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"Er hätte dich töten können" Darum hält die Öffentlichkeit zu Johnny Depp

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Johnny Depp - Sieger der Herzen.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Niemand außer den beiden selbst kennt die Wahrheit über die Beziehung von Johnny Depp und Amber Heard. Trotzdem scheinen viele Fans dem "Fluch der Karibik"-Star noch vor der Urteilsverkündung die Treue geschworen zu haben. Wie kann das sein?

Nicht nur in den USA, sondern weltweit wird derzeit mit Spannung auf das Urteil in dem Verleumdungsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard geblickt. Das Ex-Paar bezichtigte sich vor Gericht gegenseitig der häuslichen Gewalt und gewährte der Öffentlichkeit tiefe Einblicke in menschliche Abgründe, die man sonst höchstens aus geskripteten Talkshows im Nachmittagsfernsehen kennt. Sexueller Missbrauch im Alkohol- und Drogenrausch, abgetrennte Gliedmaßen, menschlicher Kot im Bett - die Vorwürfe sind so primitiv und abscheulich, dass schwer zu glauben ist, dass das Geschilderte in der Ehe zweier Hollywood-Stars tatsächlich stattgefunden haben könnte. Nicht einmal der spektakuläre Mordprozess um den ehemaligen Footballspieler O.J. Simpson konnte mit so viel Drama aufwarten.

Besonders Heards Vorwürfe gegen Depp wiegen schwer: Der 58-Jährige soll nicht nur krankhaft eifersüchtig und kontrollierend gewesen sein, sondern sie im Laufe ihrer Beziehung auch regelmäßig grün und blau geprügelt und sexuell missbraucht haben. Unter Tränen schilderte die Schauspielerin grausame Vorfälle, wonach Depp sie sogar mit Flaschen vergewaltigt und bei "Leibesvisitationen" nach Kokain in ihrer Vagina gesucht haben soll. Die im Prozess gezeigten Fotos von zerstörter Einrichtung, herausgerissenen Haarbüscheln, Veilchen unter dem Auge und Blutergüssen an den Armen sollen die Gewaltausbrüche des Hollywood-Stars beweisen.

Doch so vehement die Anschuldigungen der 36-Jährigen auch sind - der Großteil der Öffentlichkeit glaubt Heard nicht. Zu grotesk erscheinen Prozessbeobachtern die vermeintlichen Gewaltakte, zu theatralisch ihre Darbietungen und zu einstudiert ihre Schilderungen. Manche werfen Heard sogar vor, sich aus Filmzitaten zu bedienen. "Wenn Sie Amber Heard gesehen haben und das Gefühl hatten, dass sich einige dieser Zeilen seltsam vertraut anfühlen, liegen sie richtig", schreibt etwa eine Twitter-Nutzerin. "Sie stiehlt aus Film, Fernsehen und Büchern". Als Beispiele kursieren im Netz Zitate aus "Der talentierte Mr. Ripley" und aus einem Interview von Rihanna, in dem die Sängerin über die Prügelattacke durch ihren Ex-Freund Chris Brown gesprochen hatte.

"Er hätte dich töten können"

Der Hass gegen Heard scheint währenddessen immer weiter anzuschwellen. Vor dem Gerichtsgebäude wird sie mit Buhrufen und Beleidigungen empfangen. Im Zeugenstand berichtete sie, täglich Morddrohungen gegen sie und ihr Baby zu erhalten. In den sozialen Medien wird sie in misogynen Memes als manipulative und psychisch kranke Lügnerin dargestellt, die nicht nur Depps Herz, sondern auch seine Karriere zerstört habe. Während der Hashtag "Justice for Johnny Depp" rund sieben Milliarden Aufrufe hat und regelmäßig auf Twitter trendet, wurde "Justice for Amber Heard" lediglich 25 Millionen Mal verwendet. Eine Petition auf "Change.org", in der der Rauswurf von Heard aus der "Aquaman"-Filmreihe gefordert wird, hat bereits vier Millionen Unterschriften. Und sogar Heards Zeugen, allen voran der Psychiater David Spiegel, werden im Internet belästigt und mit negativen Rezensionen überhäuft.

Auch fragwürdige Patzer ihres Rechtsbeistands waren wenig hilfreich für die Schauspielerin. So sorgte ihr Anwalt Ben Rottenborn etwa für Spott, als er Einspruch auf eine von ihm gestellte Frage erhob, weil ihm die Antwort des Zeugen von Depp nicht gefiel. Elaine Bredehoft dagegen brachte ihre Mandantin in Schwierigkeiten, als sie in ihrem Eröffnungsplädoyer ein Make-up in die Höhe hielt, mit dem sich Heard Verletzungen in ihrem Gesicht abgedeckt haben soll. Doch ausgerechnet der Hersteller widerlegte diese Behauptung mit der Begründung, dass das besagte Schminkset noch gar nicht auf dem Markt gewesen sei, als Heard von Depp geschlagen worden sein soll.

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Vor Gericht erscheinen täglich Hunderte Fans, um Johnny Depp zu unterstützen.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Johnny Depp dagegen genießt den Vorteil seines starken öffentlichen Profils. Er gehört seit den 80er-Jahren zu Hollywoods Elite, wird für sein schauspielerisches Talent bewundert und für seinen schüchternen Charakter geschätzt. Dass er mehrmals als "Sexiest Man Alive" ausgezeichnet wurde, dürfte ihm ebenfalls in die Hände spielen. So sind nun viele Menschen emotional befangen. Aus einigen Fans wurden sogenannte "Stans" - eine von Eminem kreierte Verschmelzung von "Stalker" und "Fan" - die nahezu besessen versuchen, ihr Idol zu unterstützen. In ihren Augen gibt es nichts, was der 58-Jährige falsch machen könnte - und wenn doch, sei Heard daran selbst schuld. "Er hätte dich töten können, er hatte jedes Recht dazu", heißt es etwa in einem Tiktok-Video.

Die Suche nach dem Helden

Dior Sauvage, der Duft, der seit 2015 von Depp beworben wird, verzeichnete zuletzt einen Umsatzanstieg. Dass die Marke weiterhin loyal gegenüber dem Schauspieler ist, scheint ihr also zumindest nicht zu schaden. Clips des "Fluch der Karibik"-Stars, wie er seiner Anwältin mit dem Stuhl hilft oder in seinem Captain-Jack-Sparrow-Kostüm schwerkranke Kinder im Krankenhaus besucht, werden ebenso als definitiver Beweis für die Unschuld des Filmstars angeboten wie der Umstand, dass "Aquaman"-Star Jason Momoa und Jennifer Aniston ihm seit Kurzem auf Instagram folgen. Wie könnte dieser freundliche, sanfte, lustige und charmante Mensch jemals als gewalttätiger Vergewaltiger enden?

Die Möglichkeit, dass jemand wie Johnny Depp vielmehr sogar selbst Opfer häuslicher Gewalt sein könnte - und das auch noch durch die Hände seiner attraktiven, jungen Ex-Frau - ist deswegen nicht nur einfacher zu glauben. Sie ruft bei Beobachtern auch noch stärkere Emotionen hervor, so etwas sieht man schließlich nicht alle Tage. Der zweifache Vater ist zu einer Art Symbol geworden für diejenigen, die ein Gespräch über männliche Opfer (#MenToo) führen wollen, seien es selbst Betroffene oder seien es sogenannte Männerrechtsaktivisten und Menschen, denen die #MeToo-Bewegung zu weit geht.

Zwar gibt es Hinweise darauf, dass Depps Team in der Vergangenheit womöglich Social-Media-Bots einsetzte, um die öffentliche Meinung zu kontrollieren und Heard zu diskreditieren. Zugleich scheinen viele Zuschauer aber auch Schwierigkeiten damit zu haben, mit Mehrdeutigkeiten umzugehen. Während bei Amber Heard jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, sind Johnny Depps Fans bereit, jeden noch so kleinen Moment des Zweifels zu seinen Gunsten auszulegen. Doch dieser Prozess ist eben nicht schwarz-weiß, die beiden Parteien lassen sich nicht pauschal in "Gut" und "Böse" einteilen. Toxisches Verhalten ist sowohl bei Depp als auch bei Heard klar zu erkennen, trotzdem wird in diesem Prozess händeringend nach einem Helden gesucht, auf dessen Seite man sich schlagen kann. Und wenn dieser Held ein Hollywood-Star ist, den man ohnehin schon verehrt hat, umso besser.

Aussagen von Ex-Partnerinnen helfen Depp sehr

Dass sowohl Heard als auch Depp Schauspieler sind, macht es umso schwerer zu wissen, was authentisch ist und was nicht. Selbst vermeintliche Experten vertreten Meinungen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Depp spielt seine Rolle aber besonders gut: Während er seine Fans vor dem Gerichtsgebäude mit selbstgemachten Waffeln begrüßte, gab er auch im Zeugenstand die bessere Figur ab. Zwar redete der 58-Jährige so unerträglich langsam, dass man fast meinen konnte, er beherrsche die englische Sprache nicht. Doch nutzte er die Zeit strategisch klug, um seine Ex-Frau bloßzustellen und mit frechen Aussagen gegen sie zu sticheln. Überhaupt spielte er mit der Kamera, brachte den Saal zum Lachen und reagierte mit Mimik und Gestik auf alles, was um ihn herum passierte. Das Publikum konnte also in Echtzeit in seinem Gesicht ablesen, wie er zu den Anschuldigungen seiner Ex stand, ohne dass er dafür im Zeugenstand sitzen musste.

Letztendlich hängt alles von den Beweisen ab, die beide Seiten im Prozess vorgelegt haben. Doch auch da scheint Depp die besseren Karten zu haben. Für die vermeintliche körperliche Gewalt gegen Heard gibt es keine Augenzeugen, es steht Aussage gegen Aussage. Das Beweismaterial ist ebenfalls nicht eindeutig. Denn wenngleich auf Bildern Verletzungen an Heard deutlich zu sehen sind, muss das nicht bedeuten, dass sie von Johnny Depp stammen. Anhand von E-Mails, in denen er seine Ex als "Hure" und "Fotze" bezeichnet, oder von Videoaufnahmen, in denen Depp betrunken eine Küche demoliert, lässt sich ebenso wenig nachweisen, dass er mit der gleichen Wut auch auf seine Ex-Frau einprügelte.

Die Anschuldigungen der häuslichen Gewalt haben auch Depps berühmte Ex-Partnerinnen Winona Ryder, Kate Moss, Vanessa Paradis und Lori Anne Allison befremdet. Sie alle haben sich für den Schauspieler ausgesprochen und ihm bescheinigt, ein "sanfter" und "liebevoller" Mensch zu sein. Dass er ihnen gegenüber nie gewalttätig geworden ist, heißt aber natürlich nicht, dass er es Heard gegenüber auch nicht wurde. Es mutet jedoch ungewöhnlich an. Anders als Depp wurde Amber Heard bereits einmal wegen häuslicher Gewalt an einer Ex-Freundin festgenommen. Auch in Tonaufnahmen, die dem Gericht vorgespielt wurden, ist nicht nur zu hören, wie die 36-Jährige zugibt, Depp ins Gesicht geschlagen zu haben. Sie verspottet ihn sogar dafür und fordert ihn heraus, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. "Sag es der Welt, Johnny, sag ihnen: 'Ich, Johnny Depp - ein Mann - ich bin auch ein Opfer häuslicher Gewalt.' (...) Guck, wie viele Leute dir glauben oder sich auf deine Seite stellen."

Letztendlich kennt niemand außer Johnny Depp und Amber Heard die Wahrheit über ihre Beziehung. In Großbritannien hat der 58-Jährige bereits ein ähnliches Verfahren gegen die Zeitung "The Sun" verloren, die ihn einen "Ehefrauenschläger" genannt hatte. Dennoch scheint ihm der Großteil der Öffentlichkeit die Treue geschworen zu haben. Daran wird sich vermutlich selbst dann nichts ändern, wenn der "Fluch der Karibik"-Star den Prozess verlieren sollte.

Quelle: ntv.de

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