Reise

Per Anhalter quer durch Europa Tramper liefern sich Rennen nach Rumänien

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In Zweier- oder Dreierteams geht es Richtung Rumänien.

(Foto: tramprennen.org)

Mehr als 100 junge Menschen trampen jeden Sommer um die Wette. Neben der Aussicht auf Ruhm und Ehre geht es um Abenteuer, kulturellen Austausch und die Unterstützung sozialer Projekte. Und um das Wiederbeleben einer Reiseform, die perfekt zur aktuellen Klimadebatte passt.

Ausgestreckte Daumen, auf Pappschilder gemalte Städtenamen und wildfremde Menschen, die über Stunden zusammengequetscht im Auto sitzen: Was mittlerweile ein eher seltenes Bild auf deutschen Straßen ist, wird im August zur Normalität. Dann nämlich stehen an Autobahnauffahrten und Raststätten wieder über 100 Tramper auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Ihr Ziel: Das 5000-Einwohner-Städtchen Bontida in Rumänien, das - wie es sich für Transsilvanien gehört - natürlich in unmittelbarer Nähe einer Burg liegt. Die rund 1300 Kilometer von Deutschland bis nach Rumänien bewegen sie sich ausschließlich mit der Kraft ihrer Daumen. Und wollen dabei so schnell wie möglich sein - denn hier wird um die Wette getrampt.

Trampen verspricht beim Reisen die ultimative Freiheit. Und das Abenteuer, das auf der Strecke bleibt, wenn man einfach in einen Bus oder Zug steigt. Denn wer sich morgens mit ausgestrecktem Daumen an den Straßenrand stellt, weiß nicht, wie viele Kilometer er vorankommt, wo er am Abend landet und in wessen Auto er die nächsten Stunden verbringt. "Man muss sich auf die Menschen einlassen können", sagt Felix Kösters vom Club of Roam - Autostop! e. V., der das Tramprennen organisiert - in diesem Jahr bereits zum zwölften Mal.

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Am Zielort treffen alle Tramper wieder aufeinander.

(Foto: Tramprennen.org)

Doch während das Reisen per Anhalter in den 60ern und 70ern durchaus populär war, gilt Trampen inzwischen als eher exotisch und aus der Mode gekommen. "Dabei ist das Thema gerade in der momentanen Mobilitätsdebatte hoch aktuell", sagt Maschinenbaustudent Kösters. Eine bessere CO2-Bilanz kann schließlich kaum ein anderes Reisemittel aufweisen. 

Auch deshalb will der Verein das Reisen per Autostopp mit seinem jährlichen Rennen wieder als Reiseform in den Fokus rücken. Getrampt wird dabei auf vier Routen: Zwei starten im Allgäu, zwei in Görlitz. Auf jeder Route trampen zehn Teams auf sechs Etappen gegeneinander. Während sie tagsüber auf der Straße um die beste Mitfahrgelegenheit konkurrieren, übernachten sie abends gemeinsam am Etappenziel, sitzen am Lagerfeuer, spielen Gitarre, tauschen Anekdoten aus. Wo geschlafen wird, entscheidet der Zufall. Mal trifft man unterwegs auf einen Fahrer, der eine leerstehende Scheune als Schlafplatz für die ganze Gruppe zur Verfügung stellt. Ein anderes Mal ist es ein besetztes Haus oder ein Gemeindezentrum. "Irgendwie ergeben sich immer Kontakte von außerhalb", sagt Kösters. 

Nach jeder Etappe werden Punkte verteilt

Klar, der Wettkampfgedanke reist mit - das Ganze ist schließlich ein Rennen, nach jeder Etappe werden Punkte vergeben, die am Zielort addiert werden. "Man hat schon den Ehrgeiz, sehr schnell und gut ans Ziel zu kommen", sagt der 24-Jährige. Nebenbei sammeln die Tramper über Sponsoren aber auch Spenden für Organisationen wie die Seenotretter von Seawatch.

Und den Veranstaltern geht es darum, mit offenen Augen und Ohren durch die Gegend zu reisen, unterschiedliche Menschen zu treffen, ihre Geschichten zu hören und mit ihnen neue Geschichten zu schreiben. Nach jedem Tramptag gibt es deshalb einen Tag Pause, um die Gegend zu erkunden. Und so ist genügend Zeit, um in der großen Fontäne im Zentrum von Belgrad zu baden, sich im tiefsten Bayern von Einheimischen begrillen zu lassen oder in den Bergen von Montenegro den Las Ketchup Song zu performen.

Begonnen hat alles 2008: Damals wollen einige Mitglieder der Nonprofit-Organisation Viva con Agua, die sich für einen weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt, zur Expo nach Saragossa fahren. Um nachhaltig zu reisen, fahren sie nur in Autos mit, die sowieso in diese Richtung fahren. Und um sich unterwegs nicht zu langweilen, beschließen sie sich in Teams aufzuteilen und um die Wette zur trampen. Das funktioniert so gut, dass seither mindestens ein Tramprennen pro Jahr organisiert wird - mit teilweise über 150 Teilnehmern.

Wenn die Tramper in diesem Jahr Richtung Rumänien ausschwärmen, haben sie Möglichkeiten, die es in der Blütezeit des Autostopp noch nicht gab: Auf Online-Foren vernetzen sich Tramper und geben Tipps. Auf Hitchwiki etwa wird verraten, an welcher Tankstelle es sich von München aus bestmöglich in Richtung Süden trampen lässt, wie man auf Serbisch nach einer Mitfahrgelegenheit fragt oder wie und wo sich die Grenze zwischen Bulgarien und Mazedonien am besten überqueren lässt. Ohne den guten alten Straßenatlas geht aber auch heute noch nichts. Wer weiß, ob man unterwegs Strom und Netz fürs Smartphone hat?

Polen ist das Tramperparadies Europas

Tramprennen

Das diesjährige Tramprennen findet vom 16. bis 31. August statt. Wer mitmachen will, kann sich bis zum 31. Juli auf tramprennen.org anmelden. Dort kann während des Rennens auch gespendet und über einen Live-Ticker verfolgt werden, wo die Teams gerade unterwegs sind.

Geduld muss man so oder so mitbringen. Einmal steht Kösters eineinhalb Tage an einer Raststätte am Stadtrand irgendeiner schwedischen Stadt. Die Autos rauschen vorüber, ohne anzuhalten. Irgendwann erbarmt sich doch eine Frau und lässt die zwei bärtigen Tramper aus Deutschland mitfahren. Beim Trampen kommt man immer an - die Frage ist nur, wann. "Ich habe auch von anderen gehört, dass Schweden nicht das einfachste Land zum Trampen ist", sagt Kösters. Auch in Italien, Spanien oder Griechenland steht man schon mal etwas länger. In Osteuropa dagegen halten die Autofahrer schneller an. "Da funktioniert es immer supergut", sagt der 24-Jährige. "Und besonders Polen ist das reinste Tramperparadies." Je größer die infrastrukturellen Probleme in einem Land, desto verbreiteter ist das Reisen per Anhalter, so einfach ist das.

Am Ende lohnt sich die Geduld aber überall. Ob man im Auto des Präsidenten eines schwedischen Zweitligavereins landet, der einen anschließend zum Essen einlädt, oder bei einem Bayer, der gleich noch eine Übernachtungsmöglichkeit anbietet – "man nimmt super viele positive Erfahrungen mit".

Auf positive Erfahrungen hoffen Veranstalter und Teilnehmer auch beim diesjährigen Rennen nach Rumänien. Und auf intensiven Austausch mit den Fahrern, allen kulturellen und sprachlichen Hürden zum Trotz. Helfen sollen dabei Infozettel, die in verschiedenen Sprachen erklären, worum es bei dem Rennen geht und welche Organisationen unterstützt werden. Am Ende geht es natürlich aber auch um Ruhm und Ehre. Wem die zuteilwerden, zeigt sich Ende August - wenn nach 1300 Kilometern die ersten Tramper in Bontida aus einem Auto klettern.

Quelle: n-tv.de

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