Unterhaltung

"Unter aller Sau" Eklat um Frei.Wild in Hamburg

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"Südtirol-verbundene Menschen", die Massen begeistern: Frei.Wild am 16. April 2015 in der Münchner Olympiahalle.

(Foto: imago/Plusphoto)

Die Südtiroler Gruppe Frei.Wild polarisiert noch immer. Ausverkaufte Tourneen und Nummer-1-Alben auf der einen, fragwürdige Texte auf der anderen Seite. Nun gerät die Band mit den Machern des Hamburger Reeperbahn-Festivals aneinander.

Wie rechts sind Frei.Wild? Daran scheiden sich nach wie vor die Geister. Klar ist, dass Sänger Philipp Burger früher rechter Skinhead war. Klar ist, dass die Gruppe in einem Song wie "Rache muss sein" von 2002 offen Gewalt zelebriert (Textauszug: "Jetzt liegst du am Boden, liegst in deinem Blut. Das Blut auf meinen Fäusten, ich find', das steht mir gut."). Klar ist, dass in einem Song wie "Für immer Anker und Flügel" von 2013 mit den Worten "Sturm, brich los" ein Joseph-Goebbels-Zitat steckt. Und klar ist auch, dass in einem Lied wie "Südtirol" von 2003 reichlich plumper Regionalstolz herausposaunt wird (Textauszug: "Südtirol, wir tragen deine Fahne, denn du bist das schönste Land der Welt. Südtirol, sind stolze Söhne von dir, unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her.").

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Seit 2006 ist das "Reeperbahn-Festival" in Hamburg eine feste Größe.

(Foto: Reeperbahn-Festival)

Trotzdem ist die Sache nicht so eindeutig, wie es den Anschein machen könnte. Burger hat sich seit Langem von seiner Skinhead-Vergangenheit distanziert. Den Song "Rache muss sein" bezeichnet er heute als "Dreckslied, mit dem wir uns überhaupt nicht mehr identifizieren wollen". Das Goebbels-Zitat will der Sänger und Songwriter einem "Spiegel"-Interview vom April 2015 zufolge nicht gekannt haben: "Man wälzt beim Schreiben von Songs ja nicht jedes Mal die Geschichtsbücher." Und wenngleich die Band - wie Burger wiederum in einem Interview mit der "Taz" 2013 - eine "konservative Wertehaltung" einräumt, wehrt sie sich doch gegen den Vorwurf, völkisch und nationalistisch zu sein.

Schillernd wie die Onkelz

So stehen Frei.Wild im Hier und Jetzt ähnlich schillernd da wie auch schon die Böhsen Onkelz. Beide Bands eint nicht nur der rechte Makel, den sie scheinbar nie abstreifen können, sondern auch ihre Liebe zur Opferrolle. Schuld sind demnach immer die anderen, die alles falsch verstehen - die Kritiker, die Presse oder die Bands, die seinerzeit die Echo-Verleihung boykottierten, weil Frei.Wild nominiert waren. Doch die Südtirol-Rocker haben auch noch etwas anderes mit den Onkelz gemein: eine ansehnliche Fangemeinde, die für ausverkaufte Arenen, Nummer-1-Alben in Reihe und stete Rückendeckung sorgt. Wer über die Onkelz oder Frei.Wild etwas Kritisches oder auch nur Hinterfragendes schreibt, bekommt den Shitstorm frei Haus.

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Das zugehörige Plakat zum Frei.Wild-Auftritt.

(Foto: Facebook / Frei.Wild)

Mit den erbosten Reaktionen wütender Frei.Wild-Fans müssen nun auch die Macher des Reeperbahn-Festivals in Hamburg leben. Angefangen hat alles mit einem Facebook-Post der Band zu einem exklusiven Auftritt der Gruppe mit lediglich 300 Zuschauern in der Hansestadt: "Der Reeperbahn ihr Festival, Frei.Wild live im Platzhirsch", war da zu der Abbildung eines entsprechenden Konzertplakats zu lesen. Und: "Im Background die Hamburger Kulisse des europaweit wohl wichtigsten Musik-Events nationaler und internationaler Newcomer namens 'Reeperbahnfestival', im Vordergrund wir vier Jungs aus Südtirol, die am 26. September bereits zum fünften Mal in ihrer Geschichte mit der 'heiligen' Goldenen Schallplatte ausgezeichnet werden dürfen!"

Keine Frage: Der Post konnte den Eindruck erwecken, als sei das Konzert ein zum Festival gehörender Programmpunkt. Das wollten die Verantwortlichen des Musik-Events vom 23. bis 26. September jedoch so nicht stehen lassen: "Laut einer heute von der Band Frei.Wild lancierten Meldung auf ihrer Homepage erweckt die Südtiroler Band den Eindruck, auf dem Reeperbahn Festival 2015 zu spielen. Davon distanzieren wir uns entschieden", posteten die Festival-Macher nun ihrerseits auf Facebook. Man habe sogar rechtliche Schritte gegen die Frei.Wild-Aussage eingeleitet. Denn: "Das Reeperbahn Festival bleibt, wie man es auch vom Stadtteil St. Pauli kennt, bunt und offen für alle - und bietet weder rassistischem, faschistischem, gewaltverherrlichendem oder anderem extremen Gedankengut eine Plattform."

"Krieg" gegen Frei.Wild?

Dies wiederum rief erneut Frei.Wild auf den Plan, die sich bei Facebook ausführlich rechtfertigten: "Ach könnte das Leben doch einfach sein, es könnte friedlich ablaufen, ja fast harmonisch könnte es sein, wenn man uns und unsere Fans einfach Musik machen lassen würde; einfach honorieren und neidlos anerkennen würde, dass wir keine Verbrecher, Aufhetzer, Antidemokraten oder schlimmer noch, Rassisten und Ewiggestrige sind, sondern Südtirol-verbundene Menschen, die ihren deutschsprachigen Rock'n'Roll lieben, spielen und leben", spielte die Band den Ball abermals zurück - nicht ohne dabei "Social Media und Pressewelt" in Mithaftung zu nehmen, die den Vorfall mal wieder genutzt hätten, um gegen Frei.Wild "Krieg" zu führen.

Das Reeperbahn-Festival würden sie auch privat gern besuchen, erklärten die Musiker. Den Verantwortlichen schrieben sie dennoch ins Stammbuch: "Eure Wortwahl war zwar unter aller Sau, aber wir tragen euch auch nichts nach, wie solltet ihr es besser wissen, wenn es schnell gehen musste. Also: Love & Peace Freunde, alles halb so wild."

So klingt es, wenn man sich im Musikgeschäft immer mal noch ein Türchen offenhalten möchte. Die Opferrolle aber nehmen Frei.Wild gerne wieder an. Ist ja auch ein erfolgserprobtes Konzept - den Fans der Jungs aus Südtirol wird es gefallen.

Quelle: ntv.de