Essen und Trinken

Bei Herzschmerz und kalten Füßen Gekochtes Wasser rettet Leben

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Der moderne Suppenkasper liebt seine Suppe.

(Foto: imago stock&people)

Manch Zecher hat am Morgen danach die Nacht verflucht, mit Kopf und Magen wie vom anderen Stern. "L’aïgo boulido sauvo la vido", sagen die Franzosen und löffeln dagegen an. Die wundertätige Wirkung entfaltet das Mittelchen auch bei anderen Schräglagen.

Die letzten wärmenden Mittagssonnenstrahlen hier und dort können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sommer vorbei ist und der Herbst begonnen hat. In unserer Vierjahreszeitenwetterzone ist der Herbst eigentlich die reichste Jahreszeit: Es wird reif, was in den Sommermonaten langsam herangewachsen ist - Äpfel, Birnen und Pflaumen, Porree und Zwiebeln, verschiedene Kohlsorten und Kürbisse aller Größen und Farben, Rüben, Quitten, Nüsse und Pilze. Für mich und meine Katze Hanni bringt der "goldene Herbst" allerdings auch den immer etwas wehmütigen Abschied vom beschaulichen Garten-Grün in Rand-Berlin und den Rückzug in die quirlige Hauptstadt. Und nun sitzt Hanni auf dem Fensterbrett im fernheizungswarmen Winterquartier und beäugt Menschen und Hunde auf dem Rasen, die von hier oben mausähnliche Größe annehmen. Wenn aber eine dicke Krähe von der Dachkante startet, zieht der schwarz-weiße Stubentiger den Kopf ein. Feige Nuss!

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Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird: Kanzlerin Merkel pustet sich bei der Eröffnung eines Senioren-Aktivzentrums der Volkssolidarität in Greifswald eine Suppe zurecht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein paar mitgebrachte Gartenschätze ruhen noch im Gemüsefach des Kühlschranks: frische Kräuter! Daraus lassen sich die leckersten Suppen zaubern, denn Herbstzeit ist nicht nur Erntezeit, sondern auch Suppenzeit. Kochen kann sehr befriedigend sein - was ist schon der Klingelton der Mikrowelle "Essen ist fertig" gegen den aromatischen Geruch, der aus den Töpfen auf dem Herd strömt und einem das Wasser auf der Zunge zusammenlaufen lässt? Allen Fertiggericht-Käufern und Mikrowellen-Bedienern, bei denen komplizierte Kochrezepte Fluchtgedanken auslösen, bieten gerade Suppen eine einfache Alternative: Die meisten Suppen lassen sich gut im Voraus zubereiten und schmecken aufgewärmt ebenso gut; viele bestehen aus nur wenigen Zutaten, der Geschirreinsatz hält sich in Grenzen und sie schmecken einfach himmlisch gut, egal ob süß oder pikant, erwärmen Seele und Herz, wenn sie im Magen ankommen. Und das Beste: Selbstgemachte Suppen ermöglichen uns, genau das zu essen, was uns schmeckt, was gesund ist. Wir wissen, was drin ist und brauchen keine Geschmacksverstärker. Zeitmangel ist übrigens eine Ausrede, denn die meisten Suppen sind weniger aufwendig als man denkt.

Suppen dürften die ersten Kindheitserinnerungen ans Essen sein, meist an süße Milchnudeln oder Grießsuppen. Im Laufe der Jahre hat sich bei den meisten Menschen der Geschmack geändert, die Liebe zum süßen Brei ist der zu Pikantem oder Feurigem gewichen. Was geblieben ist, ist die Erinnerung an ein befriedigendes Löffeln im Familienkreis. Warum als Erwachsener darauf verzichten?

Gegen Herzschmerz lässt sich anlöffeln

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L’Aïgo boulido tut nach feucht-fröhlicher Nacht dem Magen gut. Aber nicht nur dann.

(Foto: imago stock&people)

Rund um den Globus sind Suppen beliebt; überall gibt es berühmte Suppen wie französische Fischsuppe, italienische Pilzsuppe, chinesische Nudelsuppe, thailändische Zitronengrassuppe, ukrainische Soljanka, bulgarische Fleischklößchensuppe, Berliner Kartoffelsuppe oder Hamburger Aalsuppe. All diese Suppen sind sowohl alltagstauglich als auch aufregende Gerichte zur Gästebewirtung und haben längst Eingang in die Gourmet-Küche gefunden, meist etwas aufgepeppt. Doch hinter dem ganzen Zauber steckt nichts weiter als ein Grundrezept einer einfachen Suppe: nahrhaft, lecker und gut verdaulich. Wer sich heute einen "Suppenkasper" nennt, ist ein Liebhaber von Eintöpfen, kein Suppenverweigerer aus dem "Struwwelpeter" von 1847, der immer schrie: "Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!" und am fünften Tage tot war.

Im Unterschied zu früher dient die Suppe heutzutage nicht mehr vorrangig der Resteverwertung; deshalb, und weil Suppen meist aus preiswerten Zutaten gekocht wurden, waren sie in den vergangenen Jahrhunderten die Hauptnahrung der Armen. Im 19. Jahrhundert wurden zudem Suppenküchen eingerichtet, die den Ärmsten der Gesellschaft Hilfe boten. Leider muss es auch in unserer Überflussgesellschaft noch Suppenküchen geben, die Obdachlose und andere bedürftige Mitbürger mit warmem Essen versorgen.

Im Paris des 18. Jahrhunderts stand Suppe in dem Ruf, den Körper zu "restaurieren". "Restaurant" war das Beiwort für eine kraftspendende, eben restaurierende Suppe. Der Begriff wurde später auf Gaststätten übertragen. Damals enthielt jenes Lebenselixier immerhin "drei Rebhühner, eine Hammelkeule und eine Kalbskeule". Pariser Wirte, die die Suppe zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Herd warm hielten, nannten sich "Restaurateure". Heute geht's auch mit weniger schwergewichtigen Zutaten, aber wer sich mal den Magen "verstaucht" hat weiß, dass eine gute Suppe alles Mögliche wieder einrenken kann, selbst ein Ehestreit lässt sich eventuell leichter schlichten, wenn nicht jeder seine Suppe allein auslöffeln muss. Schmecken muss sie allerdings beiden Streithähnen bzw. -hennen…

Als ein solches belebendes Elixier gilt in Frankreich heute noch "L’Aïgo boulido". Die berühmte provenzalische Knoblauchsuppe ist ein wundertätiges Mittel gegen Kälte und müde Knochen, gegen schlechte Laune und Herzschmerz. Ein altes provenzalisches Sprichwort lautet: "L’aïgo boulido sauvo la vido". Was so viel heißt wie "gekochtes Wasser rettet das Leben", denn diese Suppe gleicht einem Zaubermittel, das halbtote Helden durchzechter Nächte wieder auf die Beine bringt. (Schon immer mal an den Neujahrsmorgen denken!) Hinter "L’Aïgo boulido" verbirgt sich eine eher spartanische, auf Wasserbasis gekochte Suppe aus Knoblauch, Lorbeer, Thymian und Salbei, die mit Eigelb legiert wird. Schon an der Zusammensetzung der Kräuter lässt sich erahnen, dass in dem Knoblauchsüppchen der ganze Duft und die Kraft der Provence stecken. Wer’s gut meint mit sich und den anderen Löfflern am Tisch, peppt das "gekochte Wasser" ein wenig auf und nimmt stattdessen Gemüsebrühe, Hühner- oder Rindsbouillon.

Provenzalische Knoblauchsuppe "L’Aïgo boulido"

Zutaten (4 Pers):

1,5 l Wasser oder Brühe
16 Zehen Knoblauch (oder ein paar weniger)
8 Blätter Salbei
3 Stängel Thymian
4 Stängel Petersilie
1 Zweig Rosmarin
1 Lorbeerblatt
2 Gewürznelken
6 Esslöffel Olivenöl
3 oder 4 Eigelbe
Salz, weißer Pfeffer aus der Mühle

Zubereitung:

3 EL Olivenöl erhitzen und die geschälten Knoblauchzehen, sämtliche Kräuter und Gewürze ein paar Minuten bei geringer Hitze anschwitzen. Mit dem Wasser bzw. der Brühe auffüllen und etwa 30 Minuten köcheln lassen. Danach die Bouillon durchsieben, dabei die gekochten Knoblauchzehen etwas ausdrücken.

Die Eigelbe in einer Terrine oder in einen anderen Suppentopf geben und mit dem Schneebesen eine Minute lang schlagen. Das restliche Öl tropfenweise unter weiterem Schlagen zugeben (wie bei Mayonnaise). Dann die durchgesiebte, sehr heiße, aber nicht mehr kochende Knoblauchbrühe unter weiterem kräftigen Rühren nach und nach zugeben. Die Suppe muss gut gebunden sein, deshalb ist das kräftige Schlagen und Rühren wichtig.

Einfacher ist es, man gibt pro Person ein Eigelb in den Suppenteller oder die Suppentasse und füllt mit der kochenden Suppe auf.

In beiden Varianten gilt: Sofort und so heiß wie möglich servieren und mit gerösteten Baguettescheiben genießen. Ganz lecker wird’s, wenn die Brotscheiben während der Suppenzubereitung mit Käse bestreut und überbacken werden. Auch ein paar auf die Suppe gestreute Croutons passen dazu.

Gutes Gelingen und einen schönen Herbst wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de