Musik

Pfefferminzprinz & dürrer Hering Happy birthday, Westernhagen!

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Die Rente kann warten: (Marius Müller-)Westernhagen.

imago/Stefan Schmidbauer

Im vergangenen Jahr noch bekam Westernhagen den Echo für sein Lebenswerk. Heute hat der Preis das Zeitliche gesegnet, während der Pfefferminzprinz noch immer aktiv ist. Die 70 auf der Torte? Nur eine Zahl. Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch, Marius!

Mit den Ehrentagen hätte er es nicht so, das bekundete Marius Müller-Westernhagen schon zum 65. Geburtstag öffentlich. Zum runden Nuller-Ehrentag nun, zum - man mag es kaum aussprechen - 70. Geburtstag hat sich daran nichts geändert. Über den Wipfeln ist Ruh', zuletzt war Westernhagen im August mit seinem "Unplugged"-Programm in Deutschland auf Tour, mit ihm in der Band seine Ehefrau Lindiwe Suttle. Nach 25 Ehejahren hatte der Künstler sich 2013 von Romney Williams getrennt, Suttle und Westernhagen gaben einander 2017 das Ja-Wort.

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Eigentlich wären ja mal neue Songs gefragt, aber da hält Westernhagen sich bedeckt. Schaut man in die Ehrenhalle der deutschen Pop-Großkopferten, dann hat sich zuletzt doch Einiges getan. Lindenberg hat just eine umfangreiche Tournee und neue Lieder für das Jahr 2019 angekündigt, Campino und die Hosen sich in Chemnitz beim "#Wirsindmehr"-Festival ganz vorn in den Protest eingereiht, Grönemeyer mit dem Album "Tumult" mal wieder das Ohr an den Puls der Nation gelegt. Eigentlich der perfekte Moment, um dem Gassenhauer "Freiheit" das überfällige Update zu verpassen. Mit der Plattenfirma gäbe es jedoch Diskussionsbedarf, hieß es im Sommer, das ist der letzte Stand der Dinge.

Vielleicht noch einmal ein guter Zeitpunkt, die Marius-Klassiker wieder hervorzuholen, und zwar nicht nur musikalischer, sondern auch filmischer Art. Überhaupt - da gäbe es ja neben der Musik auch in Sachen Schauspiel einen Faden, der die Wiederaufnahme lohnte, gerade mit Blick auf die geradezu kultisch verehrten Anfänge des dürren Herings.

"Aufforderung zum Tanz" heißt der Film von Peter F. Bringmann und wer 1977, gewollt oder zufällig, bei der nächtlichen Ausstrahlung in der ARD landete, ging am Tag darauf mit einem neuen (Anti-)Helden im Herzen zur Maloche, aufs Arbeitsamt oder zur Schule. Marius alias Theo Gromberg kodderte und kalauerte, trank und torkelte, zockte und verlor - und stand wieder auf. Ein Kerl mit Herz und Schnauze. Und viel Durst. Das Ruhrgebiet auf zwei Beinen.

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Als Theo Gromberg schrieb Westernhagen Filmgeschichte (Szene aus "Theo gegen den Rest der Welt").

(Foto: imago stock&people)

Als im Jahr darauf "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" erschien, hatte das Ganze auch noch den adäquaten Soundtrack. Der legendäre Longplayer kommt als vertonte Aufforderung zum Tanz daher, entsprechend passgenau die Themen: Saufen ("Johnny Walker"), Geld ("Oh, Margarethe") Kneipenflirts (der Titelsong), frühe Rock'n'Roll-Sehnsüchte ("Mit 18") und die fulminante Motz-Attacke "Dicke". Die einen lachen sich ins Fäustchen ob so viel politisch unkorrekter Chuzpe, die anderen hören genauer hin und erkennen Westernhagens ironisches Pendant zu Newmans "Short People". Ganz gleich, zu welchem Lager man gehört - bei der Stelle mit dem "Na, du fette Sau" im zweiten Gitarren-Solo, nach unzähligen "Dicker, Dicker, Dicker" dahingerotzt, prusten alle los. So kackfrech rausgehauen, als hätten es Udo Lindenberg und Peter Hein zusammen mit den Straßenjungs in die Schreibmaschine gehämmert.

Unterhaltend bis verstörend

Die 80er beginnen fulminant. In "Theo gegen den Rest der Welt" mimt Westernhagen 1980 erneut Theo Gromberg - und landet damit die erfolgreichste deutsche Kinoproduktion des Jahres. Doch schließlich gerät das Jahrzehnt zu einer Partie mit zwei verschiedenen Halbzeiten. Die musikalischen Experimente der ersten Hälfte, etwa "Die Sonne so rot", goutieren die Pfefferminz-Fans nicht eben euphorisch. Doch gegen Ende der zweiten Hälfte der Dekade holt Marius sie alle wieder rein. Den Kneipentisch von einst tauscht Westernhagen, mittlerweile mit dem Fotomodell Romney Williams verheiratet, gegen die Rockerkanzel. Seine Botschaft: Frieden, das Leben als solches und mit dem Beginn der 90er die universelle "Freiheit" - zusammen mit "Wind of Change" der Scorpions der Soundtrack schlechthin für die deutsche Wiedervereinigung.

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Die Schauspielerei hängt längst am Nagel. Westernhagen, stets wie aus dem Ei gepellt, tourt und tourt, heimst Preise im Dutzend ein und verkauft die Hallen und Arenen landauf, landab aus. Der "Armani-Rocker" ist geboren. Und als solcher lässt er sich tief in die Karten schauen. Die Musikdoku "Keine Zeit" (1995) handelt von der Deutschlandtour zum Megaseller "Affentheater". Regisseur D.A. Pennebaker ("Don’t Look Back") erhält die Carte Blanche fürs Allerheiligste. Was den geneigten Fan dort erwartet, reicht von unterhaltend bis verstörend. Da stehen Edelfan Boris Becker und Babs unbeholfen klatschend bei den Proben für die Tour, dort bekommt der Maestro zwischen zwei Songs den neuen Anzug von einem tapferen Schneiderlein angezogen und die Schuhe gebunden. Hatte Westernhagen diese Zeiten gemeint, als er Jahrzehnte zuvor von der Sehnsucht zurück nach der Straße gesungen hatte?

Apropos Straße - legendär die Szene, als Marius unmittelbar nach dem Konzert das Stadion verlässt und ins Hotel kutschiert werden soll. Auf dem Rücksitz der Limousine sitzt Gattin Romney neben ihm, ein Tablett mit Häppchen unter Alufolie. Auf den Rängen skandieren noch die Fans nach einer Zugabe. Versonnen blickt Westernhagen auf die parkenden Autos hinter dem Zaun, an denen sie zügig vorbeifahren. Die Fans rufen immer noch, nicht ahnend, dass ihr Held längst auf dem Abritt ist. "Hörst du das?", fragt Marius. Romney nimmt es pragmatisch und grantelt irgendetwas von "Gut so, dann kommen wir jedenfalls nicht in den Stau." Reality bites. Der Mann im Maßanzug hat eben, genau, "keine Zeit".

Zurück auf der Straße

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Mit seinen Unplugged-Konzerten ließ er es zuletzt ruhig angehen.

(Foto: imago/Andreas Gora)

Die Nullerjahre werden zum Rückzug auf Raten, die Touren übersichtlicher, die Verkaufszahlen seiner Alben "In den Wahnsinn" (2002) und "Nahaufnahme" (2005) gehen runter. Seinem treuen Gefolge ist das gleich, im Kern bleibt der Westernhagen-Wahn derselbe. Wer einmal zwischen Elmshorn und Kiel in einen Regionalzug voller Marius-Fans auf dem Weg zum Konzert geraten ist, weiß, wovon die Rede ist. Bundesverdienstkreuz hin, Umsiedelung ins schicke Berlin her - für seine Getreuen duftet der Prinz eben immer noch nach Pfefferminz und Johnny Walker.

Sein Album "Williamsburg" gerät 2009 zum entspannten Flug über den Großen Teich. Zusammen mit US-Musikern nimmt Westernhagen im namensgebenden New Yorker Stadtteil, fernab vom hiesigen Trubel und Erwartungsdruck, ein entspanntes, im besten Sinne unambitioniertes Album auf. Zum 65. Geburtstag beschenkt Westernhagen sich und seine Fans mit einer besonderen Tournee: Er singt in kleinen Clubs, nicht schön, sondern geil und laut. Zuletzt gibt er sich akustisch reduziert, immer noch geil, aber diesmal leise.

"What's next?", möchte man fragen. Vielleicht nach dem Unplugged-Luftholen mal wieder den Stecker reinstecken und Gas geben, zurück auf die Straße mit neuem Material - wie wäre es damit? Ob das als Aufforderung zum Tanz zu verstehen ist? Aber klar doch! Bis dahin: Happy Birthday, dürrer Hering, alles Gute.

Quelle: n-tv.de

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