Kino

"Du sollst nicht töten" Franz Jägerstätter definiert Freiheit neu

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August Diehl brilliert in "Ein verborgenes Leben" als unbeugsamer Sturkopf.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was ist Freiheit? "Heil Hitler" zu rufen, um am Leben zu bleiben? Oder es nicht zu tun und darum zu sterben? Franz Jägerstätter hat sich für den Widerstand gegen die Nazis entschieden. Das Drama "Ein verborgenes Leben" zeigt die bewegenden letzten Tage des Kriegsdienstverweigerers.

Sommer 1943. Wieder wird Franz Jägerstätter aus dem österreichischen St. Radegund zur Wehrmacht einberufen. Rettete den einfachen Landwirt vor drei Jahren noch seine Einstufung als unabkömmlich vor einem Einsatz, trifft der fromme Katholik nun eine folgenschwere Entscheidung. Das fünfte Gebot der Bibel - "Du sollst nicht töten" - befolgend, will er keine Waffe auf andere Menschen richten. Also kommt Jägerstätter ins Gefängnis, wo er sich weiterhin vehement sträubt, seine Wehrdienstverweigerung zu widerrufen.

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Sich den Nationalsozialisten unterordnen und Adolf Hitler die Treue schwören - das kommt für ihn nicht infrage. Er müsse nur dieses eine Papier unterschreiben, sagt ihm sein Pflichtverteidiger. Es seien doch nur ein paar Worte, die er sagen müsse, ohne sie ernst zu meinen. Dann käme er frei und könne zurück zu seiner Familie. "Ich bin ja frei", erwidert der Bauer aus den Alpen jedoch. Und lächelt. Dass diese Freiheit seinen Tod bedeutet, weiß er selbst. "Besser die Hände gefesselt als der Wille."

Die Geschichte des "Wehrkraftzersetzers", der einsamen Widerstand gegen Hitler leistete und dafür mit seinem Leben bezahlte, ist zwar eine bekannte, aber keine populäre. 2007 wurde Jägerstätter von Papst Benedikt selig gesprochen, nun verfilmt US-Regisseur Terrence Malick seine Heldentat in "Ein verborgenes Leben" erstmals für die Kinoleinwand. 2016 wurde das dreistündige Epos bereits gedreht. Die vergangenen Jahre verbrachte der ebenfalls gläubige Malick damit, das gesamte Material mit Hingabe und Liebe zum Detail zusammenzuschneiden, um den Charakteren die nötige Tiefe zu verleihen.

Schlimmer als "der Feind"

Herausgekommen ist ein ebenso starkes wie trauriges Kriegsdrama, das auf dem Briefwechsel zwischen dem inhaftierten Jägerstätter (August Diehl) und seiner Frau Fani (Valerie Pachner) basiert. Sie und die drei gemeinsamen Töchtern müssen sich in Niederösterreich mit der zunehmenden Feindseligkeit der Dorfbewohner herumschlagen. Denn für die überzeugten Nazis ist Jägerstätter viel schlimmer als "der Feind". Er hat sich seiner "Rasse" verweigert und ist damit ein Verräter.

Hätte man den Film an der einen oder anderen Stelle kürzen können? Möglich. Aber jemand wie Franz Jägerstätter hat es verdient, 174 Minuten unserer ungeteilten Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wie bereits in seinen Filmen "Der schmale Grat" und "Tree of Life" erhebt Regisseur Malick die unschuldige Idylle der Natur zu einem Protagonisten, an dem sich die Emotionen seiner Figuren ranken. Den von Menschen gemachten lebensbedrohlichen Terror stellt er dagegen.

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Ehefrau Fani lässt ihn wohl oder übel gehen.

(Foto: imago images/Prod.DB)

Natürlich vermisst Jägerstätter seine Familie. Er vermisst sein Leben auf dem Land, das feuchte Gras, den weiten Blick in die Natur und die Sonne auf seiner Haut. Aber es ist der Moment, in dem er seinen Kindern beim Spielen auf dem Feld zusieht, als Jägerstätter weiß, was er nicht zu tun hat: sich zu beugen. Und so erfreut er sich einfach an dem geklauten Unkraut aus dem Gefängnishof und gibt sich mit den wenigen Sonnenstrahlen zufrieden, die durch das kleine Fenster in seiner Zelle in Berlin-Tegel fallen. "Wenn du aufhörst, um jeden Preis leben zu wollen, strömt neues Licht hinein", schreibt er Fani.

"Wir sind verantwortlich für unser Tun"

"Ein verborgenes Leben" ist kein klassischer Film zur Aufarbeitung der Naziherrschaft. Es geht auch nicht um politischen Widerstand oder die Frage nach "links" oder "rechts". Denn darum ging es auch Franz Jägerstätter nicht, er wollte keinen Märtyrertod sterben. Es geht allein um den Glauben. An Gott einerseits - vor allem aber um den Glauben an das richtige Handeln. Darum, dieses Handeln gewissenhaft weiterzuführen, auch wenn Millionen andere es falsch machen. Sogar dann, wenn man für seine Überzeugung das größtmögliche Opfer bringt. Er zieht es vor, Ungerechtigkeit zu erfahren, statt sie auszuüben.

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Bruno Ganz als Vorsitzender des Kriegsgerichts verkündet Jägerstätters Todesurteil.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Wir sind verantwortlich für unser Tun", ist sich Jägerstätter sicher. Die katholische Kirche als Institution hat den Kampf längst aufgegeben und sich pragmatisch in das Nazi-System eingereiht. Sogar der Bischof versucht, ihn von seiner vermeintlichen "Pflicht gegenüber deinem Vaterland" zu überzeugen. "Die Kirche will es so." Dass aber auch ein Priester, der sich den Nazis widersetzte, mit seinem Leben zahlen musste, ist für den Bauern der ultimative Beweis dafür, dass er sich "dem Bösen entgegenstellen" muss: "Das habe ich doch immer gesagt, ich kann doch nicht auf dem falschen Weg sein. Wenn aber sogar ein Priester sich so entschieden hat und dafür in den Tod gegangen ist, dann darf ich es auch tun."

Zurückhaltend, aber äußerst kraftvoll verkörpert der unglaublich talentierte August Diehl seine unbeugsame Figur, dessen gewissenhafte Haltung durch innere Monologe an den Zuschauer gebracht wird. Doch nicht nur Diehl, auch Valerie Pachner als kämpferische Ehefrau, der 2019 verstorbene Bruno Ganz als Vorsitzender des Kriegsgerichts und der schon 2017 dem Krebs erlegene Mikael Nyqvist, der mit seiner Rolle als Jägerstätters Schwager noch einmal zum Leben erweckt wird, machen das Epos zu einem Hohelied auf Mut, Widerstandsgeist und Gewissen.

Der Film "Ein verborgenes Leben" läuft ab heute in den Kinos.

Quelle: ntv.de