn, sagt Psychotherapeutin Hammer: "In Gruppen speziell für Männer können sie sich beispielsweise über ihre Themen austauschen."

Boks schafft es auch so. "Die Essgestörtenstimme wurde in der Therapie geschlagen. Aber sie hat sich lange verteidigt", sagt er. Der 22-Jährige hat wieder Energie, um auf der Bühne zu stehen, am Leben teilzuhaben, ein Buch über seine Krankheit zu schreiben - so schonungslos und ehrlich wie möglich. "Ich mag mich jetzt mehr, das strahlt man auch aus", sagt Boks. "Ich bin dankbar für die Geduld meines Umfelds, das es mit meinem vergifteten Ich ausgehalten hat."

Er weiß aber auch: Ganz weg sein wird die Krankheit nie. Denn am Ende, schreibt Boks, ist die Essgestörtenstimme wie eine alte Geliebte, die sich weigert, die Nachbarschaft zu verlassen. An jeder Ecke kleben noch Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Sentimentale Anrufe und Sturmklingeln werden die kommenden Wochen, Monate und Jahre bestimmen. Aber das Fenster für ein Liebescomeback muss zubleiben.

Aron Boks liest am Samstag, 31. August, um 20 Uhr bei der Premiere von "Luft nach Unten" im Wasserturm Kreuzberg in Berlin aus seinem Buch.

Quelle: n-tv.de

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