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Vom Funkerberg in die Welt 50 Geschichten aus 100 Jahren Radio

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In den Anfangsjahren des Radios versammelte man sich zum Hören noch vor dem Empfangsgerät - heute ist der Rundfunk ungleich mobiler.

(Foto: imago images/imagebroker)

Radio kann man heute immer und überall hören - vor 100 Jahren, als die erste Rundfunksendung in Deutschland übertragen wurde, sah das noch ganz anders aus. Wie genau und was danach passierte, wie Piratensender, DT 64 und die ersten Hitparaden entstanden, hat ein Radio-Fan in "Eine Prise Funkgeschichte" zusammengetragen.

Das Radio gibt es schon lange - es ist alt, aber nicht veraltet. Heute kann man die Sendungen überall und unkompliziert hören, ganz ohne Rundfunkgerät im klassischen Sinne: per Internet, etwa übers Smartphone, empfängt man Sender aus aller Welt. Wie das alles begann, wie Radio erfunden wurde, wie es technisch funktioniert, welche Menschen dahinterstecken - das hat Funk-Fan Rainer Suckow in seinem Buch "Eine Prise Funkgeschichte - Fünfzig Geschichten aus hundert Jahren Rundfunk" zusammengetragen.

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Gebäude des Sender- und Funktechnikmuseums auf dem Funkerberg. In den 1930er-Jahren standen dort insgesamt 22 Sendemasten und -türme.

(Foto: picture alliance / ZB)

Anlass ist ein historisches Ereignis vor 100 Jahren, am Nachmittag des 22. Dezember 1920: Auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen bei Berlin wurde in der ersten Rundfunksendung aus Deutschland ein Weihnachtskonzert übertragen; die ersten Worte lauteten: "Hallo, hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700". Damals konnte, ganz anders als heute, nur ein sehr kleiner Kreis zuhören und das auch nur über Kopfhörer - erst als es brauchbare Lautsprecher gab, wurde das Zuhören mobiler.

Paris, London, Tokio - Zeesen!

Auch einzelne Rundfunksender konnte man erst ein paar Jahre später einstellen - der erste geeichte Röhrenempfänger, der eine Stationsanzeige hatte, war 1925 eine Revolution! Wie es dazu kam, dass neben Weltstädten wie Paris, London und Tokio der kleine Ort Zeesen auf den Radioskalen auftauchte, auch das erfährt man in der bunten Sammlung aus Anekdoten und Geschichten aus der Entwicklung des Radios, die ohne chronologische Folge und Zusammenhang im Buch aneinandergereiht sind.

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So wird etwa das Haus des Rundfunks in Berlin, der beeindruckende Bau von Hans Poelzig, vorgestellt: Es ging 1931 in Betrieb; nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm dort die sowjetische Besatzungsmacht den Sendebetrieb wieder auf, obwohl es im britischen Sektor lag. Erst Jahre später wurde das Haus an den Berliner Senat übergeben; ab 1957 sendete der SFB (Sender Freies Berlin) von hier, heute der RBB (Rundfunk Berlin Brandenburg). Wie die Politik Einfluss auf den Rundfunk nahm, zeigt sich ebenso in der Geschichte von Deutschlandfunk, Deutschlandsender und Deutschlandradio - der Kalte Krieg ging auch über Funkwellen, der Deutschlandfunk der ARD war auch dazu gedacht, die DDR-Bürger zu erreichen. Die holten sich über westdeutsche Radiosender nicht nur Informationen, die ihnen die landeseigenen Sender nicht boten, sondern auch Musik.

Am Staatsradio vorbei in Ost und West

Aber nicht nur in der DDR, auch in anderen Ländern wie Großbritannien gab es Sender, die am Staatsradio vorbeifunkten: Der Piratensender "Radio Caroline" spielte ab 1964 die Musik, die Jugendliche hören wollten, die die damals sehr steife BBC ihnen aber noch vorenthielt: Rockmusik wie von den Rolling Stones, mit denen der Sendebetrieb bei "Radio Caroline" begann. Viele weitere Piratensender folgten, "Radio Caroline" wurde zur Legende und hat seit Mitte der 1990er eine offizielle Lizenz.

Auch ein Radioprogramm nur für die Jugend war DT 64 - eingerichtet für das Deutschlandtreffen der Jugend 1964 (daher der Name), sollte er eigentlich nur für kurze Zeit existieren. Zu hören waren für DDR-Bürger damals ungewohnte, nicht alltägliche Töne: "Live-Moderationen und freie Kommentare, locker gesprochene Nachrichten und Musik von den Beatles". Er schlug darum ein und war so enorm beliebt, dass es Wäschekörbe voller Fanpost gab - DT 64 erhielt dann einen festen Sendeplatz und wurde Mitte der 80er schließlich ein eigener Sender.

Charts, Tesla und technische Details

Suckow weiß zu berichten, dass im Radio die Hitparade erfunden wurde und wann und wo es die ersten Charts gab, welche Folgen die Erfindung des Autoradios hatte und was Nikola Tesla für ein Typ war - eine Mischung aus "Wahnsinn und Genie". Suckow nimmt mit auf einen Ausflug auf den Berliner Funkturm und den Fernsehturm - immerhin das höchste Gebäude Deutschlands - und man erfährt, wer der erste amtliche Radiohörer war und wo der höchste Sendemast steht. Neben solchen Ausflügen in Politik, Alltags- und Popkultur gibt es in "Eine Prise Funkgeschichte" auch Kapitel voller technischer Details, die eher für Funkamateure von Interesse sein dürften.

Die Illustrationen darin stammen von der Mutter des Autors, Helga Suckow. Das ganze Buch ist mithilfe von Familien und Freunden entstanden; das Vorwort dazu hat Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue beigesteuert. Rainer Suckow selbst ist Hörfunker mit Leib und Seele - er hat ab 1984 in der Funkschule auf dem Funkerberg gelernt und ist seit 2006 Vorsitzender des Fördervereins, der dort das Sender- und Funktechnikmuseum betreibt. "Eine Prise Funkgeschichte" kann man durchaus als seine schriftliche Liebeserklärung an das Radio ansehen.

Quelle: ntv.de