Leben

Stress in der Vorweihnachtszeit "Wir müssen das Muss rausnehmen"

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Geschenk kaufen, volle Städte, Jahresendstress: Viele Menschen sind von den letzten Wochen des Jahres genervt.

(Foto: imago images/Olaf Döring)

Alle Jahre wieder steigt im Dezember der Stresspegel: Berufliche Projekte müssen abgeschlossen, Geschenke organisiert und der Heiligabend geplant werden. Die To-do-Liste scheint endlos zu sein. Doch einige Belastungen sind hausgemacht. Bleibt nur noch die Frage: Wie vermeidet man sie? n-tv.de hat bei Prof. Dr. Isabella Heuser nachgefragt.

n-tv.de: Inwiefern sind Menschen zum Jahresende mehr gestresst?

Isabella Heuser: Es gibt schon das reale Phänomen des Jahresendstresses. Wir wissen, dass zum Beispiel im Dezember viele Firmen noch zum Jahresende Rechnungen fertigmachen. Das fängt Mitte November an und geht dann bis Mitte Dezember. Das andere ist natürlich die ganze Vorbereitung auf die Feiertage und Weihnachten. Das ist für unsere Gesellschaft der wichtigste Feiertag, egal ob man religiös ist oder nicht oder welcher Religion man angehört, das gehört zu unserem Kulturkreis. Da soll gemeinsam innegehalten werden. Aber das wird meiner Meinung nach zum Teil übertrieben.

Warum ist das so?

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Prof. Dr. Isabella Heuser ist Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie Campus Benjamin Franklin (Berlin).

(Foto: Privat)

Es wird an Weihnachten und auch an die Zeit zwischen den Jahren ein gewisser Anspruch erhoben, dass man bestimmte Bedingungen erfüllt. Dazu gehört es, Geschenke zu kaufen, sich Gedanken zu machen, was benötigt wird, welches Essen auf den Tisch kommt. Das sind alles gesellschaftliche Erwartungen, die jeder oder fast jeder erfüllen will. Auch in den Geschäften ist sehr viel los. Das ist für den Einzelnen schon viel und belastend. Da kann man nur empfehlen, sich davon abzugrenzen. Wer privaten Weihnachtsstress hat, ist selber schuld.

Wie schafft man denn eine Abgrenzung, wenn man dauerhaft mit Informationen rund um das Jahresende und Weihnachten überflutet wird?

Sich den Erwartungen entziehen, ist natürlich sehr schwierig, vor allem in der Privatsphäre. Es ist schwierig, wenn man sich beispielsweise einer Familientradition verweigert und sagt: Ich bin jetzt dafür, dass wir Weihnachten ruhig verbringen. Viele versuchen bereits dem "Familienstress" zu entfliehen und fahren einfach weg. Man muss sich aber darüber klar sein, dass man vielleicht Erwartungen von Familie und Freunden enttäuscht. Man sollte also darüber reden. Das Beste wäre, das dieses Jahr an Weihnachten in Angriff zu nehmen, um hoffentlich im nächsten Jahr weniger "Weihnachtsstress" zu haben.

Das ist natürlich immer ein Vorsatz. Aber wir kennen das ja mit den Vorsätzen …

Das ist natürlich so wie bei den guten Vorsätzen im Januar. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die das lieben, wenn sich die große Familie an Heiligabend versammelt, auch wenn sie hinterher dann ganz abgeschlafft sind. Aber das nehmen sie auch in Kauf. Das ist okay, wenn man sich dafür entscheidet. Wenn man sich aber immer über das Gehetze beschwert, dann sollte man bewusst sagen, dass man das eben nicht mehr möchte. Das betrifft beispielsweise die ganze Schenkerei. Man muss sich nicht am Samstag oder Sonntag ins Getümmel stürzen. Viele haben so einen Druck, das zu machen - aber das muss man eben nicht. Dann kann man auch erklären, dass man das etwas nachhaltiger haben möchte. Es geht nicht anders als durch eine Evaluation seiner eigenen Bedürfnisse und Motivationen. Welche Erwartungen will ich erfüllen und welche muss ich erfüllen?

Sie haben eben den privaten Bereich angesprochen. Aber wie sieht das denn im Job aus? Da kann man nicht immer alles selbst entscheiden und beeinflussen.

Man sollte sich eingestehen, dass man in der Regel in Bezug auf den Firmen-Endjahresstress eh nicht viel machen kann. Man weiß eben, dass diese Phase auf die Mitarbeiter zukommt. Wir leben in einer vernetzten Welt und da muss immer etwas zu bestimmten Daten passiert sein. Zu allem Überfluss kommen in den Firmen auch noch die Weihnachtsfeiern dazu; die Firmenleitung sollte sich überlegen, eine Betriebsfeier nicht in dieser ohnehin hektischen Zeit, sondern zu einem anderen Zeitpunkt auszurichten.

Wird der Stress denn wirklich immer mehr?

Ja, die Krankenkassen bringen dazu jedes Jahr Untersuchungen heraus. Und diese zeigen, dass psychische Erkrankungen deutlich zunehmen und mittlerweile der wichtigste Faktor sind für Arbeitsunfähigkeitstage. Das sind dann in der Regel die sogenannten stressbezogenen Zustände wie Burn-Out und Depressionen. Die Alltagsanforderungen nehmen immer mehr zu und das hat sicher auch mit unserer großen Vernetzung zu tun, auch mit Social Media und der Digitalisierung. Die Takt-Geschwindigkeit ist enorm erhöht worden. Natürlich ist durch die Vernetzung und Digitalisierung am Arbeitsplatz auch vieles erleichtert worden. Doch in der Summe ist alles schneller geworden.

Welche Tipps können Sie denn gegen den Jahresendstress geben?

Weihnachten ist emotional so aufgeladen, weil von vornerein so viel mehr Erwartungen an uns gestellt werden und das ist dann besonders stressig. Deswegen empfehle ich gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, wenigstens einen halben Tag in der Woche, besser wäre ein ganzer, als einen sogenannten Gesundheitstag zu nutzen.  An diesem Tag kann man ohne Familie, ohne Partner irgendetwas tun, das einen selbst entspannt. Das kann auch bedeuten, einfach auf dem Sofa abzuhängen. Am besten ist es, wenn man diese Zeit ganz für sich hat und die dafür nutzt, etwas zu machen, was einem Spaß macht und gut tut. Man sollte sich nicht unter Druck setzten mit immer "muss, muss, muss". Das gilt auch für den Rest des Jahres, aber besonders in der Vorweihnachtszeit - sich ganz bewusst rausnehmen.

Sind "digital detox" und das ausgeschaltete Smartphone dann die Lösung?

Nein, nicht wirklich, denn für die Allermeisten erleichtert auch ein Smartphone den Alltag; man muss nicht gleich das Handy ausschalten. Aber während der "Gesundheitsstunden" werden selbstverständlich nicht E-Mails von der Arbeit gelesen oder beantwortet. Man darf ruhig rumdaddeln, aber sich nicht stressen lassen. Wenn man zur Entspannung irgendwelche Youtube-Videos angucken möchte, ist das auch vollkommen okay. Entspannung heißt nicht, dass man ständig aktiv sein muss. Wir müssen das Muss rausnehmen. Das ist natürlich eine paradoxe Aussage, aber das ist mein Credo. Man kann das im privaten Bereich durchaus so gestalten.

Mit Prof. Dr. Isabella Heuser sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de