Leben

One Woman Show Wie werde ich eine bessere Weiße?

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Sich in die Haut eines anderen Menschen versetzen - kann man üben.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Es ist nicht einfach, ein guter Mensch zu sein, egal welcher Hautfarbe. Oder ist es nicht sogar besonders einfach? Zum Beispiel, indem man anderen nicht schadet, keinen Mist erzählt? Ein Versuch würde sich auf jeden Fall lohnen!

Gleich mal vorneweg: Ich will mir nichts anmaßen. Ich bin eine Weiße und habe natürlich überhaupt keine Ahnung, wie es ist, als Nichtweiße durchs Leben zu gehen. Ich würde es aber gerne wissen. Ich fände es gut, wenn alle Menschen gleich behandelt würden, gerade auch, weil nicht alle Menschen gleich sind. Es sollte normal sein. Ich wüsste manchmal auch gerne, wie es ist, ein Mann zu sein, was in deren Köpfen vorgeht, in deren Körpern. Ich wäre auch gerne ein Vogel - immer oben, immer schwebend, im Winter im Süden. Ich bin neugierig.

Ich weiß, dass man sich auf dünnes Eis begibt in der Debatte um Rassismus. Ich weiß auch, dass man nicht allen gefallen kann. Ich möchte aber versuchen, mich korrekt, wenigstens okay zu verhalten. Ich will mich hinterfragen: Wie viel Rassistin steckt in mir? Rassisten - sind das nicht die anderen, die Rechten, die Skinheads, die Nazis? Ich merke, dass ich unsicher werde. Habe ich jetzt schon wieder was falsch gemacht, weil ich nur PoC und nicht BPoC oder gar BIPoC geschrieben habe? (Singular: Person of Color, Plural: People of Color, BPoC: Black and People of Color, BIPoC: Black, Indigenous and People of Color). Ist meine Oma eine Rassistin, weil sie BIPoC weder aussprechen kann noch weiß, was dahintersteht? Glaube ich vielleicht, dass ich was Besseres bin, bloß weil ich hier jetzt einen Text schreiben darf?

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Ich weiß zumindest, dass ich privilegiert bin als weiße Frau. Nichtsdestotrotz gehören Frauen für viele (Männer) noch immer in die Rubrik Gedöns und bezeichnend ist doch, dass es ein extra Bundesministerium für "Randgruppen" wie Frauen, Kinder, Senioren und Familie geben muss. Als Frau macht "man" schon sehr unangenehme Erfahrungen, fürchte ich. Frauen haben auch echt noch eine Menge zu tun, um sich in Reihe eins zu kämpfen oder sich nachts auf der Straße nicht bedroht zu fühlen. Kaum vorzustellen also für jemanden wie mich, wie es BIPoC sehr oft gehen muss. Die Rassismus-Expertin und Aktivistin Tupoka Ogette zum Beispiel wünscht sich, "dass weiße Feministinnen genau so empört sind über den Rassismus, den schwarze Frauen und Women of Colour erleben, wie über patriarchale Strukturen". Here we go - ich bin zwar gar keine Super-Feministin, aber ich habe echt Lust, mich gegen Machos, gönnerhafte Typen und eben auch Rassisten zu wehren.

Keine Kanaken- oder Blondinenwitze!

Deswegen wollen wir in Zukunft bitte mehr über Rassismus nachdenken. Zurück also zur anfänglichen Überlegung: Wie werde ich eine bessere Weiße, wahlweise auch ein besserer Weißer? Anfangen könnte man damit, nicht ständig sämtliche Stereotype hinter dem Ofen hervorzukramen. Nicht einmal im Spaß: Keine Kanakenwitze, keine Blondinenwitze mehr. Keine blöden Sprüche à la "Frau Schmidt ist die Quotenschwarze in unserem Betrieb" oder "Schwarze können sich eben besser bewegen". Denn auch solche als "Kompliment" getarnte Aussagen sollen eigentlich nur implizieren, dass "der Schwarze" super tanzen kann oder eine Granate im Bett ist, aber sonst? Na ja.

Stimmt nicht, sagen Sie, ist ja empörend? Dann jetzt mal tief im Oberstübchen kramen und ganz ganz ehrlich sein. Und? Sie haben so was schon mal gesagt. Oder gedacht. Wenn nicht: Herzlichen Glückwunsch. Für die anderen hat die bereits zitierte Tupoka Ogette, Autorin von "exit Racism - Rassismuskritisch denken lernen" einen Trost: "Wir können nichts für die Welt, in die wir hineingeboren werden. Mein Ziel ist es, dass die Leute nicht mit Scham oder Schuld aus unseren Antirassismus-Workshops rausgehen, sondern mit einem Gefühl der Verantwortung. Und die kann jeder übernehmen."

Gehirn einschalten

Es mag klingen wie aus einem Kinderbuch, aber die einfachsten Dinge sind ja manchmal die besten. Zu den besten Dingen gehören die Vielfalt, das Wissen und der Dialog. Alle Menschen machen Fehler - sich diese einzugestehen kostet Mut. Danach kann man etwas verändern.

Helfen: Alltagsrassismus fängt da an, wo es Ihnen persönlich mulmig wird, zum Beispiel wenn Sie bemerken, dass jemand in der S-Bahn belästigt wird. Dann spielen Sie nicht den Helden, sondern tun Sie sich mit anderen zusammen und versuchen Sie, zu deeskalieren.

Aufmerksamkeit: Nicht wegschauen ist wichtig. Wäre der gewaltsame Tod von George Floyd nicht gefilmt worden - und dabei spielt es keine Rolle, ob George Floyd in seinem zu kurzen Leben ständig ein Engel war oder nicht, denn hier wurde ein Mensch (!) umgebracht - dann würde eine solche Tat vielleicht unter den Teppich gekehrt werden. Eine katastrophale Vorstellung!

Bildung: In der Schule darf auch gerne mal über akute und aktuelle Themen wie Rassismus gesprochen und gelehrt werden. Kolonialgeschichte beispielsweise kommt im guten alten Rahmenplan deutscher Schulen so gut wie gar nicht vor. PolizistInnen, ErzieherInnen, MitarbeiterInnen in Ämtern, JournalistInnen und KassiererInnen in Drogeriemärkten können sicher Nachhilfe in Sachen Rassismus gebrauchen. Wir alle können das gebrauchen!

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Muhammad Ali - the Greatest.

Kultur: Sich klarmachen, wie wichtig die Kraft von Musik und Kunst ist, von Mode und von Literatur. Wie sehr wir Soulmusik lieben, die Arbeiten von Jean-Michel Basquiat und die Klamotten von Dapper Dan. Und was wäre die Welt ohne Muhammad Ali?

Menschenverstand: Das Gehirn einschalten. Die Forderung momentan heißt "Black Lives Matter" - und auch wenn alle Leben wichtig sind, geht es im Augenblick vor allem um das Leben nicht-weißer Menschen. Da kann man sich selbst durchaus zurücknehmen. Es geht um Gleichheit.

Im Gespräch bleiben: Wer im Gespräch ist, versucht, sein Gegenüber zu verstehen. Und wenn man immer wieder vom Besten im Gegenüber ausgeht, dann müsste da was klappen. Achten Sie einfach auf Ihre Sprache.

Quelle: ntv.de