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Im TV und bei Spotify Böhmermann gibt sein Comeback

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dpa

Die Zwangspause gibt Jan Böhmermann die Gelegenheit, seine Fernsehsendung neu zu erfinden. Es könnte noch lustiger werden.

Ab diesem Donnerstag ist Jan Böhmermann wieder da. Genau genommen ist er aber schon seit einigen Tagen wieder da. Per Periscope-Livestream meldete er sich aus einem Hotel in New York, wo er einige Tage mit seiner Redaktion verbracht hatte. Böhmermann reist häufiger in die USA, um sich anzusehen, wie seine Latenight-Vorbilder arbeiten, und um Broadway-Shows anzusehen.

Das Wort "Stasi"

Im ersten Neo Magazin Royale nach der Erdogan-Pause will Jan Böhmermann auf eigene Scherze verzichten. Stattdessen werden Gags von Zuschauern vorgetragen, die dafür 103 Euro erhalten – eine Anspielung auf den Strafrechtsparagrafen 103, nach dem Böhmermann wegen Beleidigung des türkischen Präsidenten belangt werden könnte. Gast in der Sendung ist der Linken-Politiker Gregor Gysi. Böhmermann hatte den Auftritt in einem Facebook-Video so angekündigt: Zu Gast sei "ein kleiner, lustiger, deutscher Politiker, in dessen Gegenwart man nicht das Wort 'Stasi' sagen darf".

Im Livestream tat Böhmermann, was er am besten kann: Er las einige Nutzerkommentare vor und ließ sich davon zu Witzchen inspirieren. Klingt unspektakulär, kann aber rasend komisch sein. Zusammen mit dem Musiker Olli Schulz hat er eine ganze Radiosendung namens "Sanft & Sorgfältig" daraus gemacht, die wahrscheinlich das Erfolgreichste ist, was die öffentlich-rechtlichen Radiosender seit Jahrzehnten gemacht haben, und trotzdem vielen Neo-Magazin-Fans nicht bekannt war.

Die zweistündige Sendung füllten die beiden Künstler mal mit Anekdoten aus ihrem Promi-Dasein, mal mit Geschichten, die sie erfanden, während sie schon redeten. Ihre vorerst letzte Sendung, die am 3. April ausgestrahlt wurde, hatten sie unter das Thema "Leckerlis" gestellt. "So ein beschissenes Thema hatten wir wirklich lange nicht mehr", stellte Böhmermann treffend fest. Machte aber nichts. Was in der Sendung passiert, haben sich die beiden Moderatoren höchstens in Stichpunkten vorab überlegt, 99 Prozent sind Improvisation. Zuerst lief die Sendung nur beim RBB-Sender Radio Eins, später stiegen die Jugendwellen der meisten ARD-Anstalten mit ein.

Wenn Böhmermann und Schulz ein Vorbild haben, könnte das der Amerikaner Howard Stern sein, der seit den 1970er Jahren Radio macht und dessen Leben im Film "Privat Parts" erzählt wird. Stern brach mit allen Konventionen des Radios, was für seine Chefs kaum auszuhalten und für die Quote phantastisch war. Ein Teil der Hörer liebte Stern, ein anderer Teil hasste ihn. In beiden Gruppen war die Einschaltquote hoch, weil alle wissen wollten, was Stern als nächstes sagte. In den guten Momenten von "Sanft & Sorgfältig" tritt dieser Effekt auch ein: Weil man wissen will, welche Wendung die Sendung als nächstes nimmt, bleibt man dran.

Das Neo Magazin Royale funktioniert komplett anders. Alles ist gescripted, jeden Halbsatz hat sich der Moderator vorher zurechtgelegt, die Arbeit an den Einspielfilmen dauert mitunter Wochen. Das ist oft großartig, weil es geniale Produktionen wie das "Ich hab Polizei"-Video ermöglicht, die ISIS-Rap-Nummer, den verstörenden V-wie-Varoufakis-Song oder das gefakte Plagiat, mit dem Böhmermann Stefan Raab blamierte. So etwas gab es vor dem Neo Magazin im deutschen Fernsehen nicht. Verantwortlich dafür sind die detailverliebten Künstler der Produktionsfirma "Bild- und Tonfabrik".

"Ich war halt so aufgeregt!!!"

Allerdings schafft es Böhmermann selten, gegen Ende der Sendung locker zu werden und mit seinem Studiogast ein echtes Gespräch zu führen. Wie eloquent konnte sein Mentor Harald Schmidt mit seinen Gästen reden, egal wer gerade auf dem Sessel Platz genommen hatte. Böhmermann merkt man in jedem Augenblick die Angst an, es könne eine Sekunde des Schweigens entstehen oder seine Fragen könnten zu banal sein. Obwohl er ja im Radio, und schon vor Jahren bei seiner TV-Sendung "Lateline", munter-lustig drauflosquasselte. Er behilft sich mit kleinen Spielen oder scripted gleich auch das Studiogespräch – was phänomenal gut gelingen kann, wie man zum Beispiel an dem kürzlich ausgestrahlten Talk mit Anne Will sieht. Aber das geht eben nicht immer.

Böhmermann weiß um die Schwäche. Nachdem er die Autorin Sibylle Berg, eigentlich ein toller Talkshowgast, in Grund und Boden gequasselt hatte, twitterte er: "Ja, ich weiß. Ich habe @SibylleBerg nicht zu Wort kommen lassen. ABER ICH WAR HALT SO AUFGEREGT!!!!!!!" Und Böhmermann weiß auch, wie er diese Schwäche abstellen könnte: Er bräuchte mehr Sendezeit, vor allem müsste er öfter auf Sendung gehen können, damit der Druck auf das einzelne Gespräch sinkt.

Wenn Böhmermann im Fernsehen oder im Radio oder in einem der sozialen Netzwerke mal wieder über seine knappe Sendezeit klagt, hat das nicht nur den Grund, dass er mehr Geld machen möchte. Es würde die Sendung verändern und könnte sie noch besser machen.

Jetzt, wo die Aufmerksamkeit durch den Eklat um das Erdogan-Gedicht für Böhmermann so hoch ist, wird sich das ZDF überlegen müssen, wie lange es sein Talent noch auf einem nächtlichen Sendeplatz verstecken will. Auch andere Sender werden sich um ihn bemühen. Und außerdem ist das Medium Fernsehen für Böhmermann nicht unersetzbar. Schon jetzt verlängert er die Sendung via Youtube ins Internet, macht Vorschau-Filme und Extra-Content. Beim ZDF drang er darauf, dass das Neo Magazin Royale schon vor Ausstrahlung online abgerufen werden kann. Die Sendung exklusiv für Youtube zu produzieren, wäre der logische nächste Schritt. Mit "Sanft & Sorgfältig" ist er diesen Schritt schon gegangen. Die nächste Folge wird nicht mehr im Radio, sondern, unter anderem Namen, als Podcast bei Spotify laufen.

Quelle: n-tv.de

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