Kino

Zwischen Pornografie und Zärtlichkeit Verloren im blauen Ozean der Gefühle

BiewF©Alamode_WBG1.jpg

Adèle und Emma müssen für ihre Beziehung einige Widerstände überwinden.

(Foto: Alamode / WBG)

In Cannes erregt "Blau ist eine warme Farbe" die Gemüter. Die einen sind hingerissen von dem Liebesfilm um zwei lesbische Frauen. Die anderen sprechen von Pornografie. Dabei besticht die zärtlich erzählte Geschichte durch intensive Bilder. Das Thema der Comicvorlage verfehlt sie trotzdem.

BiewF©Alamode_WBG5.jpg

Emma fällt auf.

(Foto: Alamode / WBG)

Bei einer Comicverfilmung denken die meisten Menschen wohl zuerst an Superhelden, Mutanten und Monster, aber nicht an eine Liebesgeschichte. Man denkt an Action und Explosionen, aber nicht an ein intensives Beziehungsdrama. Und man erwartet wohl auch nicht die berührende Geschichte eines Coming-outs. Doch genau das ist "Blau ist eine warme Farbe" von Regisseur Abdellatif Kechiche.

Er erzählt die Geschichte von Adèle (Adèle Exarchopoulosin). Die Schülerin liest gern, sie interessiert sich für Philosophie, sie will Lehrerin werden und sie geht mit Thomas aus - der Mitschüler hat sie angesprochen. Doch auf dem Weg zum Date schlägt bei Adèle der Blitz ein, als sie einer jungen Frau auf der Straße begegnet. Sie kann diese Gefühle nicht einordnen, aber die strahlend blauen Haare der Frau und ihr herausforderndes Lächeln gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn.

BiewF©Alamode_WBG6.jpg

Adèles Gefühle gleichen einer Achterbahnfahrt.

(Foto: Alamode / WBG)

Die kurze Beziehung zu Thomas beendet Adèle. Ihre Gefühlswelt wird zur Achterbahnfahrt: Wer war diese Frau? Warum denke ich ständig an sie? Warum erregt es mich, wenn ich von ihr träume? Hoffen, Sehnen, Verzweifeln - wenn man sich das erste Mal richtig verliebt, spielen die Emotionen verrückt. Wenn man bemerkt, dass man sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt, wird das Chaos noch vervielfacht. Nur Adèles schwuler Freund Valentin will sie aufmuntern - er nimmt sie in eine Schwulenbar mit.

Verleumdet und beschimpft

An diesem Abend begegnet Adèle erneut jener Frau mit den blauen Haaren. Emma (Léa Seydoux, "Leb wohl, meine Königin!") ist Kunststudentin und Adèle von ihrer Erfahrung und Intelligenz fasziniert. Sie treffen sich wieder, führen lange Gespräche, kommen sich näher, werden schließlich ein Paar. Doch Adèles Freundinnen reagieren entsetzt, sie verleumden und beschimpfen sie. Und auch sie selbst ist unsicher, ihren Eltern verschweigt sie die Beziehung. Nur langsam bekennt sie sich dazu und zieht schließlich mit Emma zusammen. Doch die Liebe zwischen der Künstlerin und der angehenden Lehrerin wird noch auf mehrere harte Proben gestellt.

Seiten aus blue_is_the_warmest_colour_s_055.jpg

Die beiden Frauen nähern sich langsam an, ...

(Foto: Éditions Glénat / Splitter Verlag 2013)

Selten war ein Liebesfilm so nah an den Protagonistinnen und ihren Gefühlen. Kein Wunder, dass "Blau ist eine warme Farbe" in diesem Jahr die Goldene Palme von Cannes gewann. Und nicht nur das: Entgegen den Festivalregeln wurden auch die beiden Hauptdarstellerinnen ausgezeichnet. Gleichzeitig sorgte der Streifen aber für Kontroversen. Einige Zuschauer verließen wegen der expliziten Sexszenen die Vorführung, sie warfen dem Regisseur Pornografie vor. Andere waren begeistert von dem sensibel erzählten Drama, der Emotionalität, die aus den Bildern sprach und von der jungen Hauptdarstellerin Adéle Exarchopoulos. Zudem gab es in Frankreich just zur Zeit der Filmfestspiele heftige Proteste gegen die Homo-Ehe. Der Film traf also einen gesellschaftlichen Nerv.

Seiten aus blue_is_the_warmest_colour_s_108.jpg

... müssen ihre Beziehung aber verheimlichen.

(Foto: Éditions Glénat / Splitter Verlag 2013)

Doch auch von anderer Seite gab es schwere Vorwürfe gegen Kechiche und das nicht nur wegen unbezahlter Überstunden bei den Dreharbeiten. Die beiden Darstellerinnen erklärten, nicht mehr mit ihm arbeiten zu wollen, da die Erfahrung "schrecklich" gewesen sei und sie sich manipuliert fühlen würden. Exarchopoulos erklärte, dass sie die Sexszenen bei der Premiere nicht habe anschauen können, weil sie sich erniedrigt gefühlt habe. Seydoux sagte, sie habe sich bei den Dreharbeiten als "Prostituierte gefühlt", was sie später relativierte.

Heterosexuelle Vorstellung von lesbischem Sex

Kritik gab es aber auch von der Autorin der Comicvorlage. Julie Maroh, die für ihr Werk bereits den Publikumspreis beim renommierten Comicfestival von Angoulême gewonnen hatte, verglich aber nicht nur die Sexszenen mit einem Porno. Sie unterstellte Regisseur Kechiche auch, dass er im Vorfeld keine homosexuelle Person zu dem Thema befragt habe. Dementsprechend warf sie ihm vor, keinen lesbischen Sex, sondern eine heterosexuelle Vorstellung von lesbischem Sex zu zeigen.

Seiten aus blue_is_the_warmest_colour_s_142.jpg

Die Rückblenden sind in Grautönen gehalten, doch am Ende kommen auch gedeckte Farben ins Spiel.

(Foto: Éditions Glénat / Splitter Verlag 2013)

Tatsächlich unterscheiden sich Comic und Film in ihrer Schwerpunktsetzung. Die Adaption ist eher ein Coming-of-Age-Streifen, die Graphic Novel eher ein Werk über ein Coming-out. Marohs Buch, das zum Kinostart auf Deutsch im Splitter-Verlag erscheint, geht sensibler mit dem Thema Sexualität um. Die Hauptfigur, die hier Clementine und nicht Adèle heißt, hadert stärker mit der Erfahrung, dass sie auf Frauen steht. Das bestimmt auch ihr Verhältnis zu Emma, die immer wieder Clementines eindeutiges Bekenntnis zu der Beziehung erwartet. Doch die hadert lange mit sich selbst. Deshalb entwickelt sich die Beziehung der beiden bei Maroh viel langsamer, die beiderseitige Unsicherheit und auch die Tatsache, dass Emma in einer Beziehung steckt, nehmen mehr Raum ein.

Viel stärker betont Maroh zudem den Zusammenhang zwischen dieser Verunsicherung und den Anfeindungen der Umwelt. Die Beschimpfungen der vermeintlichen Schulfreundinnen, die homophoben Vorbehalte bei Clementines Eltern (im Gegensatz zur Akzeptanz bei Emmas Mutter und Vater), aber auch Anfeindungen fremder Menschen auf der Straße - dass alles zeigt Maroh, die dabei wohl auch auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen hat. Ihr Buch ist deshalb nicht nur sensibler, sondern auch radikaler, weil es die grassierende Homophobie in der Gesellschaft realistischer darstellt.

Blau_ist_eine_Warme_Farbe_frontcover_deutsch.jpg

"Blau ist eine warme Farbe" ist bei Splitter erschienen, 156 Seiten im Hardcover, 19,80 Euro (D).

(Foto: Éditions Glénat / Splitter Verlag 2013)

Auch Sexszenen gibt es im Comic, nur dass sie einen anderen Charakter haben, der eher die Verunsicherung der Protagonistinnen widerspiegelt. Im Film sind diese Szenen expliziter und ausschweifender, sie wirken nicht so, als würde hier eine junge Frau gerade erst ihre Homosexualität entdecken. Der Pornografie-Vorwurf ist deshalb nicht ganz unbegründet, auch wenn die zwei, drei Sexszenen in dem dreistündigen Film nur wenig Raum einnehmen. In ihrer Sterilität widersprechen sie schlicht und ergreifend der intensiven Atmosphäre des Streifens. Andererseits scheint Kechiche zu wissen, wie man einen Skandal heraufbeschwört und das Medieninteresse weckt.

Der Film hat seine Stärken

Neben den Sexszenen hat sich Kechiche allerdings auch an anderer Stelle künstlerische Freiheiten herausgenommen: Die Rahmenhandlung des Comics lässt er weg, das damit zusammenhängende Ende hat er stark verändert. Einen großartigen, intimen Film hat er trotzdem vorgelegt, weil er gekonnt die Gefühlswelt eines Teenagers seziert. Die Kamera ist so nah dran an den Hauptfiguren, dass man Adèles fettige Haut und ihre Pickel sehen, ihre Tränen schmecken, ihre Küsse hören kann. Man fühlt mit ihr, spürt ihre Verwirrung und Unsicherheit, macht jede ihrer Gefühlsschwankungen mit. Das ist sehr intensiv und mitreißend.

Zudem führt der Film einige Themen aus, die im Buch zu kurz kommen: Die intellektuelle Anziehung, die Emma auf Adèle ausübt, wird besser dargestellt, aber auch, dass Adèle sich in Emmas Freundeskreis aus Künstlern und Philosophen nicht wohl fühlt. Dementsprechend arbeitet Kechiche die sozialen und bildungsbürgerlichen Unterschiede der beiden Familien und ihren Umgang mit den Töchtern stärker heraus. Auch die Entwicklung der Beziehung, das Zusammenleben, Adèles Beruf als Lehrerin und ihre Begeisterung für Kinder zeichnet der Film genauer als das Buch, wo all dies nur angedeutet wird.

"Blau ist eine warme Farbe" ist großes Gefühlskino. Vergleicht man den Streifen jedoch mit der Comicvorlage, stellt man fest, dass Kechiche aus einem Buch über ein Coming-out und Homosexualität einen Film über eine Beziehung zwischen zwei Menschen gemacht hat. Das ist nicht verwerflich, verfehlt aber das Anliegen von Julie Maroh, auf eine homophobe Gesellschaft hinzuweisen. Den meisten Zuschauern dürfte das egal sein. Zumindest wird dies nicht dieselben Diskussionen hervorrufen wie die vermeintliche Kontroverse um die Sexszenen.

"Blau ist eine warme Farbe" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Die Vorlage "Blau ist eine warme Farbe" bei Amazon bestellen. Eine kurze Leseprobe gibt es hier.

Quelle: n-tv.de